Berlin - Wenn Holger Nawrocki von seiner  Erfindung spricht, fallen schon nach den ersten Sätzen Wörter wie Revolution, Mut und „fette Innovation“. Der Industriekletterer und Gründer des Berliner Unternehmens Nawrocki Alpin ist sich sicher: Seine Erfindung füllt nicht nur eine wichtige Marktlücke in der Windkraftbranche. Sie soll auch die Welt ein kleines Stückchen besser machen.

Nawrocki sitzt in dem Konferenzraum seiner Firma in Pankow, neben ihm Projektleiter René Harendt. Im Hintergrund hört man Musik eines Plattenspieler – Blues. Bei der Arbeit hören Nawrocki und sein Team oft Musik, außer es ruft jemand an, erzählt er.

Auf die Idee ihrer Erfindung sind sie bei ihrer Arbeit als Industriekletterer gekommen, erzählt Nawrocki. Neben Aufträgen in den Bereichen Marketing und PR, wie zum Beispiel die Verwandlung der Kugel des Berliner Fernsehturms in einen riesigen Fußball zur WM 2006, Kunstprojekten und Arbeiten für Bau und Industrie, werden die Industriekletterer von Nawrocki Alpin auch für die Dokumentation von Windkraftanlagen eingesetzt. Bislang müssen die Anlagen dafür immer für mehrere Stunden angehalten werden, damit die Kletterer die Blätter der Anlagen fotografieren und Schäden markieren können.

Forschungsprogramm mit dem Fraunhofer Institut

„Das ist ein riesiger Aufwand“, sagt Nawrocki. Das Anhalten der Windräder fördere zudem den Verschleiß. Außerdem werde in der Zeit der Inspektion keine Energie erzeugt. Nawrocki und sein Team haben sich daher überlegt: Warum nicht eine Technik entwickeln, die auch im laufenden Betrieb der Anlagen diese dokumentieren kann? Durch ein jahrelanges Forschungsprogramm mit dem Fraunhofer Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) ist es dem Team von Nawrocki Alpin schließlich gelungen, eine Technik zu erfinden, die notwendige Fotodokumentationen ohne Anhalten der Anlage ermöglicht.

Foto: imago images
Die neue Technik ermöglicht eine Dokumentation der Windräder, ohne diese anhalten zu müssen. Ein großer Vorteil für die Betreiber.

Sie füllen damit eine Marktlücke im Gebiet der Windkraft, die in Zukunft mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien immer wichtiger wird. Bis zum Jahr 2025 sollen laut Bundeswirtschaftsministerium 40 bis 45 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien stammen. Wie die Erfindung von Nawrocki-Alpin genau funktioniert? „Da kommt die Militärtechnik ins Spiel“, sagt Nawrocki. Im Laufe der Forschungen in den vergangenen Jahren haben die Industriekletterer weiße Schwenk-Neige-Köpfe, die etwa für die Kameraüberwachung an der amerikanischen Grenze zu Mexiko eingesetzt werden, umfunktioniert.

Für eine Fotodokumentation hat das Team von Nawrocki eine Kamera auf den Schwenk-Neige-Köpfen installiert, die Aufnahmen der Blätter des Windrades in hoher Auflösung zeigen. Der Pluspunkt: Die Windkraftanlagen müssen dafür nicht angehalten werden und können daher weiter Strom erzeugen. Anschließend werde das Fotomaterial am Computer ausgewertet, erklärt Nawrocki. Für die Energieunternehmen gebe es eine Kostenersparnis von 60 Prozent.

Beantragung internationaler Patente

Die Berliner Firma hat bereits im vergangenen Jahr ein deutsches Patent erhalten, ein europäisches und eines für China und die USA haben sie schon angemeldet. Die Erfindung wolle er auf keinen Fall verkaufen, sagt Nawrocki. „Wir haben sehr viel Geld in den vergangenen Jahren in die Forschung gesteckt, weil wir diese Welt revolutionieren, besser machen wollen.“ Dazu gehöre eben auch Mut. „Wir wären erst gar keine Industriekletterer geworden, wenn wir keinen Mut hätten“, so Nawrocki. Die Bundesregierung habe die Forschung der Technologie zur Hälfte finanziert. Nawrockis Firma werde auch weiterhin Forschungen betreiben. Ein nächster Schritt soll sein, die Erfindung auch Offshore-Windparks anzubieten.

Foto: Markus Wächter
Schwenk-Neige-Köpfe aus der Militärtechnik werden zur Fotodokumentation von Windrädern umfunktioniert. 

Mit der Innovation lasse sich viel Geld verdienen, betont Nawrocki. Das bedeute aber, dieses wiederum sinnvoll für das Gemeinwohl einzusetzen. Das Geld wolle er unter anderem für soziale Projekte nutzen, etwa um Surfkurse für Kinder in Armutsvierteln weltweit anzubieten. „Man könnte da mit Organisation kooperieren und den Kindern helfen, nicht auf die schiefe Bahn zu rutschen“, sagt Nawrocki. „Ich habe da noch 1000 weitere Ideen.“ Der 54-Jährige möchte vor allem eines: mit der Innovation Verantwortung übernehmen und sich für die Freiheit der Menschen einsetzen. „Wir brauchen doch alle nicht viel, um glücklich zu sein, deswegen würde ich gerne Geld in sinnvolle Projekte, zum Beispiel in die Umweltforschung investieren.“

Klettern war eine Form der Freiheit in der DDR

Dieser Wunsch rühre auch daher, dass er in der DDR aufgewachsen ist. „Ich habe die Diktatur gehasst und habe da auch im Knast gesessen“, erzählt Nawrocki, der eigentlich Lehrer für Geschichte und Deutsch ist. Das Klettern war schon immer seine große Leidenschaft. Da habe er sich auch damals frei gefühlt.

Sein erster Einsatz als Industriekletterer war dann im Jahr 1995. Dort war er an der Verhüllung des Reichstags in Berlin durch Christo und Jeanne-Claude beteiligt. „Das war toll. Da wusste ich: Das ist genau meins, das will ich auch in Zukunft machen.“ Im selben Jahr gründete er Nawrocki Alpin. 

Dass er und sein Team nun mit seiner Erfindung Militärtechnik für die zivile Nutzung umwandeln konnten, sei „einfach wunderschön“, sagt Nawrocki. Es gebe bereits viele große Unternehmen, die Interesse an der Erfindung zeigen. Das werde sich auch weiter ausweiten, da ist sich der Berliner sicher. „Vielleicht brauchen wir bald so viele Schwenk-Neige-Köpfe, dass keine mehr übrig sind für den Einsatz an der mexikanischen Grenze“, sagt Nawrocki. „Ein Ostler macht eine Grenze durchlässiger. Das wäre doch was.“