Berlin - Bislang setzte die Bundesregierung bei drohenden Katastrophen vor allem auf Warnhinweise über die Medien und Apps wie „Nina“ und „Katwarn“ für die direkte Ansprache der gefährdeten Menschen. Die Warn-Apps sind bislang aber nur auf relativ wenigen Smartphones installiert. Und insbesondere ältere Bürgerinnen und Bürger besitzen oft zwar ein Handy, aber kein geeignetes Smartphone.

Die verheerenden Unwetter im Westen Deutschlands haben dann eine Debatte um bessere Warnmöglichkeiten der Bevölkerung ausgelöst. Am Dienstag beschlossen nun Bund und Länder, das vielfach geforderte Handy-Warnsystem Cell Broadcast einzuführen. Dabei kann eine öffentliche Stelle veranlassen, dass alle angeschalteten Handys im Bereich einer Funkzelle über die Netzbetreiber dieselbe Textnachricht erhalten.

Beim Cell Broadcast werden nicht einzelne Rufnummern (wie bei der SMS) angesprochen. Die Warnhinweise gelangen vielmehr auf alle Mobilfunkgeräte, die in der Funkzelle eingebucht sind. Solange die Warnung aufrechterhalten bleibt, werden auch Geräte erreicht, die sich neu einbuchen. Und selbst wenn das Handy stumm geschaltet ist, sind die Warnmeldungen via Cell Broadcast kaum zu überhören.

„Technisch gesehen ist das keine SMS“, sagte der Telekommunikationsexperte Nick Kriegskotte vom Digitalverband Bitkom der Nachrichtenagentur AFP. Der Unterschied ist wichtig: Braucht es fürs Versenden einer SMS eine Rufnummer, funktioniert Cell Broadcasting anonym. Datenschutzbedenken dürften dadurch weitgehend zerstreut werden.

Ähnlich wie beim UKW-Radio kann niemand feststellen, wer die Warnmeldungen empfangen hat. Im Gegensatz zur SMS oder modernen Messenger-Systemen gibt es keinen Rückkanal. Daher gilt Cell Broadcast als ein sehr datenschutzfreundliches Warnsystem. Anders als SMS würde eine Nachricht über Cell Broadcasting auch bei überlastetem Netz ankommen. Bricht allerdings das Mobilfunknetz ganz zusammen, kommen keine Nachrichten durch.

Zudem müsse die Technologie bei manchen Handys erst in den Einstellungen aktiviert werden, gab Kriegskotte zu bedenken. Das stellt ähnlich wie bei den Warn-Apps „Nina“ und „Katwarn“ eine Hürde dar, da ausreichend Menschen die Technologie aktiv nutzen müssen, damit sie ihren Zweck erfüllt.

Die Aktivierung des Cell Broadcast und der laufende Betrieb sind nicht kostenlos. Zum einen würden bei den Providern schätzungsweise 20 Millionen Euro anfallen, um die notwendigen Arbeiten im Kernnetz vorzunehmen, heißt es. Dort müssten die Antennenstandorte regionalen Warngebieten zugeordnet werden. Außerdem müssen die technischen Schnittstellen zu den Behörden eingerichtet werden. Dazu kommen laufende Kosten in geschätzter Höhe von zehn Millionen Euro jährlich. Selbst wenn Politik und Provider an einem Strang ziehen, dürfte es rund ein Jahr dauern, bis das System steht und einsatzbereit ist.

Andere Länder wie Japan und die USA setzen im Katastrophenschutz bereits ähnliche Systeme ein.