Die Lobbyisten der britischen PR-Agentur Bell Pottinger hatten sich vor allem dämlich angestellt. Vor Reportern mit versteckter Kamera brüsteten sie sich vor zwei Jahren damit, Politiker bis hin zum Premier beeinflussen zu können und als Sahnehäubchen auch noch Google-Suchergebnisse und Wikipedia-Einträge zu manipulieren. Das Ganze flog auf. Wer heute den Eintrag über Bell Pottinger Private auf Wikipedia liest, findet gleich im zweiten Absatz den Hinweis auf die peinliche Affäre. Die Internet-Mitmach-Enzyklopädie gehört zu den beliebtesten Seiten im Netz, steht auf Platz 6 der am häufigsten angeklickten Seiten weltweit. Entsprechend groß sind die Begehrlichkeiten nicht nur von Firmen, in den sie betreffenden Einträgen besonders gut wegzukommen.

Der Journalist Marvin Oppong, der im Auftrag der gemeinnützigen Otto-Brenner-Stiftung zur Wissenschaftsförderung den Einfluss von PR-Beratern auf Wikipedia untersucht hat, kommt in seiner soeben veröffentlichten Studie sogar zu dem Ergebnis, dass die Manipulationen längst kein Randphänomen mehr sind. Öffentlichkeitsarbeit finde in Wikipedia – einer Enzyklopädie, die Weltkulturerbe werden wolle – oft verdeckt statt, so der Autor. „Die interne Struktur von Wikipedia vermag es nicht, PR in Wikipedia effektiv zu verhindern.“

Wikimedia entließ Mitarbeiterin

Beispiele wie das der PR-Agentur mit dem selbsterklärenden Namen Wiki-PR scheinen ihm Recht zu geben. Wiki-PR bot Kunden gegen Bezahlung an, mit Hilfe gefälschter Accounts positive Einträge auf Wikipedia unterzubringen. Das heißt, in diesen Accounts gaben sich die Autoren als unparteiisch aus und verschwiegen Wikimedia zufolge, dass die Texte gegen Bezahlung geschrieben wurden. Wiki-PR bestritt laut Medienberichten zwar den Vorwurf, gleichwohl erwirkte die Wikimedia Stiftung, die Wikipedia betreibt, eine Unterlassungsanordnung im Oktober vergangenen Jahres. Darin wurde Wiki-PR untersagt, weitere Artikel auf Wikipedia einzutragen oder zu editieren; das Verbot sollte solange gelten, bis die Agentur wieder nachweislich alle Community-Regeln einhält.

Diese Regeln besagen zum Beispiel, dass ein Autor seinen Beitrag nicht nur mit Quellen belegen soll, sondern auch nicht verheimlichen darf, wenn er im Auftrag eines Dritten schreibt oder fürs Verfassen bezahlt wird. Vor allem Letzteres führt zu großen Debatten unter den Wikipedianern. So entließ die Wikimedia Stiftung vor zwei Wochen eine Mitarbeiterin, die gegen Bezahlung Einträge editiert oder geschrieben hatte. „Sie hat das getan, obwohl allgemein bekannt ist, dass bezahltes Editieren unter vielen in der Community und der Wikimedia Foundation verurteilt wird“, teilte die Stiftung mit.

Leonhard Dobusch, Juniorprofessor für Organisationstheorie an der FU Berlin, hält den Vorwurf, Wikipedia sei von PR unterwandert, trotzdem für überzogen. „Natürlich gibt es eine immanente Anfälligkeit für Einflussnahmen: Zum einen, weil Wikipedia offen ist für alle, jeder kann etwas ändern. Und zweitens, weil die Änderungen anonym geschehen können. Beide Dinge zusammen sind sicherlich Einfallstore für PR-motivierte Manipulationen.“ Die Artikel, die viel gelesen würden und deshalb besonders relevant seien, seien aber gerade daher vor Manipulationen besonders geschützt. „Wenn da jemand versucht, PR unterzubringen, fällt das sofort auf.“

Wikipedia funktioniere nicht fehlerlos, aber die größten Probleme gibt es nach seiner Ansicht in jenen Artikeln, die eher randständig sind und keinen interessieren. „Wenn da etwas Falsches drin steht, fällt es womöglich nicht auf, weil es keiner liest.“ Sein Fazit lautet daher: „Wikipedia ist nicht anfälliger für PR als herkömmliche Medien. Es gibt andere Möglichkeiten der Einflussnahme durch die Anonymisierung, aber es gibt wiederum andere Instrumente, dagegen vorzugehen.“

Nur wenige Frauen unter den Autoren

Eines dieser Instrumente ist die Watchlist. Ein Administrator wird sofort informiert, wenn ein Text geändert wird. Änderungen können mit einem Klick zum Frust vieler Schreiber umgehend gelöscht werden. Der Wissenschaftler, der zu digitalen Gemeinschaften forscht, weist auch darauf hin, dass die Möglichkeit der Anonymität eines der wichtigen Charakteristika von Wikipedia ist. Nicht jeder traue sich sonst, über möglicherweise Kompromittierendes wie sexuelle Vorlieben, Krankheiten oder ähnliche heikle Themen zu schreiben.

Wenn es eine Schlagseite bei Wikipedia gibt, dann ist dies nach Ansicht von Dobusch die fehlende Vielfalt bei den Autoren. Denn Schätzungen zufolge sind nur maximal 16 Prozent der Online-Schreiber Frauen. „Das ist gerade für eine Enzyklopädie, die sich den neutralen Standpunkt auf die Fahne geschrieben hat, ein großes Problem. Früher haben westliche weiße Männer die Welt erklärt, jetzt tun sie es immer noch.“ Offenkundig ist es schwieriger, Frauen zum Mitschreiben zu gewinnen, als PR zu entlarven.