Wilde Lust am Bild: Künstler verständigen sich nur per Fotos

New York - Die Geschichten, die zuletzt aus den Hallen des Metropolitan Museum an die Öffentlichkeit drangen, klangen wie eine Realsatire über die Schwierigkeiten einer altehrwürdigen Kunstinstitution im digitalen Zeitalter relevant zu bleiben. Die Kurzversion der Vorgänge liest sich wie folgt: Das Museum, eines der größten der Welt, engagiert mit Thomas Campbell einen Fachmann für mittelalterliche Teppichkunst, um es in die komplizierte, multimediale Zukunft zu  führen. Dieser zettelt waghalsige Projekte an und führt das überaus erfolgreiche Haus, eine Art Schatzkammer der Weltkultur, an den Rand des Bankrotts.

Keine komponierten Werke

Thomas Campbell, der umstrittene Direktor, musste kürzlich gehen, seine wenig durchdachte Digitalisierungskampagne wurde drastisch zurückgefahren. Die Anstrengungen, das Met zu aktualisieren, sind deshalb jedoch nicht begraben. So lockt der Ableger für zeitgenössische Kunst, das Met Breuer, in diesem Sommer mit einer Großausstellung zur politischen Video-Kunst.

Im alten Haupthaus an der Fifth Avenue versucht man die Massen mit einer Ausstellung zur japanischen Modemarke Comme des Garcons zu begeistern. Dazu gibt es eine Werkschau des jahrzehntelangen Hausfotografen der Mode-Zeitschrift Vogue, den großen Fotokünstler Irving Penn.

Vergleichsweise bescheiden kommt das Projekt daher, mit dem das Met Akzente in der neuen Welt der Bits und Bytes setzt, auf welche die meisten Museen von Rang bislang befriedigende Antworten schuldig bleiben. In einem einzigen der mehr als 300 Ausstellungsräume des Museums findet eine Diskussion darüber statt, wie im Zeitalter von Smartphone-Kameras und Foto-Online-Diensten wie Instagram die Fragen neu gestellt werden,  was Bilder sind und was sie leisten. Für das Projekt „Talking Pictures“ hat das Met zwölf Künstler darum gebeten, mit einem Partner ihrer Wahl über mehrere Monate alleine  mittels Smartphone-Aufnahmen einen Dialog zu führen. Die Künstler waren dazu angehalten, die Bilder zum Sprechen zu bringen.

Austausch über das Mutterwerden

Das Projekt ist eine Verneigung vor der Art und Weise, wie wir alle in unserem Alltag Bilder benutzen. Es werden täglich geschätzte 1,2 Milliarden digitale Fotos produziert und im Internet geteilt – über Instagram, Facebook, WhatsApp oder einfach nur als SMS.

Die überwiegende Mehrheit dieser Bilder sind keine sorgfältig komponierten Werke, die entscheidende Momente festhalten. Es sind beiläufige Bilder, auf denen oft Banales zu sehen ist. Aber darum geht es nicht. Es geht darum auf persönliche Art und Weise etwas mitzuteilen – einen Gemütszustand, eine momentane Laune, oder eine Situation zu zeigen, die für einen Augenblick die Aufmerksamkeit fängt und die dann direkt geteilt wird.

Die Künstler der Met-Ausstellung haben dieses Bild-Vokabular verinnerlicht. Das Gespräch zwischen den Fotografinnen Manjari Sharma und Irina Rozovsky über ihre zeitgleiche Schwangerschaft etwa ist ein intimer Austausch über das Mutterwerden.

Die rund 120 Bilder der beiden Frauen sind wie eine lange, freie Assoziationskette. Manchmal greift eine Frau eine Form oder einen Gegenstand aus dem Bild der anderen auf und setzt diese auf ihre Weise um – eine Vase, eine verschmierte Windschutzscheibe, das Innere eines Autos während einer Fahrt. Manchmal wird mit völlig anderen Mitteln eine Stimmung erkannt und wiedergegeben – ein prä-verbales Zeichen eines tiefen gegenseitigen Verständnisses.

Eine Art vorsprachliche Sprache

So zeigt die Ausstellung in ihren besten Momenten, wie Bilder im Universum der sozialen Medien funktionieren können: Als eine Art vorsprachliche Sprache, die in flüchtigen Augenblick ein profundes, unterbewusstes Verständnis herstellen kann. Das ist auch wunderbar in dem Austausch zwischen dem nigerianisch-amerikanischen Schriftsteller Teju Cole und der Journalistin Laura Poitras rund um die Wahl von Donald Trump zu beobachten.

Beide bleiben in ihren Alltagsbeobachtungen scheinbar in ihren jeweiligen Obsessionen verhaftet: Cole sammelt Fundstücke, die allgegenwärtigen Rassismus belegen, Poitras sieht überall Zeichen der unausweichlichen Überwachung. Doch beiden ist das tiefe Unbehagen mit der politischen Lage gemein, das nach der Wahl im Verstummen von Poitras mündet. Cole tröstet sie mit Bildern von Blumen.

Bisweilen stacheln sich die Künstler in „Talking Pictures“ auch zum Bildwitz und zur visuellen Pfiffigkeit an, wie die beiden Grafiker Nicholas Blechman und Christoph Nieman, die gegenseitig ihre Bilder verfremden oder  in andere Medien übertragen. Zeichnungen werden mit Bildern vermischt, realistische Fotos mit Haushaltsgegenständen nachgebaut. Es herrscht eine wilde Lust am Bildermachen.

Das alles ist nicht sehr museal, so wie die Werkschau von Irving Penn einen Stock tiefer. Stattdessen stellt es die gefährliche Frage, ob die Fotografie der Aufwertung durch das Museum überhaupt noch Bedarf. Jahrzehntelang haben Museen wie das Met zu beweisen versucht, das Fotografie Kunst ist. Die jetzige Ausstellung zeigt, das Fotografie viel mehr sein kann. Die neue Bilderwelt der sozialen Medien ist das Leben selbst. Immerhin traut sich das Met nun wenigstens in einem kleinen Raum, sich dieser Tatsache zu stellen.