Berlin - Herr Schepers, warum haben Sie diese Studie über die Rückkehr der großen Wildtiere nach Europa in Auftrag gegeben?

Wir haben gesehen, dass da etwas in Bewegung ist. Dass zum Beispiel die Population der Seeadler steigt und Wölfe nach Deutschland zurückkehren. Aber es gab bisher keine wissenschaftliche Studie, die diesen Trend fundiert über viele größere Tierarten hinweg für ganz Europa erfasst.

Wollten Sie nicht auch einfach einmal für gute Nachrichten sorgen?

Im Naturschutz geht es häufig genug darum, wie man negative Entwicklungen stoppen kann. Es ist schon toll zeigen zu können, dass Naturschutz etwas zum Positiven wendet. Unsere Studie ist auch ein Kompliment an die EU. Sie hat schon vor geraumer Zeit mit der Vogelschutzrichtlinie und der Habitatrichtlinie wichtige rechtliche Grundlagen geschaffen. Sie haben einen großen Einfluss auf die Entwicklung.

Überall auf der Welt heißt es, die Artenvielfalt sei in Gefahr. Ist Europa hier eine rühmliche Ausnahme?

Nein, nein! Wir haben für die Studie solche Arten herausgegriffen, denen es heute besser geht als noch vor 20, 30 oder 40 Jahren. Aber das ist keine Auswahl, die repräsentativ ist für die Artenvielfalt Europas. Insgesamt nimmt die Biodiversität auch in Europa weiter ab. Das gilt vor allem für viele kleinere Tiere wie beispielsweise Insekten, für die viel schwerer gezielte Naturschutzarbeit gemacht werden kann.

Wo genau liegt der Schlüssel zum Erfolg für die Rückkehr der großen Wildtiere?

Es gibt zwei Hauptfaktoren. Der erste ist der gesetzliche Schutzstatus für die Tiere, wie ihn die EU festgelegt hat. Das ist wirklich grundlegend. Der zweite sind gezielte Artenschutzprogramme. Dazu gehört das Züchten und Wiedereinführen von Tieren in die freie Natur, die Verbesserung ihrer Lebensräume, und auch die Aufklärung der Bevölkerung.

Viele Menschen hegen Ängste, wenn es um freilaufende Wildtiere geht, vor allem bei Bären, Wölfen oder Geiern. Wie kann man die Akzeptanz in der Bevölkerung steigern?

Die meisten Ängste sind völlig unbegründet. Sie haben nichts mit der Realität zu tun. Hier ist Aufklärung gefragt. Die Europäer müssen erst wieder lernen Seit’ an Seit’ mit solchen Tieren zu leben. Dass das möglich ist, zeigen viele Beispiele in Europa und der Welt. Rewilding Europe führt deshalb auch eine europaweite Kommunikationskampagne zum Naturerbe Europas durch. Ein Beispiel dafür ist die große Fotoausstellung „Wild Wonders of Europe“, die im Sommer 2012 schon in Berlin zu sehen war.

Mit solchen Bildern begeistern Sie die Menschen in der Stadt. Was ist mit den Menschen auf dem Land, die fürchten, ein Wolf könnte ihre Schafe reißen?

Ihnen muss man Hilfe anbieten, indem man alle möglicherweise entstehenden Schäden ersetzt. Es geht aber auch darum, Lösungen zu finden, wie man Schäden durch die Wildtiere vermeiden kann. Wenn die Massai in Kenia ihre Rinder in Regionen halten können, wo es auch Löwen gibt, sollte in Europa die Koexistenz von Wölfen und Schafen möglich sein. Zumal die Rückkehr der Wildtiere den Menschen auf dem Land neue Chancen bietet.

Welche Chancen meinen Sie?

Die Wildnis kann für die Menschen in ländlichen Gebieten eine neue Einkommensquelle bieten. Man denke an eine Wirtschaft, die sich um diese Wildtiere dreht. Menschen können Reisen buchen, um Bären oder Wölfe zu sehen, wo sie die wilde Natur erfahren können. Das wäre eine Alternative, anstatt die Landwirtschaft in marginalen Regionen immer weiter mit Steuergeldern teuer zu subventionieren. Ich könnte mir vorstellen, dass das Naturerbe Europas in Zukunft eine größere wirtschaftliche Rolle spielen wird als noch heute.

Wird es künftig in Europa mehr Wildnis geben?

18 Prozent der Fläche der EU stehen heute als Natura-2000-Gebiete unter Naturschutz. Das ist sehr positiv. Jetzt stellt sich die Frage, wie wir mit dieser Menge Natur umgehen, wie wir sie managen wollen. Rewilding Europe wirbt dafür, dass wir die Natur viel mehr sich selbst überlassen. Die natürlichen Prozesse sollten dort die Landschaft prägen, anstatt dass wir Menschen das tun. Das ist nicht nur besser für die Natur, sondern auch noch deutlich kostengünstiger.

Das Interview führte Lucian Haas.