Falls demnächst jemand ein paar mächtige Zottelgestalten mit gebogenen Hörnern durch einen nordrhein-westfälischen Wald trotten sieht, leidet er nicht unter Halluzinationen. Er ist nur der ersten freilebenden Wisent-Herde begegnet, die Deutschland seit dem 16. Jahrhundert zu bieten hat. Voraussichtlich diesen Monat will der Trägerverein „Wisent-Welt-Wittgenstein“ eine Gruppe von acht Tieren im Rothaargebirge freilassen.

Gespannt warten Wissenschaftler und Naturschützer auf die Erfahrungen, die das Team dabei machen wird. Denn diese könnten den größten Säugetieren Europas auch die Rückkehr in andere Regionen erleichtern. Ähnliche Projekte sind in Nordspanien und auf der dänischen Insel Bornholm geplant. Bisher konnten die bärtigen Wildrinder dagegen nur in Osteuropa ein wirkliches Comeback feiern.

Nachdem die Art in den 20er-Jahren in freier Wildbahn ausgestorben war, hatten Naturschützer Anfang der 50er-Jahre die ersten in Gefangenschaft gezüchteten Tiere im Bialowieza-Urwald an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland angesiedelt. Und auch in einigen anderen Ländern wie Russland oder der Ukraine gibt es wieder freilebende Herden. „Für West-Europa dagegen ist unser Vorhaben bisher einmalig“, sagt Michael Emmrich, der Pressesprecher des Projekts im Rothaargebirge.
So leben Deutschlands Wisente derzeit nur hinter den Zäunen von Zoos, Gehegen und speziellen Reservaten wie der „Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide“ westlich von Berlin. Im Rothaargebirge dagegen werden sie künftig frei durch den Wittgensteiner Wald nördlich von Bad Berleburg streifen. Ohne Zaun ringsum. Mehr als 4 000 Hektar möglicher Lebensraum wird sich am Tag der Freilassung vor ihnen erstrecken.

Was aber ist von den künftigen Nachbarn auf vier Hufen zu erwarten? Mit dieser Frage haben sich im Vorfeld Wissenschaftler von vier Universitäten und etliche freie Kollegen beschäftigt. „Bevor das nordrhein-westfälische Umweltministerium im Dezember die Freilassung genehmigt hat, mussten wir etwa 70 Seiten Fragen nach möglichen Folgen beantworten“, erinnert sich Michael Emmrich. So ist zum Beispiel bekannt, dass so ein Wisent nicht nur bescheiden an ein paar Halmen knabbert, sondern bis zu 60 Kilogramm Pflanzenmaterial am Tag verdrückt. Von Rinde über Gras und Laub bis hin zu jungen Bäumen verschwindet alles Erreichbare in seinem Maul. Werden die Rückkehrer auf vier Hufen in ihrer neuen Heimat also größere Schäden anrichten?

In dem knapp 90 Hektar großen Eingewöhnungsgehege, in dem sie bis zu ihrer Freilassung leben und das auch Teil ihres künftigen Reiches sein wird, haben sie sich jedenfalls nicht zurückgehalten. Es gibt dort ein kleines Tal, in dem die landwirtschaftliche Nutzung vor Jahren aufgegeben wurde. Die offenen Flächen mit ihren Orchideen und anderen seltenen Arten verschwanden daraufhin mehr und mehr unter Gestrüpp. Doch damit haben die Wisente aufgeräumt: „Die wuchernden Brennnesseln und Himbeeren haben sie weitgehend niedergefressen, einzelne Fichten mit den Hörnern traktiert“, berichtet Jörg Tillmann von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der sämtliche Forschungsarbeiten rund um das Projekt koordiniert.
Wenn sie das Eingewöhnungsgehege verlassen haben, dürfte ihr Einfluss nach Einschätzung der Wissenschaftler aber schwinden. Schließlich soll sich die Herde in den nächsten Jahren auf maximal 20 bis 25 Mitglieder vermehren. Die aber werden auf einer Fläche von mehr als 4 000 Hektar wohl keine größeren Spuren hinterlassen, meint Jörg Tillmann: „Die vielen Hirsche, Rehe und Mufflons im Gebiet dürften viel mehr Einfluss auf die Vegetation haben.“

Was aber, wenn sie den Wald verlassen und ihren Hunger auf Äckern und Wiesen stillen? Ihre Kollegen im Nordosten Polens machen das schließlich auch. Im Fachjournal Environmental Management berichteten Emilia Hofman-Kamińska und Rafał Kowalczyk von der Polnischen Akademie der Wissenschaften kürzlich über die Konflikte, die dadurch entstehen. Vor allem in der Zeit zwischen Dezember und März vergreifen sich Wisente demnach zunehmend an Wintergetreide, Raps und Heumieten in der Nähe des Bialowieza Urwaldes und des Knyszyn Waldes. In den Jahren 2000 bis 2010 hat der polnische Staat insgesamt 196 200 Euro ausgegeben, um Bauern zu entschädigen.

„Solche Probleme sind im Rothaargebirge aber nicht zu befürchten“, ist Jörg Tillmann sicher. Zum einen betreibt in der kargen Mittelgebirgslandschaft heute kaum noch jemand Ackerbau, die Tiere könnten also allenfalls unerlaubt auf einer Wiese grasen. Zum anderen werden die Projektmitarbeiter die Wisente in der kalten Jahreszeit füttern. Denn die Täler, in denen die Huftiere früherer Jahrtausende im Winter ihren Hunger gestillt haben, sind längst bebaut und fallen damit als Wisent-Restaurants aus. „Über das Futter aber kann man die Tiere sehr gut lenken“, erklärt Jörg Tillmann. Da sollten sich unerwünschte Plünderungen verhindern lassen.

Ohnehin werden die zotteligen Rückkehrer nicht unbeobachtet in ihrer neuen Heimat unterwegs sein. Die Leitkuh wird einen Sender um den Hals tragen, so dass die Forscher ihre Herde jederzeit orten können. Sie interessieren sich etwa dafür, wo die Tiere fressen und wo sie schlafen. Vielleicht kreuzen sie auf ihren Streifzügen ja auch regelmäßig eine Straße? „Dann können wir überlegen, ob man Verkehr oder Tiere umleiten sollte“, erklärt Jörg Tillmann. Schließlich kann so ein Wisent-Bulle durchaus 900 Kilogramm auf die Waage bringen.

Auch Spaziergänger werden den Neuankömmlingen wohl eher selten begegnen. Und wenn doch, haben sie nichts zu befürchten. Das zeigen die Erfahrungen im polnischen Bialowieza-Urwald, wo zahllose Touristen unterwegs sind, ohne mit den Waldbewohnern aneinanderzugeraten. Zum anderen haben Biologen der Universität Siegen ausführlich getestet, wie die künftigen Bewohner des Rothaargebirges auf Menschen reagieren. Im Eingewöhnungsgehege haben sie die Tiere zum Beispiel mit Skiläufern und Radfahrern konfrontiert, mit Wanderern, Fotografen und Hunden. „Alle Tiere stammen ja aus Gehegen und sind deshalb an Menschen gewöhnt“, erklärt Jörg Tillmann. „Trotzdem sollten sie die Flucht ergreifen, wenn ihnen Menschen oder Hunde zu nahe kommen.“

Bis auf eine Kuh haben alle Wisente diesen Test bestanden. Ihre Fluchtdistanz beträgt derzeit etwa 40 Meter und die Forscher gehen davon aus, dass sie sich nach der Freilassung weiter vergrößern wird. „Man kennt das von ausgebrochenen Kühen“, sagt Jörg Tillmann. „Schon nach relativ kurzer Zeit in Freiheit zeigen die ein Fluchtverhalten wie ein Wildrind.“

Zu Beginn des Projekts habe es in der Bevölkerung durchaus Vorbehalte gegen die Freilassung gegeben: „Manche Skeptiker wussten allerdings nicht einmal, dass es sich um Pflanzenfresser handelt.“ Inzwischen aber haben die vielen Begegnungen in der Wisent-Wildnis den Tieren ein viel besseres Image beschert. Die neuen Nachbarn können kommen.