Berlin - Das Internet scheint grenzenlos zu sein – und genau das kann zum Problem werden, wie aktuelle Debatten über Hasskomentare in sozialen Medien zeigen. Regeln für die digitale Welt sind wichtig, da ist sich Cornelius Puschmann sicher. Der Kommunikationswissenschaftler forscht am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) in Berlin. Zusammen mit dem Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung hat das HIIG die Konferenz der Association of Internet Researchers, der Gesellschaft der Internetforscher, organisiert.

In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt der Konferenz auf Regeln für das Internet. Warum?

Zahlreiche Forscher untersuchen die Regulierung und Strukturierung des Internets. Zum Beispiel durch Staaten, Politik und Recht, aber auch in den Nutzer-Communities, durch Algorithmen und auf Plattformen.

Die Idee von Regeln ist ja nicht neu, vor 15 Jahren gab es ja zum Beispiel schon die Netiquette für Chatrooms.

Aber die Regulierung ist heute genauso wichtig. Internet war damals, in den 1990er-Jahren und Anfang der 2000er-Jahre, eher eine Subkultur. Am Anfang haben es eher Nerds genutzt, sie haben eigenen Konventionen für einen andersartigen Raum gebraucht und aufgestellt. Aber mittlerweile sind es nicht mehr einzelne Gruppen, die das Internet nutzen. Im Vergleich zur Frühphase des Netzes wird es heute viel stärker und unabhängiger von Alter, Geschlecht und Einkommen genutzt. Im Internet gelten inzwischen nicht mehr völlig andere Regeln als offline.

Wie ist denn heute der Stand der Dinge bei der Regulierung?

Es gibt einen zunehmenden Hang dazu, auf Regulierung als Mittel zurückzugreifen, und einen zunehmenden Einfluss von Akteuren wie dem Staat und der Politik. Das Internet ist kein Wilder Westen mehr.

Wie schätzen Sie den Einfluss auf das Internet in Deutschland ein?

Verschiedene gesellschaftliche Akteure interpretieren ihre Eingriffsmöglichkeiten in der digitalen Welt sehr unterschiedlich. Und bestimmte Rechtsverstöße, wie die Verbreitung von Kinderpornografie oder Urheberrechtsverstöße, können leichter verfolgt werden als andere. In anderen Ländern wird das Internet sehr stark gefiltert, zum Beispiel im Iran, China und Russland. Initiativen wie die Internet Rights and Principles der Vereinten Nationen zielen darauf ab, Menschenrechte auch im Internet festzuschreiben.

In den vergangenen Wochen waren Hasskommentare wie bei Facebook oft Thema. Wie ist die wissenschaftliche Sicht darauf?

Bestimmte Facebook-Kommentare, die nicht gelöscht werden, erfüllen Straftatbestände wie etwa Volksverhetzung. Sie sind also rechtlich bedenklich. Facebook geht noch nicht konsequent gegen diese Inhalte vor. Aber für diese Kommentare brauchen wir keine neuen Regeln, sondern die bestehenden müssen angewendet werden.

Wie widmen Sie sich dem komplexen Thema Internet wissenschaftlich?

Die Forschung dazu ist sehr heterogen, die Experten kommen aus unterschiedlichen Fachrichtungen wie Soziologie, Jura, Philosophie und Politikwissenschaft. Denn wenn man zu Internet forscht, ist das nicht aus einer Perspektive heraus möglich. Ein wichtiger Aspekt ist zum Beispiel, wie Nutzer mit dem Internet umgehen. Etwa Gruppen, die Diskriminierung ausgesetzt sind. Ein aktuelles Beispiel ist die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA. Da wird untersucht, wie sich die Menschen vernetzen, sich über eine weite geografische Distanz austauschen und solidarisieren. Aber sie sind online auch Anfeindungen ausgesetzt.

Was wird da untersucht?

Die Menschen in dieser Bewegung werden einerseits ganz klassisch befragt, aber auch die Nutzung von sozialen Plattformen wird analysiert. Für die politische Kommunikation bringt so eine Online-Untersuchung interessante Ergebnisse. Derzeit gibt es viele Beiträge zum US-Wahlkampf und der Meinungsbildung in sozialen Medien. So polarisiert Donald Trump mit seinen Twitter-Aktivitäten ganz stark. Forscher können beispielsweise Daten zu Followern und sich entwickelnden Netzwerken untersuchen oder Vergleiche zu anderen Präsidentschaftskandidaten ziehen.

Und wie können Internetnutzer beeinflusst werden?

Durch sogenannte Filterblasen. Wenn man zum Beispiel bei Facebook die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Welt liked, dann werden dem Nutzer andere Inhalte und Vorschläge angezeigt, als demjenigen, der die taz und neues deutschland abonniert hat. Das hat mit Algorithmen zu tun, die einen Einfluss auf die Auswahl der Inhalte haben können.

Facebook ist mit 1,7 Milliarden aktiven Nutzern eine starke Plattform.

Das stimmt. Auf der Konferenz wurde viel über die Dominanz einzelner sozialer Medien, wie eben Facebook, diskutiert und was man daran ändern könnte: Ob zum Beispiel die Regulierung eine Möglichkeit wäre oder die Etablierung anderer Plattformen.