Aufmerksamkeit zu erzielen, ist offenbar alles. Denn nur Wissenschaftler, die aus der Masse herausstechen, können wirklich Karriere machen. Zum einen gelingt das, indem sie die Ergebnisse ihrer Forschungen in renommierten Fachjournalen veröffentlichen.

Umfangreiche Publikationslisten sind ein wichtiges Kriterium für Berufungen auf Professorenstellen, vordere Plätze auf Rankinglisten und die Ehrung mit Forschungspreisen. Wenn Forscher dann auch in den Arbeiten anderer Kollegen zitiert werden, erhöht sich die Aufmerksamkeit weiter. Je mehr Beiträge und Nennungen – desto besser.

Doch dieses System ist manipulierbar und kann auch Forschern zum Erfolg verhelfen, die sich mit ihren eigentlichen Leistungen nicht mehr hervorgetan haben als andere.

„In den Geisteswissenschaften schreiben meist ein oder zwei Forscher einen längeren Artikel“

Bislang fehlten Daten, um diesen Fehler im System zu belegen. Drei Berliner Wissenschaftler haben nun Informationen dazu zusammengetragen. Sie untersuchten in 27 Fachbereichen, von Astronomie bis Wirtschaft, wie viele Forscher an wissenschaftlichen Beiträgen mitgearbeitet haben.

„In den Geisteswissenschaften schreiben meist ein oder zwei Forscher einen längeren Artikel“, sagt Martin Schmidt, Gastwissenschaftler am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft. „In den Naturwissenschaften gibt es wesentlich mehr Autoren. Die Zahlen, die wir ermittelt haben, sind zum Teil erschreckend hoch.“

Schmidt und seine beiden Kollegen Benedikt Fecher und Christian Kobsda analysierten Veröffentlichungen in Fachjournalen aus den Jahren 2010 bis 2016. Demnach hat der Bereich Physik und Astronomie mit Abstand die meisten Autoren – im Durchschnitt 1 268 Personen pro Publikation. Dahinter folgen Beiträge in Biochemie, Genetik und Molekularbiologie mit durchschnittlich 17 Verfassern, in Medizin sind es im Schnitt elf Autoren.

1,1 Wörter pro Person

„Im Fach Physik haben wir ein besonders extremes Beispiel gefunden: Eine Veröffentlichung von 5.154 Autoren“, sagt Martin Schmidt. Er promoviert an der Universität Potsdam in Geoökologie. „Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Meinung und Kommentare von mehr als 5.000 Menschen auf einem Papier zusammengebracht werden können.“

Aber die Personen seien als Autoren vermerkt, das bedeute, sie haben vermeintlich etwas geschrieben. Der Artikel zum Higgs-Teilchen erschien im Jahr 2015. Er ist sieben A4-Seiten lang – hätten alle genannten Autoren mitgeschrieben, kämen auf jeden 1,1 Wörter. Einige Autoren waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verstorben.

Um die Qualität der Forschung und von Fachpublikationen zu sichern, gibt es Richtlinien für eine gute wissenschaftliche Praxis. Diese definieren ebenfalls den Begriff Autor. Die Technische Universität (TU) Berlin schreibt in ihren Leitlinien, dass ein Autor nur ist, „wer einen wesentlichen Beitrag zu einer Veröffentlichung geleistet hat“.

Wer gilt als Autor?

Was genau das bedeutet, wird nicht ausgeführt. Die Freie Universität (FU) Berlin vermerkt in ihrer Satzung, dass „Ehrlichkeit im Hinblick auf Beiträge von Kooperationspartnern, Mitarbeitern und Konkurrenten“ zu guter wissenschaftlicher Praxis gehören. Doch auch hier fehlt die genaue Definition.

Beiden Hochschulen gemein ist die Formulierung über die „Verantwortung aller Autoren für jeden Teil gemeinsamer wissenschaftlicher Veröffentlichungen“.

Deutlicher bei der Definition eines Autors wird das Internationale Komitee der Herausgeber für medizinische Journale (ICMJE). Demnach gilt jemand als Autor, der „einen substanziellen Beitrag zur Interpretation von Daten“ geleistet und „die Arbeit verfasst“ hat, der „die finale Zustimmung zur Veröffentlichung gibt“ und „für das gesamte Werk verantwortlich ist“ – dies sind nur einige Aufgaben, die ein Autor alle übernehmen müsste.

Im Bereich Medizin wird die Top-20-Liste angeführt von Gregory Lip

Martin Schmidt und seine Kollegen haben in ihrer Untersuchung bei jeder Disziplin ausgewertet, welche 20 Autoren zwischen 2010 und 2016 die meisten Artikel mitverfasst haben. In Physik und Astronomie ist das Alessio Bocci. Der italienische Physiker soll an 993 Beiträgen wesentlich mitgeschrieben haben.

Ginge man davon aus – wie die Berliner Forscher es berechnet haben –, dass Bocci an 250 Tagen im Jahr arbeitete, hätte er im Abstand von weniger als zwei Tagen einen Artikel veröffentlichen müssen. Obwohl der Physiker offenbar so prominent ist, erhält man erstaunlich wenige Informationen über seine derzeitige Anstellung.

Im Bereich Medizin wird die Top-20-Liste angeführt von Gregory Lip, der an der University of Birmingham forscht und lehrt. In sieben Jahren war er an 651 Veröffentlichungen beteiligt – rechnet man mit 250 Arbeitstagen im Jahr, hat er alle drei Tage einen Beitrag mitverfasst. Da das eher unwahrscheinlich ist, stellt sich die Frage, wie diese hohe Zahl zustande kommt.

Für die Berliner Forscher ist klar, dass der Begriff Autor nicht mehr zeitgemäß ist

„Das ist nicht einfach zu beantworten. In Physik hängt das oftmals mit den riesigen, aufwendigen Projekten wie in der großen Forschungseinrichtung Cern zusammen“, erklärt Schmidt. Da werden alle Forscher und Mitarbeiter aufgeführt, die einen Beitrag geleistet haben, wie zum Beispiel ein wichtiges Gerät besorgen und bedienen. Wie auch bei der Veröffentlichung mit über 5.000 Autoren.

Für die Berliner Forscher ist klar, dass der Begriff Autor nicht mehr zeitgemäß ist. Besonders in den naturwissenschaftlichen Bereichen würde dieser Begriff die Arbeit der einzelnen nicht mehr abbilden. In ihrer Veröffentlichung sprechen Schmidt und seine Kollegen deshalb von Fabrikwissenschaft.

Demnach braucht es viele kleine Arbeitsschritte, bis eine Veröffentlichung entsteht. „Es gibt zum Beispiel Personen, die haben ein Projekt gedanklich mitentwickelt und sich um die Finanzierung gekümmert, sind aber keine Autoren“, sagt Schmidt.

"Als Hauptautor gilt meist, wer als erstes in der Autorenzeile steht“

Es liege auch nahe, dass viele Forscher in Führungspositionen gar nicht wissen, dass sie als Autoren auf einem Artikel stehen. Denn es gibt auch interne Absprachen in Teams oder Einrichtungen, durch die der Name von Forschern in die Autorenzeile gelangen (siehe Interview rechts).

"Als Hauptautor gilt meist, wer als erstes in der Autorenzeile steht“, sagt Martin Schmidt. Doch in den Fachjournalen werde nicht noch einmal geprüft, ob die Zahl der Autoren ihre Richtigkeit hat. Somit ist es schwierig, die einzelne Leistung von Forschern zu beurteilen.

Der Wert ihrer Arbeit und auch der Forschungseinrichtung, in der sie arbeiten, wird auch durch Veröffentlichungen bemessen. Davon hängen Jobangebote, Fördergeld für Projekte und auch die Bewertung wissenschaftlicher Einrichtungen ab. Das schlägt sich unter anderem in internationalen Vergleichen nieder.

Martin Schmidt: „Aufmerksamkeitsökonomie generell ist nichts Schlechtes. Es wird aber problematisch, wenn es ausufert und getrickst wird, um sich einen Vorteil zu verschaffen.“