In einem Wald bei Munster in der Lüneburger Heide begegnet eine Spaziergängerin am hellen Tag mehreren Wölfen. Ein weiteres Tier zeigt sich direkt am Ortsrand des Dorfes Ehlbeck im Landkreis Lüneburg. Und in der Nähe von Soltau läuft ein Artgenosse minutenlang neben einem Streifenwagen her und wird so zum Star eines polizeilichen Handy-Videos. Vor allem in Niedersachsen haben die grauen Raubtiere in den vergangenen Wochen Schlagzeilen gemacht. Stück um Stück erobert der Wolf einen Teil seines früheren Verbreitungsgebietes zurück. Und da er dabei zunehmend auch in dichter besiedelten Regionen auftaucht, gibt es immer mehr Zeugen für sein Comeback.

Dabei hatten seine Zukunftsaussichten in Deutschland lange mehr als düster ausgesehen. Schon um 1850 war die Art weitgehend ausgerottet, Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Jäger dann auch die letzten Wölfe zur Strecke gebracht. Zwar fand auch danach immer mal wieder ein Tier den Weg über die polnische Grenze. Doch erst als Abschüsse nach der Wende auch im Osten Deutschlands verboten wurden, bekamen diese Zuwanderer eine Chance. Und die nutzten sie zuerst in Sachsen. Dort ließ sich 1998 ein Wolfspaar auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz nieder. Zwei Jahre später sorgten diese beiden Tiere zum ersten Mal seit 150 Jahren wieder für wilden Wolfsnachwuchs in Deutschland.

Seither sind die Wölfe auf dem Vormarsch. Denn Platz und Nahrung gibt es für sie genug. Laut einer Studie des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) in Bonn könnten in Deutschland heute theoretisch mehr als 400 Rudel leben. Davon sind die tatsächlichen Bestände noch weit entfernt. Doch immerhin ist die Zahl der dokumentierten Rudel und Paare bereits auf mehr als 30 angewachsen, dazu kommen noch etliche sesshafte Einzelwölfe. Nicht nur Sachsen ist mittlerweile wieder zum Wolfsland geworden, auch in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen leben jeweils mehrere Rudel. In Brandenburg ist die Population nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums auf 90 Exemplare angewachsen; nicht alle haben ihre Freude an den Heimkehrern: Sieben der streng geschützten Tiere wurde in Brandenburg nachweislich erschossen, zuletzt Ende März im Elbe-Elster-Kreis. In einem Fall fehlte dem Wolfskadaver der Kopf.

Für angebliche Wolfs-Beobachtungen am Stadtrand von Berlin gibt es bisher zwar noch keine hieb- und stichfesten Beweise. Schließlich ist nicht jeder Wolf bereit, sich per Foto oder eindeutigem Pfotenabdruck überführen zu lassen. Für ausgeschlossen halten Experten eine Hauptstadtvisite aber nicht. Schließlich haben sich im näheren Umkreis bereits mehrere Rudel angesiedelt. Vom Truppenübungsplatz Lehnin im Landkreis Potsdam-Mittelmark sind es zum Beispiel keine 50 Kilometer bis zum Wannsee. Noch näher hätten es die Wölfe aus Sperenberg im Landkreis Teltow-Fläming, die vielleicht 25 Kilometer bis zur Stadtgrenze zurücklegen müssten.

Für einen Wolf ist das nicht einmal eine Tagesreise, zeigen die Ergebnisse eines Forschungsprojekts des Bundesamtes für Naturschutz. Gesa Kluth und Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus im sächsischen Spreewitz haben zwischen 2009 und 2011 sechs Wölfe in der Lausitz gefangen und mit GPS-Sendern um den Hals wieder freigelassen. So konnten die Forscherinnen die Bewegungen der Tiere per Satellit verfolgen. Demnach sind Wölfe sehr mobile Wanderer, die mehr als 70 Kilometer pro Tag zurücklegen und dabei durchaus erfolgreich Flüsse und Autobahnen überwinden können. Allerdings ist die Reiselust keineswegs bei jedem Tier gleich stark. So verließ einer der beobachteten Rüden sein Rudel und wanderte in rund zwei Monaten 1550 Kilometer weit bis nach Weißrussland. Ein Weibchen dagegen blieb auch nach zwei Jahren noch bei seiner Familie.

Wölfe sind nach Einschätzung von Experten Individualisten. Zwar verlassen die meisten im Alter von einem bis zwei Jahren ihr Rudel, um anderswo nach einem Partner und einem geeigneten Territorium zu suchen. Wann sie sich aufmachen und wohin sie dann gehen, ist allerdings kaum vorauszusagen.

Bei den deutschen Wölfen gibt es zwar einen auffälligen Trend zu Reisen in Nordwestrichtung. Warum das so ist, wissen die Experten nicht.

Einige Forscher vermuten, dass die Tiere als Welpen auf ihre Umgebung geprägt werden. Bisher wachsen die meisten in offenen Landschaften wie etwa Heidegebieten auf. Vielleicht haben sie deshalb eine Vorliebe für solche Lebensräume und breiten sich daher lieber Richtung Niedersachsen und Schleswig-Holstein aus statt etwa in die wildreichen Wälder im Harz und anderen Mittelgebirgen. Es könnte allerdings auch sein, dass die Tiere in den offenen Landschaften nur leichter zu beobachten sind und deshalb früher auffallen als anderenorts.