Die Begeisterung für Computerspiele ist in der Corona-Zeit deutlich angestiegen. 
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HamburgKinder und Jugendliche in der Lockdown-Phase zu Hause. Keine Möglichkeit Freunde zu treffen. Keine Erlaubnis Fangen oder Fußball zu spielen. Und die Schulen sind auch geschlossen. Was tun? Eine gemeinsame Studie des Universitätsklinikum Eppendorf und der Krankenkasse DAK-Gesundheit zeigt, dass in den vergangenen Monaten Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 17 Jahren sehr viel Zeit mit digitalen Spielen und in den sozialen Medien verbracht haben. In Zahlen: 75 Prozent mehr Zeit als im Vorjahr. 

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: DAK-Gesundheit

Ist dieser Wert erschreckend oder doch nur logisch, weil sich die Lebensbedingungen der Menschen in den vergangenen Monaten massiv verändert haben? Der Bundesverband der Games-Branche verweist darauf, dass selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO im Rahmen der Kampagne #PlayApartTogether die Nähe zu Spiele-Herstellern gesucht habe, um ihre Hygiene- und Abstand-Botschaften zu verbreiten. Klare Botschaft: So schlimm können Spiele also nicht sein.

Die Experten auf dem Podium während der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie in Berlin erinnerten auch an die Vorzüge der Computerspiele in der Krisenzeit. Sie sei Mutter von neunjährigen Zwillingen, berichtete die Drogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU), in der Notsituation sei es schon hilfreich gewesen, die Kinder vor dem Tablet zu parken.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: DAK-Gesundheit

Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) in Hamburg, erklärte, dass es nicht darum gehe, Computerspiele und soziale Medien zu verteufeln. „Sie sind ein Gewinn für unsere Gesellschaft“, sagte er. Seine Begründung: Die Spiele hätten einen hohen Freizeitwert und eine beachtliche kommunikative Bedeutung. Und in Zeiten des Lockdowns konnten sie Kinder davor bewahren, auf die Straße zu gehen und unbedacht mit anderen zu spielen. Langeweile bekämpfen und soziale Kontakte zu haben, die beiden Gründe wurden von den Kindern denn auch als Nutzungsmotive zuerst genannt. 

Die Studie ergab jedenfalls, dass bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen zehn und 17 Jahren, die mindestens einmal pro Woche spielen, die Nutzungsdauer von Spielen auf Tablets, Smartphones, Spielkonsolen oder am PC deutlich anstieg: Während im September vergangenen Jahres die durchschnittliche Spieldauer werktags noch bei 79 Minuten lag, kletterte sie im April – also rund vier Wochen nach Beginn des Corona-Lockdowns – auf 139 Minuten.

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Warnsignale für pathologische Mediennutzung*

Kontaktverhalten: Der Jugendliche geht jeglicher Begegnung aus dem Weg, Gespräche verlaufen eher flüchtig und oberflächlich.  Nutzungszeiten: Die Zeit, in der der Jugendliche das Internet oder das Smartphone oder den Computer nicht nutzt, wird immer kürzer. Sonstige Freizeitaktivitäten werden vernachlässigt oder ganz aufgegeben. Tagesstruktur: Der Jugendliche ist bis in die Nacht hinein im Internet aktiv, er schläft deutlich weniger oder in einem anderen Rhythmus als früher, er ist oft müde. Affekt: Der Jugendliche reagiert launisch, wütend, depressiv verstimmt, wenn er keinen Internet- oder Computer-Zugang hat. Nachlässigkeit: Es kommt zu Versäumnissen bei der Erfüllung von Aufgaben und Verpflichtungen. Selbstreflexion: Betroffene selbst haben oft große Schwierigkeiten ihren Internetgebrauch realistisch einzuschätzen und sind deshalb dazu auf Hilfe von außen angewiesen. 

Damit verbunden ist die Gefahr, dass viel mehr Jugendliche auch mit Spielen in Kontakt gekommen sind, die nicht nur einen harmlosen Zeitvertreib bieten wie früher die klassischen Gesellschaftsspiele in der Familie. Als besonders gefährdend für Kinder werden Spiele bezeichnet, in denen es dem Nachwuchs schwerfällt, seine Gruppe, oft Gilde genannt, zu verlassen. Gemeinsam hat es eine Gruppe geschafft, Aufgaben zu lösen, ist Level um Level nach oben gestiegen, nur ist dann eigentlich die Zeit gekommen, um sich zu verabschieden und ins Bett zu gehen. Aber deshalb die Freunde im Stich lassen und den Erfolg der Gruppe gefährden? Nicht nur Kinder und Jugendliche haben in diesem Moment Schwierigkeiten, sich für die Gesundheit zu entscheiden.

Im vergangenen Jahr sorgte ein Fußballtrainer in der englischen Premier-League für Schlagzeilen, weil er die  Netzverbindung für seine Spieler bei Auswärtsspielen kappen ließ. Ralph Hasenhüttl, der beim FC Southampton das Sagen hat, beklagte, dass die  Profis zu viel Zeit mit Computerspielen verbracht hatten. Von den Spielen „Fortnite“ und „Apex Legends“ war die Rede.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: DAK-Gesundheit

Der Trainer blockierte kurzerhand den Internet-Zugang auf Auswärtsfahrten. Seine Begründung: „Es ist kein kleines Problem. Wenn du ehrlich bist, ist es dasselbe wie Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit.“ Die Fußballprofis hätten bis drei Uhr morgens vor einem Spiel gezockt. „Du musst aktiv sein und sie schützen“, sagte Hasenhüttl noch. 

Ähnlich äußerten sich auch Ludwig und Thomasius in Berlin, als sie über die Verantwortung der Eltern sprachen. Der Mediziner machte seine Forderung an Zahlen deutlich, das Ergebnis: Die Eltern haben ihre Kontrollfunktion in der Corona-Zeit schleifen lassen. Abgefragt wurde, ob die Eltern prüften, was und wie lange ihre Kinder spielten. Außerdem ging es um Konsequenz. Hielten sich die Kleinen auch an die Vorgaben? In allen Bereichen ermittelten die Forscher einen gesunkenen Wert.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: DAK-Gesundheit

Thomasius beobachtete in der Spielebranche auch einen Trend dazu, Glücksspiele zu implementieren. So würden Kinder und Jugendliche sehr früh an diese süchtigmachende Form des Spielens herangeführt, beklagte er. Die Drogenbeauftragte forderte die Hersteller deshalb auf, im Rahmen des Jugendschutzes den Eltern beim Kauf schon verständlich zu machen, welche Wirkung das Spiel haben kann.

Und wenn es dann doch zur Sucht gekommen sein sollte, dann bliebe pro Jahr in ungefähr 500 Fällen nur eine intensive Betreuung, die stationäre Behandlung über einen längeren Zeitraum könne auch dazugehören, sagte Thomasius noch. 

*Die Hinweise stammen vom Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters und der Krankenkasse DAK-Gesundheit.