In Zeiten menschenleerer Verkehrsmittel greifen wir umso stärker auf digitale Angebote zurück. 
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Frankfurt am Main - Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand, aber das Netz ist stabil. Die Infrastruktur am weltweit wichtigsten Knotenpunkt in Frankfurt am Main steht unter Dauerbelastung, hält dem Stresstest aber stand. Von massiven Störungen bei den Netzbetreibern in Deutschland ist auch nichts bekannt.

Diese Stabilität führt dazu, dass die Bürger im Schnellverfahren lernen, dass das World Wide Web viel mehr Möglichkeiten bietet, als Mails zu verschicken, kostenlos Kurznachrichten per WhatsApp zu senden und im Netz zu shoppen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) geht davon aus, dass das Digitale die Bedingungen politischer Gestaltung stärker verändert als alles, was seit der Französischen Revolution geschehen ist. Er sieht für die Bürger die Chance, politische Prozesse stärker mitzugestalten.

Revolutionäre Chance politischer Partizipation? 

Das klingt spannend, in der Realität gibt es aber noch viel zu lernen: Einige Politiker fordern in der Corona-Krise gar den Zugriff auf alle Bewegungsdaten der Bürger. Dabei gibt es das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Das Netz ist also kein rechtsfreier Raum.

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Das Land erfährt gerade ein Update, wird auf ein neues Level katapultiert. Viel zu lange haben sich viele Entscheider gegen die Digitalisierung gewehrt, der schleppende Breitbandausbau in den ländlichen Regionen ist nur eines von vielen Beispielen. Zaghaft wurde ein Digitalpakt beschlossen, zögerlich in Künstliche Intelligenz investiert und die Chancen des Cloud-Computing viel zu lange übersehen.

Wie großartig wäre es, wenn die Bildungsminister darauf gedrängt hätten, den Schulunterricht stärker zu digitalisieren? Dann hätten viele Lehrer und Eltern zurzeit nicht die Probleme, digitale Klassenzimmer zu nutzen. In Wirklichkeit ist es doch so, dass viele Kinder die Hausaufgaben in diesen Tagen noch per Mail zugeschickt bekommen. Oder wie hilfreich wäre es, wenn es stabile Strukturen gäbe, anonymisierte Patientendaten digital auszuwerten? Noch aber gehören Faxgeräte in den Gesundheitsbehörden zur Standardausstattung.

Digitalisierter Unterricht hätte aktuelle Sorgen vermieden

Dabei gibt es genug Potenzial in dem Land, die Start-up-Szene wird von Investoren mit Milliarden unterstützt. Die Bundesregierung hatte vor einer Woche einen Hackathon initiiert, an dem etwa 27.000 Programmierer, Informatiker und Kreative teilgenommen haben. Herausgekommen sind so viele Ideen für die Krise, dass die Bekanntgabe der Gewinner um einen Tag auf den heutigen Montag verschoben werden musste.

Noch ein Aspekt: Homeoffice. Viele Firmenchefs fürchteten noch vor Wochen den Kontrollverlust bei dem Gedanken, ihre Mitarbeiter zu Hause arbeiten zu lassen. Zurzeit gibt es in vielen Bereichen keine Alternative dazu. Und das Zwischenergebnis? In Foren wird oft gefragt, wie man was besser machen kann zu Hause.

Das deutet daraufhin, dass die Arbeitnehmer die Sache ernst nehmen. Das macht Hoffnung auf flexibleres Arbeiten mit neuen Strukturen und Organisationsformen. Dienstreisen sollten vor diesem Hintergrund zum Luxus werden, Web-Konferenzen an Bedeutung gewinnen und Fortbildungen viel häufiger als Webinare und weniger als Präsenzseminare angeboten werden. Im Hinblick auf   Emissionsausstoß und Klimawandel macht das Hoffnung.

Netzwärme aus liebevollen Freunden und guten Chats?

Und im privaten Bereich? Social distancing ist derzeit eines der Schlagwörter. Die Menschen ziehen sich gezwungenermaßen ins Private zurück. Der Kollege Volker Heise hat in seiner Kolumne neulich von Selbstisolierung geschrieben. Amazon statt Einzelhandel, Streaming statt Kino und Chatten statt Pläuschchen im Treppenhaus. Stimmt wohl. Angenehmer ist aber das Gefühl, das Sascha Lobo, der Vordenker der digitalen Gesellschaft, mit dem Begriff Netzwärme geschaffen hat. Er verbindet mit dem Wort sein Netzwerk bestehend aus liebevollen Freunden und guten Chats.

Bei so einer Wortschöpfung kann man schnell die Hacker, die Verbreiter von Fake News und die Geheimdienste mit ihren Staatstrojanern vergessen – die Netzkälte also. Aber das tut auch mal ganz gut.