Ein Mann hört über Kopfhörer und Computer Nachrichten  in Schallwellenform dargestellt (Symbolfoto)
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BerlinIn der zweiten Staffel der ebenso legendären wie rätselhaften amerikanischen Fernsehserie „Lost“ finden die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf ihrer Insel eine seltsame Luke mitten im Urwald. Die Luke führt in einen Bunker hinein, in dem eine Forschungsstation aus den 70er- und 80er-Jahren versteckt ist. Auf einem altertümlichen Computer läuft dort eine Uhr rückwärts: Alle 108 Minuten, so wird es den Gestrandeten eingeschärft,  muss in diesen Computer eine bestimmte Zahlenfolge eingegeben werden. Geschieht das nicht, geht die Welt unter.

Gibt es zu dieser fiktiven Weltrettungsmaschine möglicherweise eine real existierende Entsprechung? Einige Menschen glauben das, weshalb sie immer mal wieder auf ihrem Weltempfänger die Kurzwellenfrequenz 4625 Kilohertz einstellen. Ein Rauschen und Knistern hören sie dort, das regelmäßig von einem kurzen, etwa eine Sekunde langen, tiefen Brummton unterbrochen wird. Danach rauscht es wieder drei Sekunden, bis es erneut brummt. So geht das tagein, tagaus. 24 Stunden lang. Rauschen, brummen, rauschen, brummen … Nur ab und zu, in sehr unregelmäßigen Abständen alle paar Wochen, setzt der Brummton plötzlich aus und eine Stimme spricht russische Namen und Zahlen: „Ya UVB-76, Ya UVB-76. 180 08 BROMAL 74 27 99 14. Boris, Roman, Olga, Mikhail, Anna, Larisa. 7 4 2 7 9 9 1 4“, zum Beispiel. Danach rauscht und brummt es wieder weiter. Und solange es brummt auf dieser Welle, davon sind manche Zuhörer überzeugt, bleibt die Welt in den Fugen.

Geheimnisvolle Botschaften aus den Weiten Russlands

Der seltsame Brummton und die geheimnisvollen Botschaften kommen aus den Weiten Russlands, was zum Mythos des wohl berühmtesten Kurzwellensignals der Welt beiträgt. Die Funkerszene hat den mysteriösen Sender längst „The Buzzer“ getauft, das englische Wort für einen Summer- oder Brummton. Offiziell trägt die Station, die seit 1973 ununterbrochen „on air“ ist, den Sendernamen Y-01, nachdem sie in der Vergangenheit auch schon die Stationskennungen UVB-76, MDZhB, 94ZhT, ZhUOZ und ANVF hatte.

Kurzwellenfans und Radionerds aus aller Welt wollen herausgefunden haben, dass Y-01 vermutlich zu einem von den russischen Streitkräften betriebenen Senderverbund des westlichen Militärbezirks namens „Vulkan“ gehört. Die Funktion des anfangs als Piepton, seit 1990 als Brummton ausgesandten Signals aber bleibt weiter rätselhaft. Nur die russische Armeeführung könnte das Rätsel wohl lösen, aber sie schweigt. Und lässt es weiter brummen.

Kontrollstation für russische Atomraketen?

So müssen sich die „Buzzer“-Fans weiter den Kopf darüber zerbrechen, was es mit dem geheimnisvollen Signal und den verschlüsselten Botschaften auf sich hat. Eine der Erklärungen lautet, dass der Sender in das sowjetische Atomwaffensystem eingebunden sein könnte. Eine Art Kontrollstation, die die Atomraketen im Zaum hält: Solange es brummt und rauscht, bleiben die Raketen in ihren Bunkern.

Tatsächlich existiert seit Sowjetzeiten ein Atomwaffen-Führungssystem mit der Bezeichnung „Petimetr“. Das im Westen auch unter dem Namen „Tote Hand“ („Dead Hand“) bekannte Notfallsystem soll aus mehreren Sendern bestehen, die sich beim Verdacht eines bevorstehenden Atomangriffs anfunken. Anschließend schickt das System eine Nachricht an den Generalstab. Bleibt eine Antwort aus, geht das System davon aus, dass die eigenen Befehlsgeber durch den Erstschlag der Gegenseite getötet wurden, und löst selbstständig einen Befehl zum atomaren Gegenschlag an die Atom-U-Boote und die mit Sprengköpfen bestückten Flugzeuge aus. Gehört der „Buzzer“ zu diesem „Tote Hand“-System?

Andere wiederum zählen den „Buzzer“ zu den Zahlensendern. Zahlensender sind Hörfunkstationen, über die Geheimdienste verschlüsselte Informationen an im Ausland operierende Spione versenden. Diese Nachrichten bestehen meist aus Zahlen- und Buchstabenfolgen, die nur vom Empfänger entschlüsselt werden können. Die seit den Zeiten des kalten Krieges von Ost und West betriebenen Zahlensender werden über Kurzwelle ausgestrahlt, weshalb sie mit einem Weltempfängerradio nahezu überall auf der Erde gehört werden können. Auch heute, im Zeitalter der digitalen Kommunikation, gibt es immer noch solche Sender. Die meisten funken aus dem Osten – Russland, China, Taiwan, Nord- und Südkorea. Aber auch Kuba, Ägypten und Vietnam sowie einige westliche Dienste schicken nach wie vor codierte Zahlenfolgen durch den Äther.

Also steuert der „Buzzer“ entweder russische Agenten im Westen oder Atomraketen im Osten? Jochen Schäfer bezweifelt beides. „Diese Erklärungen sind – nun ja, nennen wir es Legenden“, sagt der Marburger, und es klingt, als hätte er lieber Spinnerei gesagt. Aber der 47-Jährige will sachlich bleiben, denn über den „Buzzer“ spricht er als deutscher Sektionschef von Enigma2000, einer weltweit vernetzten Vereinigung von Amateurfunkern, die systematisch Kurzwellenfrequenzen nach Militär- und Spionagesendern durchsuchen. „Wir gehen eher davon aus, dass der Buzzer ein Sender des russischen Militärnetzwerks ist und zu den sogenannten Monolith-Stationen gehört“, sagt Schäfer. „Das sind Stationen, die vom Militär betrieben werden und verschlüsselte Nachrichten an Militärangehörige senden, die im In- und Ausland stationiert sind.“

Kommunikation über Radiofrequenzen hinterlässt keine Spuren

Aber ist es noch zeitgemäß, auf diese Weise Nachrichten zu versenden, wenn es doch längst interne digitale Kommunikationsnetzwerke gibt? Ja, sagt Schäfer. Natürlich hätten in der Vergangenheit viele Geheimdienste und auch das Militär ihre Kommunikationskanäle verändert, sie gehen heute oftmals über Satelliten oder übers Internet. „Das haben wir auch daran festgestellt, dass viele Zahlensender in den letzten Jahren ihren Betrieb eingestellt haben. Nur ist der Weg über Radiofrequenzen immer noch der sicherste. Anders als in der digitalen Kommunikation gibt es kaum Spuren, die sich verfolgen lassen: Man weiß zwar, wer es sendet, aber nicht, wer es empfängt“, erklärt Schäfer. Und zu knacken seien die Nachrichten ohnehin nicht, weil der Zahlen- und Buchstabencode ständig verändert werde.

Und welche Art von Informationen verschickt nun der russische „Buzzer“, wenn diese Zahlen- und Buchstabenfolgen doch so selten zu hören sind? „Ich denke, dass es sich dabei um verschlüsselte Militärnachrichten handelt“, sagt Schäfer und räumt dann aber doch ein: „In gewisser Weise tappen wir da im Dunkeln. Zumal es immer wieder mal seltsame Dinge zu hören gab auf dem Sender.“ So sei einmal von dem „Buzzer“-Sprecher in einer verschlüsselten Nachricht ganz deutlich der Name eines Aktivisten aus der Enigma-Community genannt worden. Der Mann, ein Ausländer, sei in der weltweiten Zahlensender- und Kurzwellenszene sehr bekannt, meint Schäfer. „Deshalb glauben wir nicht, dass die Nennung seines Namens ein Zufall war.“

Der „Buzzer“ bleibt geheimnisvoll

Die „Buzzer“-Fans haben in den letzten Jahren immer mal wieder Merkwürdigkeiten registriert. So fiel ihnen auf, dass seit der Jahrtausendwende die Zahl der Botschaften zugenommen hat. Am 16. Januar 2003 löste plötzlich sogar ein neues Signal den Brummton ab: Kurzzeitig war ein höherer Ton längerer Dauer zu hören, bevor dann wieder das gewohnte Signal ertönte. Aufmerksame Kurzwellen-Hörer haben auch davon berichtet, gelegentlich Gesprächsfetzen, das Summen einer Maschine, ein zeitweiliges Rumpeln und andere zufällige Hintergrundgeräusche aufgeschnappt zu haben. Das könnte dafür sprechen, dass der Brummton nicht direkt in den Sender eingespeist, sondern in einem Studio mittels Mikrofon aufgenommen wird.

Eine der bisher eigentümlichsten Sprachnachrichten schließlich ging am 3. November 2001 über den Äther. Ein knapper Dialog auf russischer Sprache war da zu hören, ins Deutsche übersetzt lautete er so: „Hier Einhundertdreiundvierzig! Ich empfange den Generator nicht.“ – „Das ist, was der Betriebsraum sendet!“

Der aufregendste Zwischenfall in der scheinbar so gleichförmig ablaufenden „Buzzer“-Welt ereignete sich jedoch im Jahr 2010. Am 7. Juni war fast den gesamten Tag über der Brummton nicht zu hören. Als das Signal wieder einsetzte, erklang außer dem Ton auch Musik – der „Tanz der vier kleinen Schwäne“ aus Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“. In den folgenden Monaten registrierten Hörer noch weitere Seltsamkeiten, darunter eine bis neun zählende Frauenstimme, ein gemorstes Fragezeichen, ein weiteres Musikstück oder scheinbar zufällig mitgeschnittene Telefongespräche.

„Buzzer“-Fans bringen diese Ereignisse mit einem möglicherweise 2010 erfolgten Umzug des Senders in Verbindung. Bis dahin sollen Studio und Sendeanlage in einer heute verlassenen Militäreinrichtung im Dorf Powarowo in der Nähe von Moskau gestanden haben. Für den Umzug sei die „Buzzer“-Sendung dann einen Tag lang unterbrochen worden. Seit Ende 2014 ist auch der neue Standort von Y-01 bekannt – ein einsamer Ort in der Nähe von St. Petersburg. Welchem Zweck seine Sendeanlagen und kryptischen Botschaften dienen, bleibt aber weiterhin ein Geheimnis.