Lara*, geschätzte 14 Jahre, liegt in ihrem Bett, kuschelt ihren Kopf in die Bettdecke mit Sternenmuster, spielt mit den Fingern an einer Haarsträhne, formt einen Schmollmund und legt ihren Kopf keck zur Seite. 273 Menschen schauen ihr im Internet dabei zu. Die Kamera, die diese Szene aufnimmt, liegt auf ihrer Decke.

„Zieh dich doch mal aus“

Unter ihrem Video läuft ein Livechat. „Du bist voll hübsch.“ „Süüüüß.“ „Zieh dich doch mal aus.“ Artig bedankt sich Lara für die Komplimente: „Danke, ihr seid voll lieb.“ Oder auch: „Nein, ich zieh´ mich doch nicht aus, wenn du nackte Frauen sehen willst, geh´ doch zu Youporn.“

Nach Facebook, Instagram und Youtube ist nun die US-Streaming-Plattform YouNow in Deutschland angekommen. Ein Trend, der vor allem Jugendliche anlockt. Vom Kinderzimmer aus senden Kinder und Teenager per Smartphone mit einer App oder per Webcam vom Computer private und intime Aufnahmen in die Welt. Live und direkt - und oftmals ohne das Wissen der Eltern. Eine eigene One-Kid-Show auf der Jagd nach möglichst vielen Zuschauern, Gefällt-Mir-Angaben und virtuellen Geschenken, die man auf dem Portal abgeben kann.

Seit drei Jahren gibt es den Dienst schon, doch erst seit einigen Wochen scheinen deutsche Jugendliche von der Streaming-Welle eingenommen zu sein. Das Portal verzeichnet einen Zuwachs von 250 Prozent in den letzten Wochen - ausschließlich in Deutschland. Eigentlich war YouNow für Musiker vorgesehen, die mit ihren Fans in Kontakt treten sollten. Das hat sich jetzt offenbar verlagert, Musiker findet man zumindest nicht auf den ersten Blick.

Mehr als eine funktionierende Internetverbindung braucht es für die eigene Live-Sendung nicht. Genau das ist das Erfolgsrezept von YouNow: Jeder kann zusehen, kostenlos und ohne Registrierung. Jeder kann auch mitmachen und im Chat Kontakt zu den Mädchen und Jungen aufnehmen. Ohne große Hindernisse, denn hierzu braucht man lediglich einen Facebook-, Twitter- oder Google+-Account. Die Altersvorgabe von 13 Jahren kann bei diesen Diensten leicht umgangen werden, zuverlässliche Kontrollen gibt es nicht.

Schlaraffenland für Pädophile

Daten- und Kinderschützer sind alarmiert, denn die sorglose Inszenierung der Jugendlichen zieht nicht nur Gleichaltrige an, sondern ist auch für Pädophile ein Schlaraffenland. Anmachen und obszöne Kommentare gehören zum Alltag, wer sich genau dahinter verbirgt, erfährt man nicht.

Zwar heißt es in den Nutzungsregeln von YouNow, dass Männer und Frauen unter 18 Jahren „vollständig bekleidet sein müssen“ und niemand andere Teilnehmer „in irgendeiner Form zur Nacktheit anstiften“ dürfe, doch inwieweit das zu kontrollieren ist, ist fraglich. „Bei einem Livestream nutzen diese Verbote zudem reichlich wenig, denn meist ist es schon zu spät, bevor der Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen auffällt. Daran ändert auch die Tatsache, dass das Portal 24 Stunden durch die Verantwortlichen überwacht wird, nichts“, warnt Christian Solmecke, Rechtsanwalt für IT- & Internetrecht auf seinem Blog.

Stiftet jemand ein Kind zu sexuellen Handlungen an, droht dem Täter nach dem Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Nach dem Sexualstrafrecht gelten Personen unter 14 Jahren als Kinder.

Doch noch ein anderes rechtliches Problem ergibt sich mit dem neuen Livestream-Trend. Die Jugendlichen bleiben mit ihren Kameras nicht nur in ihren Kinderzimmern. Manche streamen aus dem Klassenzimmer, aus der Sporthalle oder dem Freizeitclub - ohne dass Beteiligte davon wissen.

So wie Christina*: Das blonde Mädchen mit der blauen Bluse, geschätzte 16 Jahre, filmt sich selbst beim Biologieunterricht. Im Hintergrund hört man die Lehrerin über Zellkerne referieren. „Wisst ihr, was der für eine Funktion hat?“, fragt die Lehrerin, die ganz sicher nichts über die Live-Schalte ins Netz weiß.

"Dreh´ mal deine Kamera"

Im Chat wird Christina aufgefordert, die Kamera zu drehen, damit ihre Fans die Mitschüler und auch die Lehrerin besser sehen können. Das Mädchen reagiert und dreht die Kamera ein wenig, während sie lasziv auf dem Bleistift knabbert.

In der Fünf-Minuten-Pause auf der Toilette erklärt Christina, dass die Lehrerin ihr Smartphone fast entdeckt hätte. Kichern.

Dass das Mädchen sich damit strafbar macht, weiß sie sicherlich nicht. „Bei der Übertragung der Live-Chats werden zum Teil gravierende Verstöße gegen das Persönlichkeits- und Urheberrecht begangen“, erklärt der Kölner Medienanwalt Solmecke. Genau wie bei Youtube-Videos müssen bei den Liveübertragungen auch das Recht am eigenen Bild und die Urheberrechte beachtet werden.

Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Die meisten unbeteiligten Personen bekommen es ja noch nicht einmal mit, dass sie gerade live im Internet zu sehen sind.

*Alle Namen geändert