Sie siedeln im Mund und verkriechen sich am liebsten in tiefe Höhlen, in die kein Sauerstoff mehr gelangt. Für Bakterien, die Entzündungen auslösen, ist der Spalt zwischen Zahn und Zahnfleisch ideal. Dort finden sie reichlich Nahrung, sind sicher vor der Zahnbürste und vermehren sich rasant. Wenn es diesen Mikroben gutgeht, steht es allerdings schlecht um den betroffenen Zahn. Denn die kleinen Übeltäter sondern Gifte ins Zahnfleisch ab. Es entzündet sich und die Strukturen, die den Zahn halten, ziehen sich nach und nach zurück.

In Deutschland hat ungefähr die Hälfte der Erwachsenen eine Zahnbetterkrankung, auch Parodontose oder wissenschaftlich korrekt Parodontitis genannt. Sie führt dazu, dass sich Zähne lockern und ausfallen. Studien belegen darüber hinaus, dass ein krankes Zahnbett Diabetes und Herzerkrankungen begünstigen kann. Und bei Schwangeren erhöht sich das Frühgeburtsrisiko.

Anzahl schwerer Fälle halbiert

Kein Wunder, dass Zahnmediziner alles daran setzen, diese oft wenig beachtete Krankheit zu bekämpfen. Die vor einigen Monaten vorgestellte Deutsche Mundgesundheitsstudie liefert in dieser Hinsicht interessante Informationen. Denn sie zeigt, dass die Erkrankung zwar immer noch gravierende Ausmaße hat, sich aber endlich auf dem Rückzug befindet. Die Wissenschaftler versuchen derzeit herauszufinden, wie diese Entwicklung zu erklären ist. Auf diese Weise hoffen sie, fundierte Vorsorgeempfehlungen geben und die Erkrankung weiter eindämmen zu können.

Für die Mundgesundheitsstudie waren drei Teams in ganz Deutschland unterwegs. Sie haben die Münder von rund 4 600 Menschen begutachtet und die Probanden zu ihrer Ernährung, Zahnpflege, Gesundheit, Bildung sowie Lebenseinstellung befragt. Die Erhebung zeigte, dass rund 11 Millionen Deutsche eine schwere Parodontitis mit tiefen Zahnfleischtaschen haben.

Bei der Vorgängerstudie vor zehn Jahren war diese Zahl noch viel höher. Besonders stark ist die Parodontitis den neuen Daten zufolge bei den 35- bis 44-Jährigen und bei den 65- bis 74-Jährigen zurückgegangen. In diesen Altersgruppen hat sich die Zahl der schwer Betroffenen halbiert. Wie die Studie darüber hinaus ergab, sind die Entzündungen bei diesen Patienten mittlerweile weniger stark ausgeprägt und auch die Zahl der gelockerten Zähne ist rückläufig.

„Mit Sicherheit hat die Abnahme der Parodontitis etwas mit dem Rauchen zu tun“, sagt Thomas Kocher, Universitätsprofessor in Greifswald und einer der Autoren der Studie. Da das Rauchen in der Öffentlichkeit weitgehend verboten wurde, habe die Gefährdung durch den Tabakrauch stark abgenommen. Was vielen nicht klar ist: Die giftigen Substanzen im Zigarettenqualm schädigen nicht nur die Lunge, sondern auch den Mundraum. Sie können dort Krebs auslösen – und Parodontitis.

Raucher haben je nach Zigarettenkonsum ein bis zu 15-fach erhöhtes Risiko für eine Zahnbetterkrankung. Die Giftstoffe des Tabaks sammeln sich im Speichel, umspülen Zähne und Zahnfleisch und schädigen das Gewebe. Sind die Zahnhaltestrukturen erst entzündet, verläuft die Erkrankung bei Rauchern meist gravierender als bei Nichtrauchern. Besonders tückisch ist, dass Rauchen das typische Warnsignal einer Parodontitis unterdrückt: Zahnfleischbluten. So kommt es, dass die Erkrankung oft erst spät erkannt wird.

Unbestritten ist, dass eine gute Zahnpflege der Parodontitis wirksam vorbeugt. Das bestätigen tendenziell auch die Ergebnisse der Mundgesundheitsstudie. Denn sie zeigen, dass die Deutschen Fortschritte auf diesem Gebiet gemacht haben. Demnach bürsten sie mittlerweile nicht nur gründlicher, sondern reinigen zumeist auch die Zahnzwischenräume.

Rund die Hälfte der Erwachsenen benutzt heute Zahnseide, vor rund 15 Jahren war es nur ein Viertel. Und mehr Menschen greifen zu den Bürstchen, die es seit den 90er- Jahren gibt. Diese kleinen Helfer sind sehr wichtig. „Selbst wenn man Zahnseide und die Bürstchen für die Zahnzwischenräume nicht optimal anwendet, verringern sie die Beläge zwischen den Zähnen trotzdem“, erläutert Kocher. „Und was dann noch übrig bleibt, ist nicht mehr so gefährlich.“

Der Greifswalder Zahnmediziner und seine Kollegen haben darüber hinaus festgestellt, dass diejenigen, die regelmäßig zur sogenannten Professionellen Zahnreinigung beim Zahnarzt erscheinen, ein gesünderes Zahnfleisch haben als ihre Altersgenossen, die sich die Prophylaxe-Sitzung sparen. Dabei wäre es eine gute Investition: Senioren, die einmal jährlich ihre Zähne professionell säubern lassen, bleiben im Schnitt mehr Zähne erhalten.

Auch die allgemein verbesserte Zahngesundheit begünstigt vermutlich den Rückgang der Parodontitis. Bei den meisten Menschen bleiben die Zähne inzwischen länger ohne Karies und sie bekommen seltener Kronen und Füllungen. Auch das könnte ein wichtiger Einfluss sein, meint Kocher. Wenn nämlich die Übergänge zwischen Füllungen und dem Zahn nicht perfekt glatt sind, entstehen Nischen, in die sich Zahnbelag einlagert.

Wie bedeutend die jeweiligen Faktoren wirklich sind, ist noch unklar. Ist der Rückgang des Rauchens ausschlaggebend oder die bessere Mundhygiene? Ist es die professionelle Zahnreinigung, die so gut wirkt? Ein wichtiger Aspekt ist auch der Einfluss sozialer Faktoren, etwa der Bildung. Bevor die Wissenschaft konkrete Empfehlungen geben kann, müsse sie die Daten noch stärker unter die Lupe nehmen, sagt Thomas Kocher.

Untersuchung mit der Sonde

Der Berliner Experte Henrik Dommisch, Professor am Charité-Centrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, sieht schon jetzt große Fortschritte in der Aufklärung über die Krankheit. Sowohl Ärzte als auch Patienten wüssten inzwischen mehr über Parodontitis. Für Zahnmediziner gebe es mittlerweile bessere Fortbildungen zu dem Thema. Das sei auch nötig, sagt er, das Wissen aus dem Studium reiche bei weitem nicht aus.

Und vielen Patienten sei inzwischen klar, dass eine Parodontitis nie endgültig geheilt ist. Daher kommen sie regelmäßig zu Nachsorgeuntersuchungen, die die Erkrankung über die akute Entzündungsphase hinaus in Schach halten sollen. Mehrmals im Jahr erscheinen sie zur Kontrolle in der Praxis und der Arzt sucht das Zahnfleisch mit einer Sonde auf Zahnfleischtaschen und Blutungen ab. Darüber hinaus werden Beläge beseitigt, auch unter der Zahnfleischgrenze. Der Arzt begutachtet die Mundhygiene und erklärt, an welchen Stellen noch besser geputzt werden muss und wie die Zwischenräume am besten sauber gehalten werden können.

Am besten ist es natürlich vorzubeugen. Zur Sicherheit sollte man bei der Kontrolluntersuchung ruhig einmal fragen, ob das Zahnfleisch gesund ist. Spätestens dann sollte der Experte zu einer Parodontalsonde greifen und nachsehen.