„Bittere Pillen muss man in Zucker hüllen“, besagt ein deutsches Sprichwort. Und es ist schon eine bittere Pille, die der australische Regisseur Damon Gameau in seinem Dokumentarfilm „Voll verzuckert – That Sugar Film“ dem Zuschauer bunt verpackt präsentiert. Der Selbstversuch Gameaus ist gerade in den deutschen Kinos zu sehen.

Nach 60 Tagen Zuckerdiät lautet seine erschreckende Bilanz: Neun Kilogramm mehr Körpergewicht, Anzeichen für Diabetes Typ II, Frühstadium einer Fettleber. Ein anschaulicher Beweis für die Mediziner-Warnung, zu viel Zucker macht nicht nur dick, sondern auch krank.

Dabei stopfte sich Gameau nicht etwa mit Schokoriegeln, Softdrinks oder Eis voll. Diese offensichtlichen Zuckerbomben waren tabu. Er hielt sich an die empfohlene Gesamtkalorienmenge von täglich 2.300 Kilokalorien, nur mussten darunter 40 Teelöffel Zucker sein – ein Drittel des Energiebedarfs. Sie waren versteckt in vermeintlich gesunden Lebensmitteln, wie Cornflakes, Apfelsaft, Fruchtriegeln, Smoothies oder fettarmen Fertigjoghurts.

Ernährungsexperten halten den Trend zur Nullempfehlung für nicht zeitgemäß

Ein durchaus reales Szenario für viele Konsumenten in westlichen Ländern, entsprechen doch 40 Teelöffel Zucker dem durchschnittlichen tatsächlichen Verbrauch eines Australiers. In Deutschland sind es statistisch „nur“ 20 Teelöffel pro Person und Tag. Das ist immer noch zu viel, sagen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Sie halten zehn Teelöffel freien Zucker oder ein Zehntel des täglichen Energiebedarfes für gesundheitlich unbedenklich.

Im März ging die WHO mit einer aktualisierten Richtlinie noch weiter und empfahl nur noch sechs Teelöffel freien Zuckers pro Tag. Unter freiem Zucker versteht die WHO Frucht-, Trauben- und Haushaltszucker, aber auch Honig, Sirup, Fruchtsäfte und Fruchtsaftkonzentrate, die die Hersteller, Restaurants, Großküchen und Konsumenten selbst den Lebensmitteln zusetzen. Diesen Unterbietungswettbewerb, der eines Tages bei einer Null-Empfehlung enden könnte, halten deutsche Ernährungsexperten zum einen für nicht alltagstauglich.

Zum anderen sei es schwierig, eine „klare Dosis-Wirkungs-Beziehung und Grenzwerte für Zucker abzuleiten“. Es seien weitere Untersuchungen zu den Folgen des Zuckerkonsums notwendig, schreibt die DGE in ihrer Stellungnahme zur WHO-Empfehlung. Lässt man die Löffelzählerei beiseite, lautet die klare Botschaft vor allem an Übergewichtige und bereits einschlägig Erkrankte: Esst weniger Süßes, achtet auf die insbesondere in verarbeiteten Lebensmitteln versteckten Zuckerformen.

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