Jetzt bloß keinen Fehler machen. Sonst sind sie alle fort, und der ganze Weg war vergebens. Wir wollen uns möglichst nah heranpirschen an einen der größten Rastplätze der Kraniche im Land Brandenburg. In der Nähe des Storchendorfes Linum im Havelland fahren wir mit einem Geländewagen über holprige Wege und Felder, um bei untergehender Sonne den Überflug der Kraniche zu beobachten. Ein ziemlich atemberaubendes Spektakel. Denn viele Tausend Kraniche fliegen, nachdem sie den ganzen Tag gefressen haben, jeden Abend von den Feldern zurück zu ihren Schlafplätzen, die tief versteckt mitten im Naturschutzgebiet liegen.

Der beste Platz zum Beobachten ihres Überflugs ist der Aussichtspunkt am Ortseingang von Linum, aber wir müssen ein Stück weiter. Denn Norbert Schneeweiß von der Naturschutzstation Rhinluch will schauen, wie viele Kraniche inzwischen angekommen sind. Wir fahren zu einem der Zwischenrastplätze. Dort sammeln sich die Vögel kurz, bevor sie endgültig zu den Teichen fliegen, in denen sie schlafen: stehend im knietiefen Wasser.

Kraniche sind äußerst scheu

Ein Laie hätte den Weg nie gefunden und hätte sich das Auto zu Schrott gefahren. Schneeweiß stellt den Motor ab und sagt: „Die Autotür bitte ganz, ganz leise schließen. Kraniche sind äußerst scheu.“ Sie fressen zwar völlig ungerührt auf einem Feld direkt neben der Autobahn – von fahrenden Autos lassen sie sich dabei nicht stören –, aber sobald ein Wagen anhält, herrscht Alarmbereitschaft, und sobald eine Autotür zuschlägt, fliegen sie davon. Alle.

Und genau das soll verhindert werden, denn die Tiere legen in hiesigen Gefilden nur einen Zwischenstopp ein auf ihrer Flucht vor dem nordischen Winter. Ende Oktober, zum Höhepunkt des großen Sammelns, könnten es in der Gegend um Linum wieder etwa 120.000 Kraniche sein, so wie im vergangenen Herbst. Im Rhinluch fressen sich die Kraniche nun vier Wochen lang satt und bilden Fettreserven für den Weiterflug nach Süden.

Jedes Mal, wenn sie aufgescheucht werden, kostet das unnötig Kraft, und sie müssen noch mehr fressen. Das belastet die Landwirte zusätzlich. Denn jene 200 Gramm, die jeder Vogel pro Tag frisst, findet er nicht nur im Wald, sondern auch auf den riesigen Maisfeldern, die es wegen der vielen Biogasanlagen gibt. Ab und an sollen Kraniche auch mal auf frisches Wintergetreide gehen.

Kaum ist die Autotür leise geschlossen, sind die ersten Trompetenrufe der Kraniche zu hören. Ein Trupp von vielleicht zwanzig Vögeln gleitet in Keilformation über uns hinweg. Der Zeitpunkt ist perfekt, das Wetter auch. Es gibt zwar einige Wolken, aber der Himmel beginnt, sich wunderbar zu verfärben, und immer mehr Vögel ziehen in schwarzer Silhouette vor dem Abendrot entlang.

Geheimnisvoll und gesellig

Allein in der Gegend bei Linum versammeln sich derzeit eine halbe Million Zugvögel verschiedener Arten, die meisten sind Gänse. Die fliegen in ähnlich schönen Formationen wie die Kraniche und fügen sich zu sehr viel größeren Gruppen. Doch die Liebe der Menschen gehört eindeutig den Kranichen: Gänse werden gegessen, Kraniche hingegen bewundert.

Da ist einerseits das Offensichtliche: ihre Größe, ihre stolze Körperhaltung, ihre Eleganz bei der Balz und beim Kampf. Und natürlich diese kilometerweit zu hörenden Trompetenrufe. Neben dem Krähen eines Hahns und dem Kuckucksruf ist es wohl die einzige Vogelstimme, die auch jeder Laie sofort wiedererkennt, selbst wenn er sie nur ein einziges Mal gehört hat. Kraniche gelten in vielen Kulturen als Glücksbringer. Sie sind Frühlingsboten, sie sind es aber auch, die uns mit ihrem Vogelzug im Herbst bewusst machen, dass die entspannte Zeit des Jahres bald enden wird.

Und dann gibt es noch unbekanntere Dingen, die an den Kranichen faszinieren: Sie sind einerseits geheimnisvoll, können aber auch sehr gesellig sein. Vom Frühjahr an lebt jedes Paar ganz separat, oft versteckt in den Wäldern und brütet. Auch im Sommer bleiben die Eltern allein und ziehen ihre Jungen auf, meist sind es zwei. Zu viert fliegen die Familien im Herbst zu den Sammelplätzen wie in Linum. Dort verhalten sich die Kraniche ausgesprochen sozial. „Das zeigt sich zum Beispiel, wenn ein Seeadler über den Kranichen kreist und nach einem potenziellen Opfer sucht“, sagt Norbert Schneeweiß. „Dann richten sich alle Kraniche auf, recken ihre langen Schnäbel in die Luft und springen gleichzeitig in die Höhe – und der Angreifer traut sich nicht mehr ran.“

Am Himmel über dem Havelland wird es immer lauter, immer mehr Kraniche fliegen ein. Norbert Schneeweiß schleicht durchs tiefe Gras zum Hochsitz eines Jägers. Er bleibt immer im Schatten der Bäume. „Vorsicht!“ sagt er. „Nicht in die Abendsonne stellen.“ Kraniche können gut sehen und haben rund um ihre Versammlung überall Wachposten aufgestellt, die sofort Alarm schlagen.

Elegant in der Luft

Der Hochsitz am Wegesrand ist eng. Vor uns schlammiger Acker, sattgrüne Wiese und dunkelgrüner Wald. Und genau zwischen Wiese und Wald ist ein heller Streifen zu erkennen. Ganz silbrig. Doch erst mit dem Fernglas wird klar, dass es Tausende Kraniche sind, die dort stehen. „Bestimmt 3 000“, flüstert Schneeweiß. Mit denen auf den anderen Vorsammelplätzen seien dann derzeit ungefähr 8000 Kraniche allein in dieser Gegend.

Die Nomaden der Lüfte sind ortstreu. Oft bleiben die Paare ein Leben lang zusammen und kehren nach ihren bis zu 6000 Kilometer langen Flügen immer wieder in die selben Brutreviere zurück. Nach Linum kommen sie so gern zur Rast, weil der Mensch sie hier wohlwollend empfängt, die alten Fischteiche im weiten und vor allem ruhigen Naturschutzgebiet sind extra für sie erhalten worden und dazu werden noch Wiesen geflutet, damit die Tiere dort ungestört von Fuchs & Co. schlafen können.

Von links kommt der nächste Schwarm. Wieder zwei Dutzend Tiere in Keilformation. Mit weit ausgebreiteten Schwingen gleiten sie dahin, verlieren langsam an Höhe, schlagen nur alle hundert Meter mal mit den Flügeln. Sehr elegant. Nur die Landung, wenn sie einfach ihre Beine baumeln lassen, sieht überraschend plump aus.

So geht es immer weiter. Eine halbe Stunde lang. So idyllisch der Anblick, so beeindruckend ist der Lärm. Und für den Fachmann offenbaren sich dort oben auch die kleinen Dramen des Alltags. „Das sind nicht nur die wohlbekannten Trompetenrufe der Eltern“, sagt Norbert Schneeweiß. Tatsächlich: Immer wieder ist leises, sehr hohes Fiepen zu hören. Aufgeregt, aber auch wehmütig. „Es sind Jungtiere, die im große Tross für den Moment ihre Eltern verloren haben.“