Zygmunt Bauman auf der Republica: Warum wir unsere Daten hergeben

Mit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden hat sich unsere Sicht auf die schöne neue Internet-Welt einschneidend verändert. Zum ersten Mal liegt uns ein unübersehbar großes Konvolut von Beweisen für die weltweite Totalüberwachung durch die amerikanische National Security Agency (NSA) und ihrer befreundeten Geheimdienste vor.

Die Veröffentlichungen aus dem Snowden-Archiv sind ein digitaler Meteoriteneinschlag – was sich bis dahin locker-leichtfertig als Paranoia von Internet-Aktivisten denunzieren ließ, ist eine Gewissheit geworden.

Warnungen vor der Zerstörung der Freiheit durch unsere Geheimdienste und Datenkonzerne hat es allerdings immer schon gegeben. Bereits vor dem NSA-Spähskandal analysierte der britisch-polnische Soziologe Zygmunt Bauman die gegenwärtige Kontrollgesellschaft: Niemand könne im Zeitalter des Internets sicher sein, nicht beobachtet zu werden; das führe zunehmend zu einer freiwilligen Konformität, einem vorauseilenden Gehorsam der Menschen. Am Donnerstag war der Grandseigneur der Soziologie auf die Re:publica gekommen, um über den Verlust unserer Freiheit zu sprechen.

Interesse an Privatsphäre verloren

Und schon legte Bauman los, um drastische Worte nicht verlegen: Wir hätten das Interesse an unserer Privatsphäre verloren, wir kümmerten uns nicht mehr darum, sie zu wahren, sondern gäben in sozialen Netzwerken nur zu bereitwillig unsere (Lebens-)Daten her. In der Gesellschaft entstehe ein neuer Totalitarismus der Transparenz.

„Wir sind zu keinem Zeitpunkt mehr allein“, so Bauman, Privatheit sei kein gesellschaftlicher Fluchtpunkt mehr. Darüber wandle sich auch unser Verständnis von Öffentlichkeit, sie verlöre ihre politische Bedeutung, öffentlich sein heiße heute, für jeden verfügbar zu sein.

Baumans Diagnose war niederschmetternd: Die scheinbar unverbrüchliche Heirat von Macht und Politik ende in einer Trennung mit der Aussicht auf Scheidung; mächtige Datenkonzerne regierten fortan unsere Geschicke, während sich die Politik aufs Nachtwächteramt beschränke und ansonsten ihre Geheimdienste machen ließe.

Die neue, von Bauman „liquide“ genannte Macht verwandle die einstmals stolze Privatsphäre in einen Pool der Risikoentsorgung: Die Kosten der neuen Vergesellschaftung werden zum Privatproblem der aus allen Solidarzusammenhängen gerissenen Individuen.

Totale Kapitulation also? Nö, befand Jacob Appelbaum in seinem Vortrag. Der Wikileaks-Aktivist hatte sich mit dem chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei in Peking getroffen, um mit ihm ein Kunstwerk zu basteln; die Filmemacherin Laura Poitras, die mit ihrer Dokumentation über Edward Snowden in diesem Jahr einen Oscar gewonnen hatte, dokumentierte die Arbeit. Den Film „Surveillance Machine“ präsentierte Appelbaum nun auf der Re:publica, er hatte bereits am vergangenen Wochenende Premiere beim New Yorker Festival „Seven on Seven“.

Widerstand in den Herzen, nicht aus dem Internet

In Berlin schaute man also dabei zu, wie Ai Weiwei und Appelbaum die Füllung aus Dutzenden Stoff-Pandas herausholen und diese stattdessen mit den Schnipseln der Geheimdienstdokumente aus dem Snowden-Archiv füllen. „Panda“ sei ein Codewort für die Spitzel der kommunistischen Geheimdienste, erfahren wir.

Dann überreichte Appelbaum einen dieser Bären an Sarah Harrison, sie begleitete Edward Snowden im Sommer 2013 auf seinem Flug von Hongkong nach Moskau: „Dieser Panda ist für Sarah, dafür, dass sie das Leben von Edward Snowden gerettet hat.“ Rührung, tosender Applaus des Publikums. „Widerstand kommt nicht aus dem Internet“, ruft Appelbaum in die Menge, „sondern aus dem Herzen.“