Vor dem Uno-Hauptquartier in New York ragt ein "Aufsteigender" auf, einer, der sich vom Kreuz losreißt. Die symbolhafte Bronze ist ein Geschenk der DDR an die Vereinten Nationen gewesen und darauf war das kleine Mauerland stolz, auch wenn vor 1990 kaum jemand Fritz Cremers Arbeit aus der Nähe sehen konnten. Für den großen Rest, der nur im Traum reisen durfte, verband sich der Name des Bildhauers mit einer anderen riesigen Plastik. Deren figurale Bestandteile wagen ähnliche Aufsteigeversuche, die aber zugleich das Abstürzen in sich tragen. Cremer, vor 100 Jahren im Westfälischen Arnsberg geboren, 1993 in Berlin gestorben, war nicht nur überzeugter Realist, der Freund Brechts war auch Dialektiker.Reflexhaft schiebt sich einem das Bild der gewaltigen Bronze in die Erinnerung. Fast jedes Schulkind in der DDR war einmal mit der Klasse in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald nahe Weimar, hat ehrfürchtig, auch eingeschüchtert von diesem geballten Antifaschismus gestanden. Die 1958 aufgestellte Häftlings-Gruppe gilt nicht umsonst als Mahnmal aller Mahnmale in ehemaligen Konzentrationslagern der Nazis. Aber immer, wenn im deutsch-deutschen Bilderstreit nach 1990 abwertend von DDR-Kunst im Sinne von Diktatur-Kunst die Rede war, ging es auch gegen den Monumentalismus dieser dramatischen Arbeit. Cremer geriet ungerechterweise in jene Ecke, in die Ulbricht/Honecker-gefällige Pathetiker und Diktaturbeschöniger gehören. Sein unlängst restauriertes Mahnmal verdient einen genaueren Blick, dem sich dann Schmerz, Trauer, Widerstand erschließen.Brecht hat ziemlichen Anteil an der Plastik. Rodins "Bürger von Calais" hatte die Freunde inspiriert. Auch Cremer entwarf eine Gruppe gepeinigter, doch aufrechter Menschen, Gleiche unter Gleichen, entschlossen, sich zu widersetzen. Prompt geriet er in die "Formalismus"-Zensur der Agitatoren. Der Bildhauer wurde in quälenden Debatten zu didaktischer, "welthistorischer" Überhöhung ermahnt. Mit der Buchenwald-Plastik ist er nie so richtig froh geworden. Davor und danach hat er auch für die Gedenkstätten in Wien, Mauthausen und Ravensbrück die Antifa-Mahnmale geformt. Er sah es als Lebensaufgabe. 1964, auf dem V. Kongress des Verbandes Bildender Künstler, zitierte er Michelangelo: "Wer nicht selbst denken kann, entehrt sich."Sieben Jahre später, nun schon Vizepräsident der Akademie der Künste, sagte Cremer öffentlich: "Es ist ein Fehler der Kulturpolitik, dass man den Menschen vorschreiben will, was sie denken sollen." Mit seinen antifaschistischen Idealen suchte der Kommunist Cremer die Übereinstimmung mit der sozialistischen Gesellschaft. Ihm war es ernst mit dem versprochenen "gerechten" Staat. Aber er geriet immer wieder in Widersprüche: Als die Bildhauerfreunde Gustav Seitz und Waldemar Grzimek, entnervt von den Formalismus-Vorwürfen der Kulturstalinisten, in den Westen gingen, war er hilflos. 1976 protestierte er vom Krankenbett aus gegen die Ausbürgerung Biermanns. Verwirrt von der Partei-Propaganda zog er seine Stimme zurück. Sein bronzener, vor der Inquisition kniender Galileo Galilei von 1972 wurde nachträglich zum Selbstbild.Der Widerspruch zwischen dem Glauben, der richtigen Sache zu dienen und als Künstler frei sein zu wollen, begleitete Cremer bis ins Alter. Nie gibt es in seinen politischen Arbeiten Harmonie und Sicherheit. Immer offenbart er wuchtig und symbolhaft sein Leiden an der Epoche und an der Unvollkommenheit des Menschen. Immer tiefer dringt er im Alter ein in die christliche Passion, in die uralte ewige Sehnsucht, frei und gerecht leben zu können.Nun aber sind da erhebliche Zweifel, auch Resignation. Cremer zeichnet und formt in den Achtzigern "Aufsteigende", sich von Kreuz Lösende, denen der Kopf auf die Schulter gesunken ist, die sonderbar erschöpft wirken, in deren Gesicht sich Ernüchterung spiegelt. In den letzten Selbstporträts graben sich nervöse, ruppige Linien zu bitter-ironischen Zügen. Und das Pferd, die geschundene Kreatur, die er zu Brechts Fallada-Text formt, bäumt sich auf, bricht zusammen.Aber es gibt noch eine andere Seite dieses Bildhauers - die Kleinplastik. Sie ist erotisch und witzig, dem Weiblichen und dem Wundergarten Natur zugeneigt. Üppige kleine Bronzen und Pastelle feiern das ewige Werden und Vergehen. Akte und Liebespaare tänzeln im Sinnenrausch auf ihren Sockeln.Cremer hat sich an den Formexperimenten der Moderne nicht beteiligt. In seinen Figurationen lebt die Tradition eines Rodin, Kolbe, Lehmbruck, Barlach und einer Käthe Kollwitz fort. Aber während er mit den Funktionären über Realismus stritt, ließ er die Jungen, die Meisterschüler der Akademie, gewähren. Sie konnten sich unter seinem Schutz in all jenen Stilarten austoben, die in der DDR als Inbegriff westlicher Dekadenz galten: Picasso, Chagall, Matisse. Als Ulbricht eine Akademie-Schau mit solch "unbotmäßigen" Bildern von Strawalde, Peter Hermann, A.R. Penck schließen lassen wollte, ging der "Staatskünstler" Cremer dazwischen. Die Ausstellung blieb.------------------------------Cremer-EhrungenDie Akademie der Künste widmet ihrem einstigen Akademiemeister und Vizepräsidenten am Sonntag eine Gedenkveranstaltung mit dem Film "Es ist genug gekreuzigt worden ..." von Norbert Bunge. Pariser Platz 4, 20 Uhr.Die Galerie Sophien-Edition zeigt Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken Cremers aus allen Phasen, Sophienstr. 24, bis 18. 11., Di-Sa 12-18 Uhr.Die Galerie Argus Fotokunst ehrt Cremer mit einer Porträts-Hommage namhafter Fotografen, Marienstraße 26, bis 4. 11., Di-Sa 14-18 Uhr.Die Galerie am Gendarmenmarkt zeigt Werke Cremers und seiner Meisterschüler, Taubenstr. 20, bis 26. 11., Di-So 14-20 Uhr.------------------------------Foto (2): Cremers Buchenwald-GruppeFritz Cremer Mitte der Achtzigerjahre in seinem Akademie-Atelier am Gips für das bronzene "Brecht-Denk-Mal" vor dem Berliner Ensemble. Da sitzt der Dramatiker auf einer Bank, jeder kann sich zu ihm setzen.