Am dritten März 1983 betraten Inspektor David Thomas und seine Kollegen das Haus am Londoner Montpelier Square, in dem der Schriftsteller und Journalist Arthur Koestler mit seiner Frau Cynthia wohnte. Im ersten Stock fanden sie die leblosen Körper des Ehepaars. Der Tod war offenbar leise gekommen: Koestler saß in einem Sessel, dem Fenster zugewandt, ein Glas Brandy noch in der Hand. Cynthia lag auf einem Sofa. Der Tod war, so ergaben die polizeilichen Untersuchungen, bereits am Abend des ersten März eingetreten.Die Gründe für Koestlers Freitod wurden aus einem Abschiedsbrief deutlich: Koestler hatte seit Jahren an der Parkinson'schen Krankheit und an Leukämie gelitten. Als der Krebs in sein quälendes Endstadium getreten war, hatte sich Koestler entschlossen, sein Sterben in die eigene Hand zu nehmen. Seine zwanzig Jahre jüngere Frau hatte es offenbar vorgezogen, gemeinsam mit ihm in den Tod zu gehen, statt ohne ihn weiterleben zu müssen.Seit Jahren war Koestler Vizepräsident der Freitod-Vereinigung "Exit": er vertrat die Ansicht, dass jeder Mensch das Recht auf einen würdevollen, selbst bestimmten Tod hat: "Wir brauchen Hebammen, um uns zu helfen, ,wieder ungeboren zu sein' - oder zumindest die Sicherheit, dass eine derartige Hilfe verfügbar ist." Koestler fühlte sich immer dann am Lebendigsten, wenn er für eine Sache stritt. Und so liegt eine gewisse Konsequenz darin, dass sein Leben, das am 5. September 1905 in Budapest begann, im Zeichen eines letzten radikalen Engagements endete.Arthur Koestler war der vielseitigste unter den engagierten europäischen Intellektuellen des finsteren 20. Jahrhunderts. Der temperamentvolle kleine Ungar, der seine Bücher erst in deutscher, später englischer Sprache schrieb, bewegte sich mühelos zwischen den "zwei Kulturen", den Geistes- und Naturwissenschaften. Der antistalinistische Roman "Sonnenfinsternis" (1940) des Ex-Kommunisten war der einflussreichste literarische Text des Kalten Kriegs. Das 1946 publizierte Kibbuz-Buch "Diebe in der Nacht" soll die Mitglieder des Palästina-Komitees der Uno maßgeblich bewogen haben, sich ein Jahr später für die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat auszusprechen.Auch die in Koestlers zweiter Lebenshälfte entstandenen naturwissenschaftlich-philosophischen Essays wurden Bestseller. "Das Gespenst in der Maschine" (1967) ging sogar indirekt in die Musikgeschichte ein, nachdem es die Gruppe "Police" zu ihrem gleichnamigen Album inspiriert hatte. Koestler ging es darum, eine Synthese zwischen den "zwei Kulturen" zu finden, einen Beitrag zur Entwicklung eines neuen Menschenbilds zu leisten. In diesem Zusammenhang ist auch sein lebenslanges und oft belächeltes Interesse an der Parapsychologie zu sehen. Den größten Teil seines Erbes vermachte er der Universität Edinburgh, die einen "Arthur-Koestler-Lehrstuhl" für Parapsychologie einrichtete.Koestlers Werk steht im Zeichen des Engagements. Für den temperamentvollen Schriftsteller und Journalisten war Schreiben in erster Linie Aktion. Seine autobiografischen Schriften wie "Ein Spanisches Testament" (1938) oder "Pfeil ins Blaue" (1952) zeigen seinen persönlichen Mut, eine Eigenschaft, die er mit seinem Freund George Orwell teilte. Im Wien der Zwanzigerjahre prügelte sich der lebenslang überzeugte Zionist mit Antisemiten, mit dem afroamerikanischen Dichter Langston Hughes pilgerte der frischgebackene Genosse Koestler Anfang der Dreißiger durch die Sowjetunion. Im Spanischen Bürgerkrieg spionierte er im Auftrag Willi Münzenbergs Francos Faschisten aus, wurde in Malaga gefasst, zum Tode verurteilt und nach drei Monaten auf britischen Druck hin freigelassen. 1938 trat Koestler aus der KPD aus. Im Zweiten Weltkrieg fuhr er einen Ambulanzwagen durch das brennende London, 1948 wurde er in Israel von arabischen Heckenschützen unter Feuer genommen und von jüdischen Soldaten mit Erschießung bedroht.Bis Mitte der 50er-Jahre musste der Autor von "Sonnenfinsternis" damit rechnen, von KGB-Agenten umgebracht zu werden. Das schreckte ihn nicht. Auf der "Schwarzen Liste" Moskaus zu stehen, war für den ungarisch-jüdischen Wahlengländer eine größere Ehre als der Literatur-Nobelpreis, den er trotz mehrerer Nominierungen nie erhielt. Dass sein Name heute verblasst ist, hätte den melancholischen Pessimisten Koestler wohl nicht erstaunt. Die Ambition eines Schriftstellers, so pflegte er zu sagen, solle sein, "dass man hundert Leser heute gegen zehn Leser in zehn Jahren eintauscht und diese zehn Leser gegen einen Leser in hundert Jahren." Dieser Art des Weiterlebens konnte Koestler sicher sein, als er im März 1983 aus dem Leben schied, wohl grenzenlos neugierig bis zuletzt.Christian Buckard ist Autor der Biografie "Arthur Koestler. Ein extremes Leben 1905 - 1983", C.H. Beck, München 2004. 416 S., 24, 90 Euro.------------------------------Foto: Arthur Koestler