Warum glauben Sie, dass die Demokratie die beste Staatsform ist, besser als der Kommunismus?", fragten Studenten in China einen europäischen Gast. Der antwortete, das glaube er gar nicht - großes Gelächter -, aber Karl Popper habe hierzu etwas sehr Treffendes gesagt, nämlich: "Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die wir kennen, in der wir unfähige Politiker unblutig loswerden können." Das Gelächter erstarb, alle hatten die Ereignisse am Tiananmen-Platz vor Augen, und das Gespräch führte weiter zu Fragen der Gleichheit vor dem Recht, der Gewaltenteilung, der Achtung der Person: Poppers Zitat hatte den Weg in ein Verständnis der Demokratie geöffnet. "Die Vernunft", schrieb Immanuel Kant, "muss sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik unterwerfen, und kann der Freiheit der-selben durch kein Verbot Abbruch tun, ohne sich selbst zu schaden." Diese Überzeugung gilt auch für das Denken Karl Poppers. Aus kritischer Rationalität und im Wissen um die Vorläufigkeit allen Erkennens und Wertens entwickelt er die Forderung nach einer freien, offenen Gesellschaft. Damit hat er einen Weg gewiesen gegen allen Kultur- und Wertepessimismus, gegen Beliebigkeit und Dogmatismus im Bereich der Wissenschaft wie im Sozialen, gegen Terror, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzung, einen Weg für eine vernünftige, der Kritik offene demokratische Gesellschaftsform als Bedingung der Möglichkeit dauerhaften Friedens. Denn so lange wir willens sind, Probleme zu lösen, dabei aus Fehlern zu lernen, so lange gibt es zur kritischen Vernunft keine Alternative. Karl Raimund Popper, geboren am 28. Juli 1902 in Wien, entstammt einer zum Protestantismus übergetretenen jüdischen Familie. Den zum Marxismus neigenden Jugendlichen prägte nach dem Zusammenbruch der K.u.k-Monarchie das aufwühlende Erlebnis, dass Kommunisten auf Mitglieder der neuen Regierung schossen und junge Kommunisten erschossen wurden, als sie inhaftierte Freunde befreien wollten - Anlässe, nach der Rechtfertigung von Dogmen und Gewalt zu fragen, geradeso wie später beim NS-Einmarsch in Österreich, den Popper aus der Ferne einer Professur in Neuseeland verfolgte. Sein Werk umfasst drei weit grei-fende Elemente, die zugleich Phasen seines Lebenswerkes sind. Am Beginn steht die "Logik der Forschung" von 1934 mit ihrer Kritik des Wiener Kreises; es folgt das Werk des Sozial- und Geschichtsphilosophen, das zwischen 1936 und 1946 als intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus in Neuseeland entstand, vor allem "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Den Abschluss bilden seine Londoner Schriften, welche ab 1946 die Einsichten der Wissenschaftstheorie auf das Evolutionsgeschehen ausdehnen: Alles Leben ist Problemlösen, nämlich in einem Verfahren von Versuch und Irrtum. Alle diese Elemente haben große Kontroversen hervorgerufen, das erste mit Rudolf Carnap um die Induktion und mit Thomas S. Kuhn um die Wissenschaftsdynamik, das zweite als so genannter Positivismusstreit mit Theodor W. Adorno, und das dritte den Streit um die evolutionäre Erkenntnistheorie. Wie vermag kritische Vernunft uns zu einer gehaltvollen Aussage über eine offene Gesellschaft führen? Man kann darin die Leitfrage des Popper schen Denkens schon in seiner Wissenschaftstheorie sehen: Fraglos verwalten und mehren die Wissenschaften unser bestgesichertes Wissen. Doch wie kann das gelingen, da keine ihrer Aussagen vor der Geschichte Bestand gehabt hat? Als Antwort schlägt Popper einen radikalen Perspektivenwechsel vor: Was Wissenschaft vorantreibt und ihre (wenn auch begrenzte) Zuverlässigkeit ausmacht, ist nicht ihre Begründung, sondern ihre begründete Kritik am jeweils Erreichten. Nur wenn wir auf Widersprüche stoßen, sei es innerhalb der Theorie, sei es zwischen Theorie und Beobachtung, immer nur, wenn unsere bisherigen, durchaus erfolgreichen Vorstellungen scheitern, setzen wir an ihre Stelle etwas Neues. Durch Versuch und Irrtum schreiten wir voran. Sind wir der Überzeugung, alle Schwäne seien weiß, so müssen wir diese Überzeugung aufgeben, sobald uns auch nur ein schwarzer Schwan begegnet. Diese Grundeinsicht hat weit reichende Folgen: Erstens schreiten Erfahrungswissenschaften nicht verallgemeinernd (also induktiv) voran, sondern überprüfend (also falsifizierend). Zweitens sind Wissenschaften im Gegensatz zu Dogmen und Ideologien mit Argumenten kritisierbar. Drittens ist unser Wissen immer nur vorläufig (hypothetisch) und muss deshalb stets der begründeten Kritik offen stehen. Obwohl es also keine letzte Gewissheit gibt, führt die kritische Vernunft nicht zum Relativismus, sondern zum Erkenntnisfortschritt durch - wie Popper es formuliert - "die kritische Methode der Fehlersuche und der Fehlerelimination im Dienste der Wahrheitssuche". Das zweite Element, das den Gedanken der offenen Gesellschaft trägt, ist das einer Evolution der menschlichen Erkenntnis durch kritische Vernunft. Evolution bedeutet im Biologischen, durch Mutation und Selektion eine Veränderung der biologischen Art zu erklären, die zu einer Verbesserung der Überlebensbedingungen führt, ohne zielgerichtet zu sein. Genau dieses Muster sieht Popper auch in der Wissenschaftsdynamik verwirklicht. Die Wissenschaft schreitet voran, indem sie eine falsifizierte Hypothese durch eine oder mehrere neue ersetzt. Wann, wo und wie dies geschieht, ist wie in der Biologie nicht vorhersehbar. Der biologischen Selektion entspricht hier die vernünftige, methodisch geleitete Kritik, mit dem Ergebnis, dass am Ende die bessere Hypothese "überlebt". Wie die Wissenschaft durch Versuch, Irrtum und neuerlichen Versuch voranschreitet, so auch das Leben: "Alles Lebendige sucht nach einer besseren Welt." All dies überträgt Popper auf seine Sozialphilosophie. Dabei stützt er sich auf drei Prinzipien, die für ihn den Kern der abendländischen Grundentscheidung zur Rationalität ausmachen. Das Prinzip der Fehlbarkeit: Ich kann Unrecht haben. Das Prinzip der vernünftigen Diskussion: Wir wollen versuchen, im vernünftigen Für und Wider unsere Hypothesen zu prüfen. Schließlich das Prinzip der Annäherung an die Wahrheit durch eine offene und kritische Diskussion der Sache; eine andere, bessere Möglichkeit haben wir nicht. Zugleich ist damit eine Ethik der Toleranz, der Gleichberechtigung, der Aufrichtigkeit und Bescheidenheit verbunden. Allein eine hierauf bauende, der Kritik offene Gesellschaftsform ermöglicht in Gestalt der Demokratie "die Anwendung der Methode von Versuch und Irrtum auf unsere politischen Handlungen". Sie ist die menschlichste Gestalt des Zusammenlebens, denn Kritik verlangt Freiheit, die zugleich sich selbst Grenzen setzt. Sie ermög-licht Menschlichkeit, weil sie an die Stelle der rohen Gewalt rationales Abwägen, an die Stelle der Utopie die vorsichtige Fehlerkorrektur der Stückwerktechnologie, an die Stelle der Meinungsunterdrückung die Meinungsfreiheit und Toleranz setzt - im Wissen um die eigene Unwissenheit. Und sie ist die einzige uns bekannte institutionelle Antwort auf die Frage: "Wie kann man ohne Blutvergießen unfähige Herrscher loswerden?"So kommt nur in der Demokratie der allein den Menschen gegebene Evolutionsvorteil zum Tragen: die Evolution durch kritische Vernunft. Ganz unter diesem Zeichen stand - kurz vor seinem Tode 1992 - die Verleihung der Friedensmedaille der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen an ihn in Berlin: "Eine Gestaltung unserer sozialen Umwelt mit dem Ziel des Friedens und der Gewaltlosigkeit ist nicht nur ein Traum. Sie ist eine mögliche und, vom biologischen Standpunkt aus, offenbar eine notwendige Zielsetzung für die Menschheit." Damit die große abendländische Tradition kritischer Rationalität in die Gegenwart getragen zu haben - als Mahnung und Herausforderung, die offene Gesellschaft stets von neuem zu verwirklichen -, das verdanken wir Karl Popper.Hans Poser ist emeritierter Professor der Philosophie und Wissenschaftstheorie an der TU Berlin."Wir Intellektuellen müssen vor allem lernen, bescheidener zu sein. " Karl R. Popper.Foto: ULLSTEIN/TAPPE Karl R. Popper ( *28. 7. 1902 in Wien - 17. 9. 1994 in Croydon bei London)