An seinen Vater Wilhelm Müller erinnert man sich, wenn deutsche Männerchöre mit Inbrunst das Lied "Am Brunnen vor dem Tore" singen, zu dem er den Text schrieb. Bis in das 20. Jahrhundert wird niemand außer Goethe und Heine häufiger vertont als Wilhelm Müller. Franz Schubert nahm sich seiner Gedichte an und vertonte sie in den Zyklen "Die schöne Müllerin" und "Die Winterreise". Als Leiter der Herzoglichen Bibliothek in Dessau verfügte Wilhelm Müller zudem über profunde Kenntnisse des antiken Griechenlands, was ihm den Spitznamen "Griechenmüller" eintrug. Auch die Gedanken seines 1823 geborenen Sohnes Max schweifen während des Unterrichts an der Herzoglichen Schule in Dessau gern einmal in fremde Welten. "Ich kann mich gut daran erinnern, dass in meiner Schulzeit eines meiner Schreibhefte einen Einband trug, auf dem ein großes Bild von Benares zu sehen war. Es war ein sehr grob gemaltes Bild, aber ich kann heute noch die Männer, Frauen und Kinder sehen, wie sie die Ghats (Ufertreppen) hinunterschreiten, um im Wasser des Ganges zu baden. Dieses regte meine Phantasie an und ließ mich träumen." Doch sein Vater stirbt im Alter von nur 33 Jahren, und Max ist jetzt auf die Hilfe anderer angewiesen. 1836 geht er nach Leipzig, um sich am Nikolai-Gymnasium auf das Abitur vorzubereiten. Er wird wie ein Familienmitglied im Hause eines wohlhabenden Freundes des Vaters aufgenommen und hier erfährt er die "Salon-Kultur" der Romantiker, begegnet u.a. Felix Mendelssohn-Bartholdy, der 1835 die Stelle als Dirigent und Leiter des Leipziger Gewandhauses angetreten hatte, und Theodor Fontane, der dort seine Lehre als Apotheker absolviert. Fontane schreibt später über die Begegnung mit Müller in dem als "Herwegh-Klub" bekannten Dichterverein: "Die eigentliche große Nummer unseres Klubs, natürlich erst durch das, was aus ihm wurde, war Max Müller. Müller war in unserem Kreis sehr beliebt und angesehen, vor allem, weil er der Sohn seines berühmten Vaters war. Dass er diesen Vater an Weltansehen einst überholen würde, davon ahnten unsere Seelen natürlich nichts."Max Müller schreibt sich als einer der ersten am 1841 gegründeten Lehrstuhl für Indologie ein. Hermann Brockhaus, ein Sohn des Verlegers Friedrich Arnold Brockhaus und Schwager Richard Wagners, hielt dort Vorlesungen über das alte Indien. Müller gesteht später, dass auch eine Portion Eitelkeit bei der Wahl des Studienfachs im Spiel war: "Hier in Leipzig kam mir der Wunsch, etwas Besonderes zu erforschen, ein philosophisches Gebiet, das noch unberührt daliege. Im Unbekannten lag der Reiz; und ich muss gestehen, auch darin, etwas zu studieren, wovon meine Freunde und Mitstudenten nichts wussten."Bei Brockhaus lernt er Sanskrit, die "Mutter der indischen Sprachen". Er erfährt, dass seit einiger Zeit Sanskrit-Handschriften in Berlin lagern sollen, die der König von Preußen von dem englischen Orientalisten Robert Chambers hatte erwerben lassen, und er beschließt, nach Berlin zu gehen. Zugleich erhofft er sich Anregungen für seine sprachvergleichenden Studien von Franz Bopp, dem Begründer der wissenschaftlichen Indogermanistik.Müller erinnert sich "an jene Zeit, als Bopp von den klassischen Gelehrten wegen der unsinnigen Idee ausgelacht wurde, die griechische und lateinische Grammatik im Vergleich zu der des Sanskrit zu erklären. Dachten jene eilfertigen Schreiber je darüber nach, was ein solches Herangehen wirklich bedeutet und wie es ihre gesamte Maschinerie lahmlegen könnte? Was würde passieren, wenn der Name Jehovahs oder selbst Jahve plötzlich in den Veden (Sammlung von indischen Götterhymnen und Opfergesängen, um 1000 v. Chr.) auftauchte?"Neben Bopp gehören vor allem Friedrich Rückert und Johann Wilhelm Joseph von Schelling zu Müllers Lehrern an der Berliner Universität. Friedrich Rückert, ein hervorragender Kenner des Persischen sowie des Sanskrit, des südindischen Tamil und des Chinesischen, hatte eigentlich vor, sich von seinem Lehramt zurückzuziehen und versuchte, sich den wissbegierigen Studenten mit dem Einwand vom Halse zu halten, man müsse Kenntnisse des Arabischen haben, um Persisch zu lernen. Müller konnte aber ein Studium dieser Sprache an der Leipziger Universität nachweisen. Nun entgegnete Rückert, dass mindestens drei zu einer Studienklasse gehörten. Müller überredete zwei Studenten, sich mit ihm bei Rückert zu melden. Wohl oder übel musste der ruhebedürftige Professor sich nun fügen. Einer der beiden Mitstudenten wurde später ebenfalls ein bekannter Gelehrter.Auch in Berlin ist der Student ein gern gesehener Gast in den Salons, so auch im Haus Bettina von Arnims, die die Schöngeister der Romantik um sich sammelte. Fontane war begeistert vom Ausblick aus dem Studentenzimmer Müllers in einem Eckhaus der Oberwall- und Rosenstraße, dicht an der Werderschen Kirche: "Der ganze Stadtteil lag wie ein Panorama um ihn her, besonders die königlichen Gebäude und ihre mit prächtigen Bäumen besetzten Parkgärten, die sich im Rücken und zur Seite des Prinzessinnen-Palais hinzogen."Müller genießt das Berliner Leben, aber ihn plagen finanzielle Sorgen. Vergebens hatte er gehofft, von Herzog Leopold in Dessau ein weiteres Stipendium zu bekommen. Mit der Hilfe seiner Mutter konnte er nicht mehr rechnen, da ihre Pension um die Hälfte gekürzt werden sollte. Er geht nach Paris, weil das Collège de France und die Pariser Universität ideale Bedingungen für Orientalisten boten. Prof. Eugène Burnouf hatte einen hervorragenden Ruf als Sanskritforscher, und vor allem verfügte er über Texte und Handschriften der alten Inder. Max Müller schlägt sich mit Übersetzungen recht und schlecht durch. Paris bietet ihm aber endlich auch Gelegenheit, Inder kennen zu lernen. Vor allem eine schillernde Figur des Pariser Lebens, Dwarkanath Tagore, der Großvater des Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore, beeindruckt ihn. Dwarkanath Tagore war sehr wohlhabend und wohnte in den teuersten Hotels der Stadt. Er gehörte zu jenem Kreis wohlhabender, gebildeter Inder, die sich der westlichen Kultur öffneten, aber im Abendland die kulturellen und geistigen Werte der indischen Gesellschaft als gleichwertige Elemente der Weltkultur verteidigten. Tagore ist besonders von Max Müllers Vision beeindruckt, den Rigveda aus dem Sanskrit zu übersetzen. Der aus 1 028 Hymnen, 10 580 Versen und 153 826 Wörtern bestehende Rigveda, der älteste der vier Veden (Sammlungen priesterlichen Wissens), gilt als das älteste indische Literaturdenkmal und ist zugleich Hauptinformationsquelle über die Zeit der Einwanderung arischer Stämme nach Indien. Die etwa 1200 v. Chr. entstandene Sammlung von Opferliedern gibt einen Einblick in die Gesellschaft, Kultur und Denkweise einer zerfallenden Stammesgesellschaft.Beim Studium alter Sanskritschriften stößt Müller immer wieder auf Verweise zu wertvollen Dokumenten, die sich in der Bibliothek der East India Company (Ostindische Kompanie) in London befinden. Im Juni 1846 entscheidet er sich, nach England zu gehen. Alexander von Humboldt, der von Müllers genialen Sprachkenntnissen überzeugt war, hatte vergebens versucht, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen dafür zu gewinnen, Müllers Übersetzungsprojekt zu finanzieren. Nun sollte der preußische Gesandte Baron Christian Karl Josias von Bunsen, der beste Beziehungen zur britischen Gesellschaft hatte, einen Geldgeber finden, nämlich die East India Company.Als Pionier der Kolonialisierung Indiens hat die Company zu dieser Zeit zunehmend Mühe, ihre Existenz zu rechtfertigen, da die britische Regierung immer deutlicher Anspruch erhebt, selbst die Verwaltung der Kolonie zu übernehmen. 1813 hatte die East India Company bereits das Handelsmonopol verloren. Dass Müller dennoch ein regelmäßiges Honorar für die Herausgabe des Rigveda erhält, verdankt er einer populistischen Geste der East India Company, die so Aufgeschlossenheit und Zuwendung für die indische Kultur, Geschichte und Religion demonstrieren wollte.Das Honorar von vier Pfund pro Druckseite wird Müllers Lebensgrundlage für die Übersetzung und Herausgabe des Rigveda. Am 15. April 1847 teilt er seiner Mutter erfreut mit: "Ich weiß nicht, ob ich Gott mehr dafür danken soll, dass ich schließlich mein lang ersehntes und lang gesuchtes Ziel erreicht habe oder dass ich die Freundschaft eines so edlen und außergewöhnlichen Mannes wie Bunsen gewinnen konnte." 1850 erhält Max Müller mit 27 Jahren einen Lehrauftrag an der Universität Oxford, vier Jahre später wird er zum ordentlichen Professor für moderne Sprachen ernannt. Den größten Teil seiner Arbeitszeit widmet er seinem gigantischen Projekt, der Herausgabe der "Sacred Books of the East" (Die Heiligen Bücher des Ostens). Nach Müllers Plan soll die Sammlung mehr als 50 Bände hinduistischer, buddhistischer, islamischer und zoroastrischer Texte enthalten. Für die Übersetzung gewinnt er namhafte Fachleute europäischer Universitäten. Als er das Alte und Neue Testament in die Sammlung einbeziehen will, wird er von den Oxforder Orthodoxen der anglikanischen Kirche sofort in die Schranken gewiesen: Ein Vergleich der Quellen christlichen Glaubens mit dem Koran oder dem Rigveda entweihe die Heilige Schrift. Müller fügt sich. Er weiß, dass er als deutscher Wissenschaftler mit liberaler christlicher Überzeugung in Oxford vorsichtig sein muss. "Von der deutschen Theologie sprach man wie von einer Art verbotener Frucht, die man weder ansehen, noch antasten, noch gar kosten dürfe."Fast wäre die Beziehung zu Georgina Grenfell, seiner späteren Frau, an Gerüchten über Müllers vermeintlich freidenkerische Gesinnung gescheitert. Die Chancen des jungen Orientalisten bei ihr waren ohnehin gering, denn Georginas Vater, ein reicher Bank- und Minenbesitzer, versuchte sechs Jahre lang die Verbindung zu verhindern, weil Müller nicht vermögend war. 1859 jedoch sind Müllers Bemühungen um Georgina von Erfolg gekrönt. Sie heiraten mit dem Segen des Vaters. Als 1860 der hoch dotierte Lehrstuhl für Sanskritforschung (Boden Chair of Sanskrit) vakant wird, gilt Müller als aussichtsreichster Kandidat. Die Wahlversammlung entscheidet sich jedoch für den Gegenkandidaten. 1868 wird Müller dafür gewissermaßen entschädigt. Er erhält die Professur für vergleichende Sprachwissenschaft, die eigens für ihn geschaffen worden war.Dass der deutsche Orientalist mit der ersten Rigveda-Übersetzung in den akademischen Kreisen Europas große Aufmerksamkeit finden würde, war klar. Wie würde man aber in Indien darauf reagieren? Schließlich galt dort nur die von brahmanischen Priestern mündlich überlieferte Form des Veda als akzeptierte Übertragung der "ewigen Wahrheit". Sie war priesterliches "Monopol". In der Müller schen Übersetzung aber war der Veda nun zum Allgemeingut geworden. Nachdem die ersten Bände im westindischen Puna veröffentlicht wurden, beginnen die brahmanischen Priester ihre über Generationen tradierten Texte mit der Müller-Ausgabe zu vergleichen, und sie korrigieren ihre Texte. Max Müller wird überschüttet mit Lob und Anerkennung: "Sie haben mir sogar die dem Priester zukommenden Geschenke übersandt, weil ich den Veda besser kenne als ihre eigenen Priester; und die heilige Schnur der Brahmanen haben sie mir auch geschickt, auf die ich gerade so stolz bin wie auf einen glänzenden Orden." Am 28.Oktober 1900 stirbt Max Müller. Er wird auf dem Holywell-Friedhof in Oxford begraben. Offizielle Vertreter der Königshäuser Deutschlands, Englands und Schwedens nehmen an der Beisetzung teil. Der Kronprinz von Siam ist persönlich anwesend. In vielen Städten im Ausland finden Gedenkfeiern für ihn statt. Nie sah er je das Land, dessen Geschichte, Sprachen und Mythen ihn so in den Bann gezogen hatten - als ob er diesen Traum, seine Vision des alten Indien, unverfälscht und ungetrübt vor dem Anblick der Realität bewahren wollte.Max Müller, hoch geehrt als Mitglied des Beraterausschusses des britischen Königshauses. Seine Unterschrift im Sanskrit - im phonetischen Gleichklang mit seinem Namen: mosha mular - "Wurzel der Erlösung".