Eins zweiundachtzig groß, hellbraune Haare, braune Augen, spindeldürr. Über Anton Tschechow erzählen sich die Literaten alles Mögliche. Das Wenigste ist wahr. Tschechows letzte Worte auf dem Sterbebett in Badenweiler sind nicht: "Ich sterbe", wie viele nach dem vierten Bier behaupten, sondern: "Schon lange habe ich keinen Champagner mehr getrunken." Den Satz "Ich sterbe" spricht der Tuberkulose-Patient zwar, auf Deutsch, aber bevor ihm der Champagner gereicht wird. Wir haben zwei glaubwürdige Zeugen dafür: den Arzt und die Schauspielerin Olga Knipper, mit der Tschechow verheiratet ist und seine letzten Jahre verbringt. Tschechow wird nur vierundvierzig, hinterlässt jedoch ein umfangreiches episches und dramatisches Werk. Niemand, der nicht "Das Duell" kennte, "Der Kirschgarten", "Onkel Wanja" oder "Drei Schwestern". Die Dekadenz des jungen Liebespaares, des Finanzbeamten Lajewski und seiner Geliebten, wird in "Das Duell" zu einer philosophischen Debatte: Beide sitzen moralisch gesehen auf einem der niedrigsten Äste, und die Selbsterkenntnis, dass sie ein verruchtes und unnützes Leben führen, hilft ihnen nicht, aus der existentiellen Misere erhobenen Hauptes herauszukommen, obwohl sie einen Neuanfang im Kaukasus wagen. Als der Zoologe und Sozialdarwinist von Koren auf die Bühne tritt, kommt es zu einem Kampf zwischen ihm und dem "jungen Greis" Lajewski. In diesem Duell treffen zwei Welten aufeinander: die des degenerierten Menschen und die des ewigen Weltverbessers. Dieses moralische Duell dauert noch bis heute an. Anton Tschechow ist ein Glückspilz - trotz seiner schweren Krankheit, die früh ausbricht und zu seinem Tode führt. Ohne finanzielle Unterstützung absolviert er in Moskau ein Medizinstudium. Er arbeitet als Arzt. Selten verlangt er von seinen meist mittellosen Patienten ein Honorar. Er fängt früh an zu publizieren und ist bereits mit Mitte zwanzig ein anerkannter Autor, der bald mit dem Schreiben seinen Unterhalt verdienen kann. Nein, er ist kein Millionär, und wie viele Schriftsteller kann er mit Geld nicht umgehen. Nie hat er irgendwelche Rücklagen, aber immer wieder gelingt es ihm, mit seinen Publikationen so viel zu erwirtschaften, dass seine Familie ein Dach überm Kopf hat. Die Einnahmen reichen sogar für ausgedehnte Reisen, auf die Insel Sachalin und durch Europa, für Landhäuser in Melichowo oder Jalta.Aufgewachsen ist er in Taganrog, wo er am 17. Januar 1860 zur Welt kommt. In dieser abgelegen Hafenstadt am Asowschen Meer sammelt er Stoff für seine späteren Erzählungen und Theaterstücke. Als Kind wird er von Fuhrknechten auf einen längeren Ausflug in die Steppe mitgenommen. In seiner ersten langen Prosaarbeit "Die Steppe" (1888) heißt es über die Fuhrleute: "alles Männer mit wunderbarer Vergangenheit und äußerst unerfreulicher Gegenwart".Der Vater Pawel Jegorowitsch ist ein Tyrann und Despot, der seine zahlreichen Kinder und seine Ehefrau wie Leibeigene behandelt. Furcht einflößende Wutausbrüche sind seine Spezialität. Er ist selbst ein Leibeigener gewesen, dessen Eltern es mühsam geschafft haben, sich freizukaufen. Die ersten Erzählungen von Pawels begabtestem Sohn erscheinen unter dem Pseudonym Tschechonte, ein Spitzname, der dem Gymnasiasten von einem Oberpriester in Taganrog verliehen wird: "eigentlich bist du ein Tschech, ein Leibeigener ... Du könntest auch Tschechonte heißen". Pavel Jegorowitsch besitzt einen Krämerladen. Er hat kein Händchen für Geschäfte. Er singt lieber im Kirchenchor nach Art der Athos-Mönche. Nach dem Bankrott flieht er nach Moskau, die Familie folgt. Warum ist Anton Tschechow überhaupt Schriftsteller geworden? Als Doktor Tschechow, der sich in verschiedenen Gremien für Bedürftige, Kinder, Schüler und Bauern einsetzt, hätte er sein Leben glücklich zu Ende bringen können. Die Erleuchtung kommt, als er 1886 zwei Typhus-Patientinnen verliert. Er macht sich Vorwürfe und entfernt das Doktor-A.P.Tschechow-Schild von seiner Haustür. Er sagt sich "nie wieder!", praktiziert jedoch weiter, vor allem auf dem Lande, wo die Bauern keinen Rubel in der Tasche haben. Der Arzt konstatiert: "Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte."Die Form der Kurzgeschichte hat es im 19. Jahrhundert nicht leicht. Tschechow geht außerdem durch die harte Schule des permanenten Kürzens, wie Hemingway, weil er seine Geschichten in Zeitungen druckt. Die Vorgaben sind streng, und er beklagt sich des Öfteren, er würde gerne etwas Längeres schreiben, aber: "Die Kunst zu beschreiben besteht in der Kunst zu kürzen." Wir können von Glück sprechen. Trotz aller Schwierigkeiten mit der Kunst schafft er es, zu seinen Lebzeiten bei zwei großen Verlagen unterzukommen. Zu seinen Freunden gehören immerhin Gorki und Tolstoi, auch wenn der bekennende Atheist und Menschenfreund Tschechow, der sich politisch nicht festlegen kann und will, nicht immer auf ein wohlwollendes Urteil von seinem Meister Lew Tolstoi stößt. Mit Dostojewski kann er nichts anfangen, und mit dem Theatergenie Stanislawski, der mit der Inszenierung von "Die Möve" Tschechows Stücken auf der Bühne des Moskauer Künstler-Theaters zum Durchbruch verhilft, gibt es oft heftigen Streit. Meine Favoriten unter den Texten von Tschechow sind "Der Dicke und der Dünne" und "Der treue Hund". In der ersten Geschichte treffen sich nach vielen Jahren auf einem Bahnhof zwei alte Schulfreunde. Der Dicke hat eine große Karriere gemacht, bis zum Geheimrat!, und er hat zwei Ordenssterne vorzuweisen. Der Dünne schlägt sich mit seiner Familie durch, er ist nur ein kleiner Beamter geworden. Zum Schluss ist der Dünne so erschlagen und verunsichert, dass er seinen erfolgreichen Schulfreund mit: "... Euer Exzellenz ..." anredet. Auf zwei Seiten wird dem Leser die menschliche Tragödie des ewigen Verlierers anschaulich gemacht. Es ist ungeheuerlich schön und lebensnah, wie Tschechow den roten Faden in seinen Geschichten spinnt: Das, was vom Erzähler ausgelassen wird, spricht in unserer Fantasie weiter. "Der treue Hund" ist in seiner Komik kaum zu übertreffen. Der Leutnant Dubow und der Freiwillige Knaps sitzen zusammen und trinken. Dubow hat seinen Hund Milka dabei und will ihn Knaps verkaufen. Er lobt ihn in den Himmel: "ein reinrassiger englischer Setter". Bestens erzogen. Knaps lässt sich aber nicht einreden, Milka sei ein Rüde. Außerdem hat er kein Geld. Als der Verkauf nicht zustande kommt, wechselt Dubow plötzlich seine Meinung und sagt: "ein scheußlicher Hund ... Ein widerlicher Köter". Er will ihn zum Teufel jagen und beschimpft ihn, er sei "eine Kreuzung zwischen einem Hofhund und einem Schwein" Das ist Tschechow pur: destillierte Pointen und bedingungslose Menschenliebe, die aus dem Alltag Religion zum Überleben schöpft.Der Schriftsteller Artur Becker wurde 1968 in Polen geboren und lebt seit 1985 in Deutschland. Zuletzt erschien von ihm "Kino Muza" bei Hoffmann und Campe, Hamburg 2003.------------------------------Eine Welt für sich // Die größte nicht-russische Cechov-Edition erscheint im Züricher Diogenes Verlag, betreut und übersetzt von Peter Urban. Frank Rainer-Scheck: Anton Cechov. dtv, München 2004. Natalie Ginzburg: Anton Cechov. Mit vielen Fotos. Klaus Wagenbach, Berlin 2004. Anton Tschechow: Ariadna, Erzählungen 1892 - 1895. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2004.------------------------------Foto: "Kürze ist die Schwester des Talents", Anton Tschechow, hier im Jahr 1889