Der 19. August 1989 sollte für das kleine Rockland DDR ein großer, wenn nicht der größte Tag überhaupt werden. Auf dem Gelände der Radrennbahn Weißensee, wo ein Jahr zuvor Bruce Springsteen 200 000 DDR-Bürger zum Fröhlichsein und Singen von "Born in the USA" animiert hatte, war erneut ein internationales Großkonzert geplant. Seit dem reibungslosen Ablauf des ersten Open Air-Gigs einer Westband 1987, Barclay James Harvest im Treptower Park, hatte es schon einige solcher Events gegeben.Die Musiker, die am 19. August 1989 von 17 bis 1 Uhr auf der Bühne stehen sollten, hätten jedoch alles in den Schatten gestellt und vermutlich die halbe DDR-Jugend zum Marsch auf Berlin veranlasst: U2, Dire Straits, Genesis, Aretha Franklin und Ray Charles. Solche Topstars bei einem Konzert in Weißensee - wer sollte die bezahlen? Größenwahn und Spaß dabei, lautete zwar eine inoffizielle DDR-Losung, aber hier wäre wohl nur ein reicher Onkel aus Amerika in Frage gekommen.Der Onkel hieß Michael Lang, einer der Woodstock-Veranstalter von 1969. Was er den obersten Kulturveranstaltern in der DDR offerierte, klang zu schön, um nicht für machbar gehalten zu werden: das Ostberliner Konzert als Teil eines weltumspannenden Woodstock-Tributs aus Anlass des zwanzigjährigen Jubiläums. Unter dem Banner "Another Day of Peace and Music" sollten parallel Megakonzerte in New York, Moskau und Westberlin stattfinden. Michael Lang dachte an eine Ost-West-Brücke über die Mauer hinweg, auf der der Love-and-Peace-Geist quasi hin- und herwandeln konnte. Dass aus dem gigantischen Projekt nichts wurde, lag dann am wenigsten an der Großinszenierungen zugeneigten DDR.Insbesondere die Jugendfunktionäre im FDJ-Zentralrat waren gleich angetan, als ihnen der Amerikaner im Sommer 1988 mit der Idee kam. Der Musikmanager stand noch unter dem Eindruck zweier Konzerte seines Schützlings Joe Cocker, die er zusammen mit seinem westdeutschen Veranstalterkompagnon Peter Rieger in Weißensee und Dresden veranstalten durfte. Zehntausende von Musikkommerz und -überangebot noch nicht abgestumpfte Fans hatten den Auftritt der Woodstock-Legende mit einer Aura umhüllt, die Lang an vergangene Zeiten erinnert haben muss. Nach Cockers legendärem "With a little Help"-Schrei sah wohl nicht nur Lang den Woodstock-Geist aus der Flasche drängen. Aber nur er kam auf die Idee, ihn mit dem aktuellen Zeitgeist zu verkuppeln.Beflügelt durch Gorbatschows Öffnungspolitik schlug er der DDR-Seite vor, an einer großen Woodstock-Gedenkshow mitzuwirken. Im Sommer 1988 traf er sich zu ersten Gesprächen mit Spitzenkadern des Jugendverbandes im FDJ-Gästehaus in der Pistoriusstraße in Weißensee. "Lang wollte das Woodstock-Jubiläum nach dem Vorbild von Live Aid ganz groß aufziehen, von New York, wahrscheinlich Central Park, bis Moskau. Neben West- und Ostberlin war anfangs sogar Paris im Gespräch. Die Idee gefiel uns auf Anhieb", sagt Philipp Dyck, der damals für Kultur zuständige Sekretär im FDJ-Zentralrat. "Ich hatte durchaus den Eindruck, dass es sich um eine seriöse Sache handelt. Einerseits wussten wir um Langs Woodstock-Vergangenheit, andererseits passte es gut in die Weltsituation, die sich durch Gorbatschows Politik gerade entspannte."Natürlich brauchte man den Segen aus dem "großen Haus", Sitz des Zentralkomitees der SED. In einem Brief an Erich Honecker plädierte FDJ-Chef Eberhard Aurich nach Abwägung aller Vor- und Nachteile für eine Teilnahme an Woodstock II, da sie "unsere weltoffene Veranstaltungspolitik fortsetzen" und "unsere dialogbereite Friedenspolitik unterstützen" würde. Zudem sei "mit Unterstützung realistisch denkender westlicher Konzertveranstalter ein offensives Konzept zur Abwendung von provokativen Rockkonzerten in der Nähe unserer Staatsgrenze" durchsetzbar. Zu bedenken gab Aurich, dass "entspannungsfeindliche Kräfte die gleichzeitige Mitwirkung von Berlin, Hauptstadt der DDR, und Westberlin für ihre Argumentation ausnutzen" könnten.Honecker entschied sich für die positiven Aspekte und kritzelte im September 1988 "Einverstanden E. H." unter den Bittbrief. Es folgte ein Partei-Beschluss, womit der Weg für weitere Gespräche mit Michael Lang und Peter Rieger offen stand. Sie fanden unter anderem im Oktober im FDJ-Gästehaus in Prieros statt. Beteiligt waren neben den FDJ-Funktionären Spitzenvertreter des DDR-Fernsehens und der Künstleragentur der DDR.Philipp Dyck: "Unsere Bedingung lautete von Anfang an, keine Leistungen in Devisen erbringen zu müssen. Zur Finanzierung der Konzerte wollte Michael Lang Sponsoren gewinnen, konkret erwähnt wurden Coca Cola und die Jeansfirma Levi's." Ausgerechnet zwei Kultmarken des Konsumkapitalismus, deren Produkte es in der DDR außerhalb der Intershops nicht zu kaufen gab! "Lang meinte, dass man die Sponsorenwerbung an der Bühne ein bisschen diskret machen könnte. Wichtiger war ja die Fernsehwerbung."Nicht groß diskutiert werden musste der Wunsch der DDR-Seite, dass das Westberliner Konzert nicht in Grenznähe stattfinden dürfe. Rieger und Lang hätten ohnehin an den Flughafen Tempelhof oder das Olympiastadion gedacht, so Dyck. Kurz sei sogar überlegt worden, einige Ost-Konzerttickets für Westberliner zu reservieren. "Das lehnten wir ab, weil das bei den DDR-Fans, die keine Karte bekommen hätten, auf Unverständnis gestoßen wäre. Schließlich hätte es einen Riesenandrang gegeben. Durch die Erfahrungen mit früheren Großkonzerten wären wir jedoch in der Lage gewesen, das zu stemmen. Unser Hauptproblem war nicht die Sicherheitsfrage, sondern die der Devisen."Aber um deren Beschaffung und um das Künstlerbooking sollte sich ja Michael Lang kümmern. Am 7. April 1989 traf er sich erneut mit den DDR-Unterhändlern im Westberliner Kempinski-Hotel. Die für die Verträge zuständigen Vertreter der Künstleragentur und des DDR-Fernsehens plagten erhebliche Zweifel an der Realisierbarkeit des Projekts, denn Lang konnte weder Vereinbarungen mit Sponsoren noch mit Künstlern oder Spielstätten präsentieren.Trotzdem fuhr er am nächsten Tag nach Ostberlin, um im FDJ-Zentralrat eine verbindliche Absichtserklärung zu unterschreiben. In ihr war alles aufgelistet: von der Dauer der Konzerte und ihrer grafischen Präsentation bis zur Regelung der TV-Leitungskosten und der Reisekosten für die Bands. "Die Besetzungsliste für Weißensee", erinnert sich Dyck, "entstand im Gespräch mit Lang. Er hatte angeblich Optionen für etliche Bands und nur über die wurde gesprochen. Uns war klar, dass zum Beispiel die Rolling Stones höchstens in New York oder in Moskau auftreten würden und dass die ganze Sache nur über den Verkauf der Medienrechte sowie durch die Einbindung von Sponsoren funktionieren würde."Genau deshalb war die Absichtserklärung nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie stand. Im Mai 1989 teilte Lang seinen DDR-Partnern mit, dass es mit Woodstock II nicht klappen würde, weil Zeit und Sponsoren fehlten. In seinem Buch "Schalmei und Lederjacke" schreibt Michael Rauhut, dies habe auch an Moskaus Zögerlichkeit gelegen sowie am Kompetenzgerangel der DDR-Organisatoren, denen zudem ein Konkurrenzangebot der Konzertveranstalter Marcel Avram & Fritz Rau vorlag. Letzteres bestreiten Fritz Rau und Peter Rieger heute unisono. Während Dyck sagt, dass es in Moskau nach anfänglichem Zögern eine klare Zusage fürs Leninstadion gab, bestätigt Rieger jedoch, dass Moskau "ziemlich ablehnend" reagiert hätte.So oder so, jedenfalls war auch die Gelegenheit für ein paar DDR-Bands dahin, "sich einem großen internationalen Publikum medienwirksam vorzustellen" (FDJ-Chef Aurich). Philipp Dyck scheint im Nachhinein freilich etwas mulmig zu werden ob der "abenteuerlichen Vorstellung, wenn das Konzert stattgefunden hätte". Im August '89 flohen tausende junge DDR-Bürger längst über die Ost-West-Brücke Ungarn aus dem Land, deren Führung ihnen "keine Träne" nachweinte. Welch ein Hohn wäre die DDR-Show zum Gedenken an die mit Woodstock verbundenen Ideale von Nächstenliebe, Frieden und Freiheit gewesen.In Weißensee fand am 22. August doch noch ein großes Konzert statt. Westkünstler wie Wolf Maahn, Jule Neigel und Heinz Rudolf Kunze beendeten dort ihre Rockpoeten-Tournee durch mehrere DDR-Städte.------------------------------Foto: With a little help from my friends. Zehntausende erwarten am 1. Juni 1988 auf dem Gelände der Radrennbahn in Weißensee den Auftritt Joe Cockers und seiner Band.