Woran es dem Leben in diesem Land fehlt, machte vor einigen Wochen der neue Kulturstaatsminister deutlich. Bei einem Abendessen sprach der Unternehmer Piepenbrock davon, dass er neben anderem auch die Ausgrabungen in Kalkriese bei Osnabrück fördere, wo man derzeit den Ort der Schlacht im Teutoburger Wald vermutet. Gleich fühlte sich Naumann herausgefordert, auf das politisch Bedenkliche dieser Schlacht hinzuweisen: Hätten die Germanen unter Arminius nicht gesiegt, wäre Germanien doch romanisiert worden und wir hätten geistig gleich Anschluss an den europäischen Normalweg bekommen. Das ist das Denken im Laufställchen, nicht verkehrt - wer wollte schon bestreiten, dass Naumann etwas traf?, wer wollte bezweifeln, dass auch das Laufställchen eine kulturelle Leistung ist? - aber zugleich von quälender Schlichtheit, wie ein ganz geläufiges Motiv als kritische Extraleistung verkauft wurde. Es ist aus durchaus einsichtigen Gründen gerade in Deutschland nicht leicht, aus den Konventionen auszubrechen. Der Verleger Gerd Giesler, derzeit Leiter des Berliner Akademie Verlags, ist einer der wenigen Leute, die für das Ungewöhnliche eine wirkliche Schwäche haben.Giesler stammt aus dem sauerländischen Plettenberg, wo er Carl Schmitt persönlich kennen lernte. Den bedeutenden Kopf unter den Umständen halber Verbannung zu erleben, hat ihn beeindruckt, und als Verleger hat er dessen Gedankenwelt einer neugierigen Öffentlichkeit vorgestellt - wie mit dem "Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus" des Donoso Cortés. Dabei ist Giesler die blinde Parteinahme ganz fremd, dafür fällt er schon durch seinen starken Sinn für Komik aus. Selten glücklich verbindet er die Aufmerksamkeit für das Außerordentliche, Große, auch Bedenkliche mit Umsicht und der Fähigkeit zum Vergleichenkönnen. Was im "Stechlin" Graf Barby über den akademischen Klavierlehrer Dr. Wrschowitz sagt, "ich hab ihn gern, weil er anders ist als die anderen", dürfte auch ein Grundsatz Gieslers sein. Zunächst bei VCH (Verlag Chemie) in Weinheim, wo er die Reihe "Acta humaniora" begründete, und seit 1991 im Akademie Verlag hat er die Lust an der geistigen Beweglichkeit in vielen Richtungen befördert. Heute feiert er seinen 60. Geburtstag.