Ihr Vater war ein französisch-jüdischer Fremdarbeiter, sie lernt ihn nie kennen. Der Stiefvater, ein Eisenbahner, ist ihr zuwider; er habe ihre Kindheit auf dem Gewissen, hat sie später gesagt. Angelica Domröse rettet sich aus der tristen elterlichen Wohnung ins muntere Universum einer Berliner Straßengöre, mit offenen Sinnen für alles, was da geboten wurde: Osten, Westen, Kino und Kirche, "weil es da wärmer war im Winter". Mit sechzehn bewirbt sie sich an der Babelsberger Filmhochschule, die Prüfungskommission schickt sie weg, sie sei zu verspielt. Mit siebzehn antwortet sie auf eine Annonce der Defa in der Berliner Zeitung. Slatan Dudow besetzt sie als Hauptdarstellerin der Komödie "Verwirrung der Liebe". Zur Premiere heult sie wie ein Schlosshund, weil sie auf der Leinwand ein dickes, unsensibles Gesicht zu sehen glaubt, aus dem ein dünnes Stimmchen dringt. Das ist der Anfang.Bald wird die Domröse zur festen Größe des Berliner Theaterlebens. Ein "innerer Trommler" flüstert ihr zu, nach der Ausbildung ans Berliner Ensemble zu gehen, zu Helene Weigel. Selbst wenn sie nichts zu spielen bekäme, sagt sie sich, würde sie allein durchs Zusehen lernen. Zu dieser Zeit ist das BE ein Welttheater, hier trifft die Aktrice auf Vittorio de Sica und Sophia Loren, Strehler, Enzensberger, Kopelew, Wolfgang Neuss. Als Polly in der "Dreigroschenoper" und als Babette in den "Tagen der Commune" wird die Domröse bejubelt. Ihre Cleopatra in der Volksbühne, die Schöne Helena des Peter Hacks, die Frau Sörby in der "Wildente" sind heute Legende. Kritiker resümieren, die Domröse zeichne sich durch eine "proletarische Schnauze und knallheißen Herzenssingsang aus, dirigiert von einem erstklassigen, hellen Gehirn".Ihre filmische Reifeprüfung legt sie in "Chronik eines Mordes" (1965) ab, nach dem Roman "Die Jünger Jesu" von Leonhard Frank. Es ist die Geschichte einer Jüdin, die in ein Wehrmachtsbordell verschleppt wird und nach dem Krieg erfährt, dass der Mörder der Eltern nun Bürgermeister ihrer westdeutschen Heimatstadt ist. Die Domröse - leise, verletzlich, hochsensibel - verweigert ihrer Figur jede Art von Triumph, wenn sie den Emporkömmling in einem Akt der Selbstjustiz erschießt. Dem Film folgen, in Kino und Fernsehen, hüben wie drüben, viele starke Rollen, in "Wege übers Land" (1968), "Effi Briest" (1971), "Fleur Lafontaine" (1978), "Hanna von acht bis acht" (1983) und "Hurenglück" (1990). Frauen, die sich nehmen, was sie brauchen. Immer eine Balance zwischen heftigster Gefühlsaufwallung und spröder Distanz, emotionaler Nähe und Berliner Abgeklärtheit. Der Domröse-Stil ist zärtlich und rau im selben Moment, rigoros, unnachahmlich. Die Verschmelzung von Stille und Schrei, wildes Aufbäumen im Angesicht der Katastrophe.Zum Film ihres Lebens avanciert 1973 "Die Legende von Paul und Paula". Der Regisseur Heiner Carow will sie erst nicht - sie sei zu alt. Dann nimmt er sie doch, überzeugt von ihrem Satz: "Aber nackt bin ich besser." Paula, die ledige Verkäuferin, die sich in den saturierten Staatsangestellten Paul verliebt. Die Domröse kniet mit Blumen im Haar auf dem Bett und pellt ihren Geliebten aus der Kampfgruppen-Uniform. Sieg der Leidenschaft über das dröge sozialistische Einerlei. Faszinierend der unbedingte Glücksanspruch der Heldin, ihr Plädoyer für Selbstbestimmung: vom Wir zum Ich.Einem späten Nachfolgefilm, "Verfehlung" (1991), wieder mit Carow als Regisseur, ist es nicht vergönnt, die Zuschauer ebenso zu begeistern. Die Domröse als alleinerziehende Mutter und Putzfrau, die sich in einem DDR-Dorf in einen Mann aus dem Westen verliebt. Lange Blicke in den Spiegel, wie so oft in Domröse-Filmen; das Nachdenken über vertane Chancen und der Wille, das Glück doch noch einmal beim Schopf zu packen. "Meine Kampfkraft war berüchtigt", schreibt sie in ihren Memoiren. Für "Verfehlung" kehrt die Schauspielerin nach dem Mauerfall zur Defa zurück, nach erfolgreichen zwölf Theaterjahren in Hamburg, Wien, West-Berlin. Sie war aus dem Osten weggegangen, als es in der DDR politisch und künstlerisch für sie und ihren Mann Hilmar Thate keine Heimat mehr gab. Bei Boy Gobert spielt sie Fausts Helena, bei Zadek die Frau Quangel in der Revue "Jeder stirbt für sich allein". Grandios ihr Bewusstsein für Sprache und deren Musikalität, für Licht und Bewegung, Körperlichkeit, Sinnlichkeit.In den 1990er-Jahren beginnt sie, selbst Regie zu führen; sie unterrichtet an Theaterschulen, ist Kommissarin im Fernsehen und gemeinsam mit Hilmar Thate "Josef und Maria": "Menschen, die darauf beharren, dass sie eine Geschichte haben" (Peter Turrini). Dem Potsdamer Schauspiel ist es zu verdanken, dass die Domröse nicht ganz aus unserem Blickfeld verschwindet. Manchmal läßt ihre fragile Gesundheit ein Auftreten nicht zu. Zu ihrem 60. Geburtstag schreibt Gerhard Stadelmaier: "Es ist zuletzt stiller um sie geworden, als es ihrem Talent und ihrem Können entspräche." Heute wird sie 70 Jahre alt.------------------------------Grandios ist ihr Bewusstsein für Sprache, Licht, Körperlichkeit.Foto: Angelica Domröse bei den Dreharbeiten zu Bernd Böhlichs neuem Film "Bis zum Horizont, dann links!".