Der Weg des Philosophen Gerd Irrlitz, der heute 70 Jahre alt wird, begann mit einem allgemeinen Aufbruch: Einen "echten Anfang mit ungeheurem Überschuss des Ideellen über das Real-Mögliche" fühlte der Student im Leipzig der Fünfziger. Hier lehrte der große Ernst Bloch, dessen begeisterter Schüler und Mitarbeiter Irrlitz wurde. Dem Aufbruch folgte das abrupte Ende. Der Lehrer wurde zwangsemeritiert, weil er die SED kritisiert hatte ("Schulmeisterei als Sekte"), er ging 1957 in den Westen. Irrlitz musste sich in Buna drei Jahre als Transportarbeiter "bewähren".Die wissenschaftliche Karriere des 1935 in ein engagiert sozialdemokratisches Leipziger Elternhaus geborenen Irrlitz schien beendet. Doch er schaffte es zurück an die Universität, promovierte 1968 über Rosa Luxemburg, fand an die Akademie der Wissenschaften und 1972 an die Humboldt-Universität. Schwierig blieb es für ihn, denn er sagte sich nie von Bloch los - anders als sein Kollege Manfred Buhr, mit dem er den "Anspruch der Vernunft" veröffentlichte, eine besonders breit angelegte Suche nach den philosophischen Quellen des Marxismus. Noch in den 80er Jahren handelte sich Irrlitz mit einer Verteidigung Blochs in "Sinn und Form" ein Parteiverfahren ein.1983 erhielt er einen Lehrstuhl für Philosophie - für die Geschichte der antiken und mittelalterlichen Philosophie, das schien den Parteikadern unverfänglich. Aber für Irrlitz war die Geschichte der Philosophie ein Mittel der Selbstverständigung: "Philosophie", sagte er später, "ist der unentbehrliche Ort geistiger Öffentlichkeit, an dem nicht entschieden wird, sondern nachgedacht. Hier ruht die Zeit, die überall woanders nur als aufgegebene Frist vorkommt. Und jeder kann hinzutreten und jede Frage erneut aufwerfen, sodass die Menschen, wie sie sich des Neuen vergegenwärtigen, sich jederzeit auch des bereits Vergangenen oder Unterdrückten erinnern können."Seine Schüler wussten den Kant- und Hegelkenner als einen der wenigen Professoren zu schätzen, der kritische Stimmen unterstützte. Sein freier Vortrag war höchst lebendig, er war ein Cicerone der Geistesgeschichte, der seine Hörer überall hin mitnahm, wo angeregt gedacht wurde. Die Wende empfand er als eine weitere Aufbruchsstimmung. Irrlitz kümmerte sich um Umstrukturierungsmöglichkeiten der ostdeutschen Universitäten und organisierte Selbstevaluationen. Auch wenn das den westdeutschen Professoren imponierte, die Evaluationen nahmen sie dann lieber selbst in die Hand. Irrlitz hatte Glück: er war einer der wenigen, die ihre Professur behielten.Und doch sah er das "real existierende Anschlussprocedere" skeptisch und hätte mit den westdeutschen Kollegen, die er schon lange aus ihren Büchern kannte und 1990 endlich persönlich kennen lernen konnte, am liebsten eine "Intellektuellen-Organisation ausgerufen" (mit der "preußischen Disziplin deutscher Gewerkschaften", wie er ironisch hinzufügte). Dann, so urteilte er über ein Jahrzehnt später, "stünden die deutschen Universitäten heute anders da." Das schnell eingeführte Hochschulrahmengesetz beendete diesen Traum.Für die Studenten aus West und Ost, die ihn in den Neunzigern hören durften, verkörperte er einen so beschwingten wie kritischen alteuropäischen Geist, der im Vergleich zu manchem geschäftigen und richtlinienkompetenten Westprofessoren angenehm unzeitgemäß war - und dessen philosophische Auseinandersetzung mit Marx und Hegel die aktuellste und spannendste blieb. Seine Abschiedsvorlesung hielt er 2000 über "Das Bild des Weges in der Philosophie". Wir wünschen ihm zum Geburtstag viel Glück auf seinem Weg.------------------------------Foto: Gerd Irrlitz, Philosoph