An ihren betagten Geburtstagen müssen es sich die Dichter gefallen lassen, dass ihr Werk auf Dauerhaftigkeit überprüft wird, sagte Rainer Kirsch einmal. Dabei mache die Wichtigkeit ihrer Mitteilungen aus, über die Welt zu schreiben, "wie sie war, ist und sein wird." Die Welt war für ihn die sozialistische Wirklichkeit, die es zu analysieren, zu kritisieren und zu reformieren galt.Staatsfeindliche GedichteGeboren 1934 in Döbeln, fängt er mit einundzwanzig Jahren an Gedichte zu schreiben. Er geht nach Jena, um dort Philosophie zu studieren und wird wegen staatsfeindlicher Gedichte relegiert, auf den Unirauschmiss folgt der Parteiausschluss. Anschließend wird er für drei Jahre in die Produktion geschickt, zur Bewährung. 1958 heiratet Rainer Kirsch die Biologiestudentin Ingrid Bernstein, nach der gemeinsamen Studienzeit am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" wird aus ihr die Dichterin Sarah Kirsch. Zur "Sächsischen Dichterschule" gehörend, bemühen sich beide Lyriker um "Genauigkeit in der Behandlung des Gegenstandes ... scharfes, am Marxismus geschultes Reflektieren der Epoche und das bewusste Weiterarbeiten klassischer poetischer Techniken". Dann geht diese Liebe und mit ihr Sarah Kirsch, Rainer Kirsch bleibt in der DDR. Er schreibt Nachdichtungen, Hörspiele, Kinderbücher, Erzählungen, stets aufklärend und belehrend, die Kurzformen deshalb bevorzugend, weil er "ein Lessing-Typ" sei. Anfangs noch wollte er die Welt ins Gedicht holen, später holte er Märchen in die Wirklichkeit, ihre Motive verfremdete er aktuell. Aus dem Chronisten wurde ein Allegoriker. In einem Land, deren Utopie für ihn nach dem Weggang der Freunde und dem Zerfall der "Sächsischen Dichterschule" in den siebziger Jahren unrettbar verloren war, träumte er von Hexen, die selbst dann noch Rettung versprachen, wenn bereits alles zu spät war. In seinen Erzählungen tauchen die Helden in Unterwasserwelten ab und dubiose Herren mit Tarnkappen tauchen auf, ein lila Nebel gibt sich im Arbeitszimmer eines Lyrikers ein Stelldichein, um verschwinden zu lassen, was nicht in die Zeit passte. Die Naivität dieser Geschichten war keineswegs unvereinbar mit einem Formsinn, denn neben anderen Formen hatte Kirsch auch das Distichon drauf "wie ein Boogie-Woogie-Pianist das Blues-Muster". Kein Dunst, was ein Vers istIn einem seiner frühen Texte heißt es, "keine Mächtigen der Welt können Chronisten haben, die gut schreiben und gleichzeitig schreiben, was von ihnen erhofft wird." Nach dem Sturz der Mächtigen 1989 trat an ihre Stelle ein mächtiger Zeitgeist, dem der Chronist und Allegoriker seither mit seinem lyrischen Alter Ego Petrarca begegnet: "Sind, wie der Zeitgeist, heute die Doktoren / Und haben keinen Dunst mehr, was ein Vers ist, / So dass ich, ob der Klang auch sacht pervers ist, / Canonen krächze in Banausenohren." Rainer Kirsch: Werke in vier Bänden. Eulenspiegel Verlag 2004, 98 Euro. ------------------------------Foto: Rainer Kirsch