Die Freiheit den Mund aufzumachen" hieß ein 1972 bei Wagenbach erschienener Gedichtband von Erich Fried. Diese Freiheit ließ sich der Verleger selbst nie nehmen. Klaus Wagenbach war immer "antimetaphysisch und aus ganzem Herzen links", wie ihn sein langjähriger Lektor Thomas Schmid charakterisierte. Dem "Begründer der Toscana-Fraktion" galt auch die bei ihm publizierte Belletristik mit italienischer Gewichtung als Lockerungsübung gegen ästhetische und politische Verfestigungen und somit als politische Notwendigkeit.Als Wagenbach 1964 mit dem Erlös einer verkauften Wiese im Taunus aus Familienbesitz und den Honoraren seiner Kafka-Monografie den betriebswirtschaftlichen Wahnsinn einer Verlagsgründung wagte, erfand er die schwarz-kartonierten Quarthefte. Für elf Nummern reichte sein Startkapital. Programmatischer Auftakt war Kurt Wolffs Traktat über die Verlegerei. Günter Grass und Ingeborg Bachmann stifteten je einen Band. Die Rechnung ging auf, die Buchhändler bestellten alle Elf im Paket.Der wegen einer Unterschrift für DDR-Verleger 1962 vom Fischer Verlag gefeuerte Lektor Wagenbach nahm Christoph Meckel, Uwe Johnson, Johannes Bobrowski und Stephan Hermlin ins Sortiment. Die Ambition, ein Zeichen zur Vereinigung Ost- und Westdeutschlands zu setzen, war allerdings mit einem Paukenschlag zu Ende, nachdem Wagenbach Wolf Biermanns Gedichte "Die Drahtharfe" herausbrachte und die DDR ihm Einreise- und sogar Transitverbot erteilte. Der Ruf, ein "kommunistischer Verlag" zu sein, verhärtete sich, als Wagenbach 1968 mit dem SDS die Reihe Rotbuch eingeführte und aus dem Unternehmen ein Kollektiv mit "Verlagsverfassung" wurde.Als Anfang der 70er-Jahre das "Kursbuch" Enzensbergers von Suhrkamp zu Wagenbach überlief, die Schriften der APO, von Rudi Dutschke, Mao Tse-Tung und Che Guevara, Ulrike Meinhoffs "Bambule", sowie das Manifest der RAF erschienen, wurde der "Baader-Meinhof-Verlag" Opfer zahlloser Hausdurchsuchungen, Ermittlungsverfahren und verlorener Strafprozesse. Otto Schily verteidigte Wagenbach, die Schließung des Verlags konnte verhindert werden. "Viele Linke hielten es für selbstverständlich, im Verlag arbeiten zu können. Oder zu volontieren. Oder zu übernachten. Oder wenigstens zu fotokopieren. Und jedenfalls gehörte mein Auto der Bewegung ..." erinnert sich Wagenbach. 1973 war der Traum vom Kollektiv ausgeträumt, Rotbuch hatte die Aufhebung der für Wagenbach unantastbaren Lektoratsautonomie und seinen Rücktritt aus der GmbH gefordert.Im literaturfeindlichem Klima des Jahres 1968, als Reinhard Lettau die schreibenden Kollegen an die Barrikaden bat, startete Wagenbach den Tintenfisch, ein Jahrbuch für Literatur, das über 19 Jahre erschien. Zusammen mit Michael Krüger konzipierte er das unzeitgemäße Organ "gegen den Überbauzauber abstrakter Fliesenlegerei und den Realismus der kleinen Schritte". 1979 folgte der Freibeuter und erweiterte das Terrain für libertäres Denken. Dem war 1978 die Publikation von Pasolinis Freibeuterschriften vorhergegangen.Diese traf "in die Gründung der Grünen hinein, in die Köpfe von jungen Leuten, die anfingen, über ähnliche Sachen nachzudenken, über den Konsumterror, den Untergang der bäuerlichen Welt, das Verschwinden der Dialekte, alles grüne Themen. Der deutsche Linke denkt ja immer, er ist der eigentliche intellektuelle Vorbereiter der Revolution. Dann kommt da so ein italienischer Filmer und erzählt was über das Verschwinden der Glühwürmchen."Für Wagenbach war die Praxis der Diskursverschiebung vom Bereich des Politischen ins Ästhetische so neu nicht. Und auch die Grundlagen seiner Leidenschaft für die Kultur Italiens als Gegenmodell zur deutschen Spießigkeit waren längst gelegt. Wagenbach promovierte über Kafkas heitere Seite und fuhr als Student mit dem Fahrrad nach Italien, um Kunstschätze zu betrachten. "Aber es gab einen zweiten Grund: was machen die denn, unsere Mitfaschisten?" Bei seiner Tour traf der ehemalige Messdiener aus dem Berliner Norden auf die "allerseltsamsten und lustigsten Leute" und lernte nebenbei die Kunst "der gelassenen Überschreitung von Vorschriften" zu schätzen.Der "Verlag fürs wilde Lesen" praktiziert bis heute Widerstand gegen die Buchfabriken mit im besten Sinn schöngeistiger Literatur, die ihr Gravitationsfeld kennt. Wenn mal ein Bestseller drunter ist, wie Houellebecq oder A.L. Kennedy, ist das willkommen, wie zu Zeiten des 68er Agitprop der Rote Kalender."Der Mann, der mit seinem Lachen nicht allein sein will" hat sich inzwischen aus dem Geschäft zurückgezogen. Sein nun seit 41 Jahren existierender Verlag ist immer noch unabhängig und wird seit 2002 von Wagenbachs Frau Susanne Schüssler und seiner Tochter Nina Wagenbach geführt. Statt Kollektiv nun ein Familienbetrieb.------------------------------Foto: Klaus Wagenbach