Eigentlich heißt sie Jolanthe von Brandenstein. Leonie Ossowski, für die spannende Bücher zu schreiben ein "Gottesgeschenk" ist, nutzt diese Gabe, um dem Unwissen entgegenzutreten, denn "Dumme Menschen gehen mir furchtbar auf den Keks".Ossowski schreibt über Nationalsozialismus, Vertreibung, Obdachlosigkeit und in ihrem Roman von 2001, "Die schöne Gegenwart", beschäftigt sie sich mit dem Älterwerden und der Alterslethargie. Heute wird die Autorin 80. Ihr kaputter Rücken erinnert sie an ihr eigenes Alter und schränkt ihre Beweglichkeit ein. Da sie auch nicht mehr Auto fährt - "Ich bin sehr schnell und sehr schlecht gefahren, und das ist eine furchtbare Kombination" - ist die Recherchearbeit für ihre Bücher schwierig geworden. Und ohne Recherche weiß sie nicht, was sie schreiben soll. "Soll ich vielleicht über meine Hunde schreiben?"Denn ihre Romane sind "alles wahre Geschichten". In Mannheim zu Anfang der Siebziger betreut Leonie Ossowski Obdachlose am Treffpunkt Wasserturm und in der Wohngemeinschaft "Kippe". Außerdem arbeitet sie als Bewährungshelferin im Gefängnis. "Da begann dann eine Freundschaft mit meinen Kindern, meinen Jungs." In den "Mannheimer Erzählungen" (1974) und ihrem Jugendroman "Die große Flatter" (1977) sind diese Erlebnisse eingearbeitet. Später, in den Achtzigern, macht sie ehrenamtlich fünf Jahre lang Gefangenenbetreuung in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. "Leonies Killergruppe", wie die acht Gefangenen sich nannten, haben sie "ungeheuer bewegt": "Alle acht hatten jemanden umgebracht."Ihre eigenen Erlebnisse der Kindheit und Jugendzeit in Niederschlesien hat die Schriftstellerin in der Trilogie "Weichselkirschen" (1976), "Wolfsbeeren" (1987) und "Holunderzeit" (1991) beschrieben. Neunzehn Jahre alt und mit ihrem ersten Kind schwanger, ist sie im Januar 1945 mit ihrem Mann zuerst bis Bad Salzungen in Thüringen geflohen. Als die Russen sie dann zur Zwangsarbeit nach Sibirien schicken wollen, weil sie deutsche Soldaten versteckt hält, entkommt sie ins hessische Bad Hersfeld.Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann heiratet sie 1949 wieder. Sie hat seither in Biberach an der Riss in Oberschwaben, in Stuttgart und mehr als zwanzig Jahre in Mannheim gelebt. Mit ihrem dritten Mann zieht sie 1980 nach Berlin. Vor fünfzehn Jahren wird auch diese Ehe geschieden. "Ich bin offensichtlich nicht zur Ehe geeignet." Seither lebt sie mit zwei weißen Pudeln in einer schönen Wohnung im Berliner Grunewald. Ihre sieben Kinder sind an verschiedenen Orten Deutschlands, in Spanien und Toronto verstreut.1974 fährt Leonie Ossowski für ein viertel Jahr in ihre alte Heimat nach Westpolen, um für ihre Niederschlesien-Trilogie zu recherchieren. Sie wohnt während dieser Zeit in ihrem Elternhaus im ehemaligen Ober-Röhrsdorf, heute Osowa Sien. Sie wird im 'Inspektorhaus' untergebracht. Das Schloss wird damals als Jugendclub, Poliklinik und für andere Dorffunktionen genutzt. Als sie 1994 noch einmal hinfährt, ist das Anwesen eine Schule. "Die Polen haben natürlich gesagt, komisch, wir haben die weggejagt, und jetzt kommt die mit ihrem Auto hierher und macht Urlaub." Zum Schluss haben sich die skeptischen Dorfbewohner aber wohl an sie gewöhnt, und sie fährt "mit einem Kofferraum voll Lebensmittel wieder nach Hause. Alles Geschenke." Beim Besuch im Jahre 1994 gibt es sogar einen "riesen Empfang".Ossowskis Vater hat den Verlust des adeligen Anwesens nicht verkraftet. Er nimmt sich 1953 das Leben. Leonie Ossowski selbst macht sich heute noch Vorwürfe wegen einer jüdischen Mitschülerin, der sie "Schutz" anbot, wenn sie dafür abschreiben kann. Nach der Reichskristallnacht darf das jüdische Kind die Schule dann nicht mehr besuchen, kann nach Südafrika entkommen. "Das ist etwas, was ich nicht verstehe, dass ich nicht gefragt hab, wo ist sie, und warum kommt sie nicht mehr in die Schule. Es hieß dann, Juden dürften nicht mehr in die Schule gehen, und damit habe ich mich wohl zufrieden gegeben."Auch hinsichtlich ihrer Arbeit in der DDR und dass sie sich "zu wenig informiert hat", plagen sie heute Gewissensbisse. Um den "Kommunismus kennen zu lernen" arbeitet sie von 1953 bis 1959 für die DEFA in Babelsberg. Sie verdient "eine Menge Geld", schmuggelt Meißner Porzellan und Fotoausrüstungen, um die Waren in Stuttgart zu verkaufen.Schuld thematisieren zu können, bezeichnet Leonie Ossowski als den Sinn ihres ganzen Schreibens: "Und dann fangen die Leute an zu lesen und finden das so spannend und sagen, jetzt muss ich weiterlesen. Und dabei werden sie gezwungen, Informationen aufzunehmen, die sie sich sonst nie im Leben holen würden."------------------------------Foto: Und schließlich Berlinerin: Leonie Ossowski.