Wer Bilder erschafft, wird mit Bildern belegt. El Greco fungiert als erster Expressionist, Matthias Grünewald als erster Symbolist der Kunstgeschichte. Das klingt noch einigermaßen nützlich. Bei Karikaturisten und Cartoonisten hingegen wird die Klassifizierung mit dem Sujet entgegengesetzter Einfallslosigkeit betrieben. F. W. Bernstein vereint die Klischees zum unerträglichen Crescendo: "Mit der spitzen Feder spießt Lady Courage die Missstände auf, geißelt mit ätzender Säure, streut Salz in die Wunden oder legt mindestens die Finger drauf. Solche unappetitlichen Redewendungen sollen bestraft werden", schrieb er für die Kollegin Marie Marcks, die Sonntag 80 Jahre alt wird; das Willy-Brandt-Haus Berlin zeigt zu diesem Anlass eine große Auswahl ihrer Zeichnungen aus den letzten 50 Jahren.Gern wird Marcks auch "First Lady der Karikatur" oder "Grande Dame der Satire" genannt - hochtrabende Phrasen, die ihrer knappen, trockenen Art völlig zuwider laufen. Bei der Ausstellungsvorbesichtigung redet sie lieber davon, dass die Farben im nächsten Buch viel zu fett gedruckt seien und ihre feinen (in ihrer Eleganz manchmal fast kalligrafischen) Striche so verschwunden seien - wie um großen Fragen zu ihrem Lebenswerk zumindest vorläufig zu entgehen."Von Kindeshänden an gekritzelt. Da weiter nichts Rechtes gelernt, aus dem Gekritzel meinen Beruf gemacht", mehr hat sie nicht unter ein Selbstporträt geschrieben. Rund 60 Einzelausstellungen und 25 Bücher, Arbeiten für Printprodukte von "atomzeitalter" bis "Zeit" sowie 23 Jahre als tagespolitische Karikaturistin für die "Süddeutsche Zeitung" (1956-88) wären damit unterschlagen. Und wer sentimental darauf verweist, dass sie von ihrem Lieblingsonkel, dem Bildhauer Gerhard Marcks, 15-jährig als "Die Berlinerin" verewigt wurde, dem erklärte sie später in ihren autobiografischen Aufzeichnungen "Marie, es brennt!" recht ungerührt: "Ich stehe im Hof des Museum of Modern Art in New York und friere immer noch, jedenfalls im Winter.""Marie, es brennt!" ist eine der besten, bewegendsten Möglichkeiten, Kindern etwas über den Zweiten Weltkrieg, die Zeit davor und danach zu erzählen. Marie Marcks ist in Berlin, genauer: in der Landhausstraße 13 aufgewachsen. Ihre Mutter betrieb dort eine Kunstschule, sie gab der Tochter die Energie mit, mit allem fertig werden zu können. Auch damit, allein mit fünf Sprösslingen dazustehen. "Eigentlich interessiert sie sich für Kernkraft und Nazivergangenheit und Rechtsradikalismus und Wiederaufrüstung und Architektur. Um daran arbeiten zu können, muss sie die durch die Kinder entstehenden Probleme lösen. Und plötzlich ist sie auf diesem Gebiet, das sie nie anstrebte, eine Kapazität", so die Regisseurin Helke Sander im Katalog über Marcks.Gepiesackte Mütter sind in der Tat Marie Marcks berühmtestes Thema. In Heidelberg, wo sie seit einem halben Jahrhundert lebt, hätte man sich das Klima auch nicht unbedingt fortschrittlicher vorgestellt. "Papa braucht Ruhe für seine Arbeit", tuschelt die mit vier Kindern manövrierende Gattin; er ist über einem Buch eingeschlafen. Aber es gibt natürlich auch das Gegenmodell - die Akademikerin, die ihrem schluffigen Partner bescheidet: "Nun muffel doch nicht gleich wegen meinem Ruf nach Bremen; du kannst ja da einen Kinderladen aufmachen oder irgendwas!""Professoren, die ihr Zeug labern" belauscht Marie Marcks mit Vorliebe beim Spazieren gehen. Denn ihre Arbeit beginnt immer mit dem Wort, mit dem Aufschnappen von Beweisstücken für das Aneinander-Vorbeireden. "Ich bin leider ein langsamer Mensch", sagt sie - und außerdem zu schüchtern, um "komische Typen", etwa im Lokal, direkt abzuzeichnen. "Außerdem ist das doch eine Taktlosigkeit", findet Marcks, die eigentlich immer ganz schön ungemütlich sein konnte. Leider hat sich keines ihrer Themen unterdessen erledigt. 1982 entstand das Blatt "Du sollst Vater und Mutter ehren", darauf schaut ein Kind zwei Reagenzgläser an. Und schon gut drei Jahrzehnte alt ist der illustrierte Reim "Fragt der Hahn das Wetterhuhn: Was tun?/ Immer das, was opportun! Sprach zum Wetterhahn das Huhn." - er behandelte den Wankelmut der FDP.Bis Mitte September im Willy-Brandt-Haus (Stresemannstr. 28), geöffnet Di-So 12-18 Uhr. Der Katalog "Sternstunden der Menschheit" erschien bei der Edition Braus im Wachter Verlag Heidelberg: 278 Seiten, 29,80 Euro.KURPFÄLZISCHES MUSEUM HEIDELBERG Auch Hühner brauchen Drill: "Der Batteriechef" entstand 1984 für die "Süddeutsche Zeitung", in der Hochzeit der Debatten um Bodenhaltung.