Je länger der Mord an den Juden zurückliegt, desto intensiver wird er erforscht. Heerscharen von Historikern teilen sich die Arbeit. Sie teilen sich zugleich den Schrecken: ein ganzer Forschungskosmos umgibt den Einzelnen mit seinem beruhigenden Alltag, mit Konferenzen, Lehrstühlen, Stipendien und Zeitschriften.Raul Hilberg war allein, als er nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs anfing, den Mord an den europäischen Juden aus den deutschen Akten zu erforschen. Der Gegenstand interessierte die Wissenschaft damals nicht. Von seinem Doktorvater hörte der junge Politologe die Warnung: "Das ist Ihr Untergang". Hilberg saß über Jahre einsam vor den Akten aus dem Nürnberger Prozess und musste selbst fertig werden mit der ungeheuerlichen Geschichte, die daraus aufstieg.Er hat dennoch durchgehalten und ist zum ersten Holocaust-Forscher geworden. Sein dickes Werk über die "Die Vernichtung des Europäischen Judentums" aber, das ist das erstaunlichste, gilt fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen 1961 immer noch als ein Standardwerk. Es hat die Jahre zum einen überdauert, weil sein Autor auf Pathos und Moral verzichtet hat. Obwohl er selbst unter den Ermordeten hätte sein können - als 1926 in Wien geborener Jude, der am 1. September 1939 in die USA gelangte -, und obwohl viele seiner Verwandten zu den Opfern zählten, schrieb Hilberg als Forscher kalt und nüchtern. Auf den Mord an den Juden wollte er dieselben wissenschaftlichen Methoden angewandt wissen wie auf andere historische Gegenstände auch.Die Dauerhaftigkeit seiner Arbeit verdankt Hilberg aber auch dem Einfluss seines Doktorvaters, des ebenfalls emigrierten Franz Neumann. Der marxistische Arbeitsrechtler hatte 1942 in seinem Buch "Behemoth" die damals überraschende These aufgestellt, NS-Deutschland sei gar nicht als Staat zu begreifen. Wo ein rational-regelhaft betriebener Zwangsapparat fehle, müsse man eher von einem Machtkartell sprechen, von vielerlei "Gentlemen's Agreements" zwischen Partei, Militär, Bürokratie und Industrie. Hilberg fand diese Sichtweise auf das NS-System in seinen deutschen Dokumenten bestätigt. Nicht ein monolithischer Staat hat den Judenmord beschlossen, sondern die Kooperation verschiedener Tätergruppen hat sie bewirkt. Diese Sicht wurde Jahrzehnte später von den "funktionalistischen" NS-Historikern aufgegriffen.Hilberg ist der eisernen Überzeugung, der Mord sei im Grunde nur aus der Sicht der Täter zu erforschen, aus ihren Quellen. Er hält diese Täter nicht für "banal", und auch keineswegs für antisemitischer als den Rest der Bevölkerung. Den Zeugnissen der Überlebenden traut er als Historiker kaum. In Israel wurde Hilberg lange sehr heftig abgelehnt - seine Darstellung der Opfer stellte nicht den jüdischen Widerstand in den Vordergrund, sondern die Kooperation der Judenräte. Er war es auch, der das Tagebuch des Warschauer Judenratsvorsitzenden Adam Czerniaków edierte.Hilbergs Hauptwerk, obwohl noch während des Eichmann-Prozesses erschienen, hatte erst in den 80ern und 90ern den verdienten Erfolg. In Deutschland kam das Standardwerk der Holocaust-Forschung ohnehin erst mit zwei Jahrzehnten Verspätung heraus, und dann noch in einem unbekannten linksradikalen Westberliner Kleinverlag. Es dauerte ein weiteres Jahrzehnt, bis S. Fischer 1990 eine 1350-Seiten-Taschenbuchausgabe herausbrachte. 2002 wurde Hilberg für sein jüngstes Buch, "Die Quellen des Holocaust", in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt. Heute wird der erste Erforscher des Mordes an den Juden 80 Jahre alt.------------------------------Raul Hilberg hätte selbst zu den Ermordeten gehören können. Doch als Forscher schrieb er kalt und nüchtern.------------------------------Foto: Jahrelang saß Raul Hilberg einsam über den Akten der Nürnberger Prozesse.