Die ergreifendsten Geschichten über Marcel Reich-Ranicki erzählt Marcel Reich-Ranicki selbst. Zum Beispiel die von Bolek und Genia Gawin, die Reich-Ranicki und seine Frau Tosia in ihrem Häuschen in Warschau versteckten, als die beiden aus dem Warschauer Getto geflohen waren. Das Versteck bot der arbeitslose Drucker Gawin nicht ganz uneigennützig; sein letztes Bargeld ist Reich-Ranicki dort losgeworden, zudem mussten er und seine Frau Zehntausende von primitiven Zigaretten im Kellerversteck fertigen, die Gawin mit allerdings wenig Gewinn verkaufte. Gawin war hin- und hergerissen zwischen dem Stolz, Hitler zwei potenzielle Opfer zu entreißen und dem Wunsch, sie wieder los zu werden.An einem wegen Stromsparens wieder einmal stockdunklen Abend begann Reich-Ranicki im Hause der Gawins eine Geschichte zu erzählen, um sich und seinen Rettern die Langeweile zu vertreiben. An diesem Abend entdeckte er die Macht der Literatur. "Je besser eine Geschichte war, je spannender, desto mehr wurden wir belohnt. Mit einem Stück Brot, mit zwei Mohrrüben oder dergleichen." Von nun an, so berichtet Reich-Ranicki in seiner 1999 erschienenen Autobiografie "Mein Leben", erzählte er jeden Abend - um zu unterhalten, und das heißt in diesem Fall, um sich nützlich und sympathisch zu machen, um Zeit zu gewinnen, kurz, um am Leben zu bleiben. Er, der sich seit seiner Zeit als literaturbegeisterter Abiturient kaum noch mit der Literatur beschäftigt hatte, da ihm in Berlin als Jude das Studium verwehrt wurde und ihm im besetzten Warschau verständlicherweise keine Muße blieb, erzählt nun aus dem Stegreif die Stoffe der großen Dramatik und Literatur, der Opern und der Filmgeschichte. Er wird ein Entertainer aus der Not, lernt, welche Geschichten, welche erzählerischen Kniffe auch einfache Leute wie Bolek und Genia fesseln.Es liegt auf der Hand, wie dieses Scheherazade-Motiv, das Um-Sein-Leben-Erzählen, geeignet ist, Reich-Ranickis anhaltende Verehrung des Unterhaltsamen zu erklären. Den Leser zu packen und zu fesseln gilt ihm als vornehmste Aufgabe sowohl der Literatur, als auch ihrer Kritik. Reich-Ranicki kämpft ausschließlich um das große Publikum, die Fachwelt ist ihm schnuppe, akademische Debatten reizen ihn nicht. Was nicht zugespitzt werden kann, erscheint ihm schlecht gedacht. Wenn er im Literarischen Quartett scheinbar unangestrengt um die Lacher kämpfte, konnte man meinen, er sähe Millionen von Boleks und Genias vor den Bildschirmen. Ihr Vergnügen war seine Lebensversicherung. Für diese setzte er langjährige Freundschaften aufs Spiel, wie jene mit Heinrich Böll, über dessen Band "Drei Tage im März" er schrieb: "Wer immer dieses Buch liest, wird des angenehmen Gefühls teilhaftig, er könne sich doch ein bisschen besser ausdrücken als Deutschlands repräsentativer Schriftsteller." Wen wundert es, dass Heinrich Böll das Gefühl hatte, da hetze ein populistischer Kritiker eine ganze Meute auf ihn.Soeben ist eine Biografie über Marcel Reich-Ranicki erschienen, die seinen Grundkriterien für ein gelungenes Buch voll entspricht. Uwe Wittstocks "Marcel Reich-Ranicki - Geschichte eines Lebens" ist spannend, anschaulich, kurzweilig - und damit ist auch schon das größte Problem des Buches beschrieben, sieht man einmal von dem Problem ab, dass Wittstock neun Jahre in der FAZ unter der Regentschaft des Literaturchefs Reich-Ranicki Redakteur und Kritiker war.Hier schreibt ein bewunderndes Opfer, das die Lektionen seines Chefs perfekt gelernt hat. Das Buch ist, die Anmerkungen nicht mitgezählt, 240 Seiten lang und damit knapp halb so lang wie Reich-Ranickis eigene Darstellung seines Lebens. Ist diese oft als "Roman eines Lebens" beschrieben worden, so müsste man hier von einer Novelle sprechen.Mit dem Mut zum Weglassen und Stilisieren wurde Reich-Ranickis ohnehin stark pointierende Autobiografie einem abermaligen Konzentrationsprozess unterworfen, bis sein Leben ausschließlich um drei zusammenhängende Motive kreist: die Ausgrenzungserfahrung als Jude, die Emigration in die deutsche Literatur und schließlich der Kampf darum, sich und der Literatur bei den Deutschen wieder Geltung zu verschaffen und auf diese Weise so etwas wie Heimat zu finden - im Trotz und ausgerechnet als Kritiker, dem laut Re ich-Ranicki in Deutschland verhasstesten Berufsstand.Nach Uwe Wittstocks Buch hat man das zweischneidige Gefühl, Reich-Ranicki zu einhundert Prozent zu verstehen und sich also mit einer Kunstfigur zu befassen. Dabei hat doch gerade die Biografie ihren Sinn darin, aus dem Exemplarischen, das sie herausarbeitet, das Besondere, Zufällige und Außerordentliche wieder zu retten. Reich-Ranicki rasanter Aufstieg als Kritiker, seine kontrollierte, Beifall heischende Aggressivität, seine überzogene Empfindlichkeit, seine ungehemmte Lust, auf den Buchmarkt Einfluss zu nehmen, sein Spaß am Durchsetzen und Verhindern von Autoren - alles erhält hier seinen Sinn nur vor dem Hintergrund der Verfolgungserfahrung, über die Reich-Ranicki selbst Jahrzehnte schwieg. Es sei bezeichnenderweise Ulrike Meinhof gewesen, erzählt er, die ihn als erste Deutsche nach der Vergangenheit gefragt habe und die sich für die Ermordeten in seiner Familie interessiert habe. Das Beschweigen der Vergangenheit, etwa in der Gruppe 47, muss, zumal in einer so wortreichen Runde, in der Tat neurotisierend gewesen sein.Wittstock widmet sich den wichtigsten Freundfeindschaften und Erzfeindschaften, die Reich-Ranicki pflegt, und stellt in versöhnliches Licht, was der Porträtierte durch Altersmilde noch nicht selbst aus dem Weg geräumt hat. Harmoniesüchtige werden diese Kapitel mit Vergnügen lesen, weil es diesen bis zur Groteske Streitlustigen, dem es stets um das argumentative Rechthaben ging, notorisch relativiert. Das rührt an, aber es schmerzt auch.Man hört, Reich-Ranicki - der heute 85 Jahre alt wird - sei dankbar für das Buch. Wie gern wüsste man, inwieweit er sich in diesem Werk seines Schülers wirklich wiederfindet, das in so großem Einklang mit seinen Methoden der Konzentration, Vereinfachung und Unterhaltung steht. Eigentlich müsste ihm beim Lesen die experimentelle Literatur mit ihrer Liebe zum Besonderen, das sich dem Exemplarischen nicht fügen will, so nah gewesen sein wie nie zuvor.------------------------------Uwe Wittstock:Marcel Reich-Ranicki. Geschichte eines Lebens. Blessing, München 2005. 288 S., 20 Euro.------------------------------Foto: Marcel Reich, sechzehnjährig im Berliner Strandbad Stölpchensee.