Zum 90. Geburtstag des Bühring-Gymnasiums trafen sich 700 Ehemalige: Manches erzählen die Schüler von damals nur leise

Eine Schule ist erst mal ein Gebäude. In diesem Fall aus rotem Backstein, hübsch gelegen am Kreuzpfuhl, mitten in Weißensee. Gebaut wurde die Schule, die heute Bühring-Gymnasium heißt, vor 90 Jahren. Dieser runde Geburtstag wurde am Wochenende gefeiert.Eine Schule, das sind aber auch Menschen: Lehrer und vor allem Schüler. 700 von ihnen feiern den Geburtstag mit, ein riesiges Klassentreffen. Überall fallen sich Klassenkameraden in die Arme, die sich "überhaupt nicht verändert!" haben. Mitunter ein vorsichtig fragendes Lächeln: "Trudi?" "Nein, Eva." "Oh, tschuldigung."Egon Karg lächelt nicht. Aufrecht steht er in der Ecke von Raum 210. Neben ihm liegt eine Rose. Er hat sie am Morgen "als wohl ältester Abiturient" der Schule erhalten. Der 82-Jährige schüttelt den Kopf. Er hat sein Abitur nie gemacht. Er durfte nicht. Schulen sind eben nicht nur Gebäude und Menschen, Schulen sind auch Schicksale.Das Schicksal von Egon Karg entschied sich 1933. Die Nazis kamen an die Macht und den jüdischen Rechtsanwälten die Kunden abhanden. Kargs Vater wurde mangels Aufträgen entlassen. Der 14-jährige Egon musste das Gymnasium verlassen. "Wir konnten das Schulgeld nicht mehr aufbringen", sagt er. Bald 70 Jahre ist das her, aber die Wunde schmerzt noch immer. Auf einem Schlag abgeschnitten von der eigenen Zukunft. Stattdessen eine Lehre als Fleischer, die Meisterprüfung und nach dem Krieg die eigene Fleischerei an der Erich-Weinert-Straße. Ein anderes Leben."Warum durfte ich überleben?"An den Jungen drei Klassen unter ihm kann sich Egon Karg nicht mehr erinnern. Kurt Seidemann heißt er. Er hat sich zu Karg gestellt. Vielleicht aus Verlegenheit, weil auch er keinen Klassenkameraden getroffen hat. Vielleicht, weil er gar nicht sicher ist, ob er die Mitschüler von einst überhaupt erkennen würde. Oder wollte. Oder die ihn.Kurt Seidemann hat die Schule 1936 verlassen. Er ist Jude. Kurz bevor der Krieg ausbrach, besorgten die Eltern für ihr Kind ein Visum nach Schweden. Er nahm das Schiff. Es belastet ihn bis heute. Warum stand er an der Reling, warum nicht ein richtiger Kerl? Einer mit Mumm und Kraft? Warum er, der 18-jährige Kurt mit den zwei linken Händen? Warum durfte er überleben? Der Vater kam im KZ Sachsenhausen um, die Spur der Mutter verliert sich 1941. "Wahrscheinlich wurde sie in Riga erschossen", sagt Seidemann.Ein leichtes Beben legt sich in seine Stimme. Leicht zu überhören, zu laut dringt das Klirren von Sektgläsern heran. Für die anderen ist es eine Feier, für Kurt Seidemann eine Rückkehr. Die letzte, sagt der 80-Jährige. Zu krank. Morgen geht es zurück nach Stockholm, für immer.Im allgemeinen Trubel ist Egon Karg der Einzige, der dieser Geschichte zuhören mochte. Karg erzählt sie nicht weiter, auch nicht an Georg Kleedörfer. Der immerhin hat sein Abitur gemacht, 1957. Aber genutzt hat es ihm nicht viel. "Wer nicht in der FDJ war, hatte nichts zu bestellen." Kleedörfer war nicht in der FDJ. Deshalb hat es nicht geklappt mit dem Studienplatz in Dresden. Er machte sein West-Abitur nach und fing sein Studium an der TU an. "Mit dem 45er Bus" ging es täglich von Weißensee nach Charlottenburg. Bis am 13. August 1961 eine Mauer den Weg des Busses blockierte. Eine Woche später stieg Kleedörfer mit 17 anderen Wagemutigen in einen stinkenden Kanal: Im Gleimtunnel ging es in den Westen. Die Flucht glückte. Heute leitet er eine Schule in Leverkusen.Seinen früheren Mitschülern erzählt er nichts von seiner nächtlichen Flucht. Da werden die schönsten Anekdoten über längst verblichene Lehrer aufgewärmt. Die Schulzeit, rosarot. Man muss ihn schon rausreißen aus dieser Gruppe, ihn mit Egon Karg zusammensetzen, damit die Schicksale hinter der Feiertagslaune sichtbar werden. Tristan Köhler, der bald sein Abitur macht, setzt sich daneben. Er mag nicht reden. Als müsse er sich entschuldigen für sein unspektakuläres Leben. Dabei hat er doch auch einen historischen Schnitt mitbekommen, das Ende der DDR. Tristan Köhler denkt drüber nach. "Stimmt. Aber davon hat man so richtig nichts gemerkt."BÜHRING-GYMNASIUM Vier Namensgeber in 90 Jahren // 1910 wurde die Schule an der Woelckpromena-de eröffnet. 690 Schüler werden dort und in einer Filiale unterrichtet.Benannt wurde die Schule 1993 nach dem Architekten Carl James Bühring, der das gesamte Viertel entwarf.Zuvor waren Günter Roß, Johannes R. Becher und Paul Oestreich Namensgeber für das Gymnasium gewesen.BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF Drei Generationen von Bühring-Schülern (v. l. ): Georg Kleedörfer, Egon Karg und Tristan Köhler.