Für den neunzigsten Geburtstag Eberhard Reblings mich als Sendboten von Glückwünschen auszumachen, hat nicht nur mich überrascht, sondern nun auch den Betroffenen selbst, hatten wir doch 1994 einen kleinen Zwist in der Londoner Zeitschrift "europäische Ideen" ausgetragen, ohne dadurch anschließend in persönlichen Kontakt zu treten, was ich jetzt bedauere. Seit 1977 wurde ich zwangsläufig Außenbeobachter des DDR-Musiklebens aus gelöster rheinischer Sicht. Und so sei s auch jetzt! Es ist ein ungeheueres Geschenk der Natur, in diese Altershöhen aufsteigen zu dürfen: während Eberhard Rebling verklären darf, müssen wir Nachgeborenen aber noch aufklären.Unter den selbst ernannten marxistischen Musikwissenschaftlern der jungen DDR, zu denen Ernst Hermann Meyer, Georg Knepler, Harry Goldschmidt, Nathan Notowicz gehörten, gab es eine Hackordnung, die Rebling in die zweite Reihe verwies, auch wenn sich alle Heimkehrer aus westlicher Emigration in einer Art Hab-Acht-Stellung gegenüber den dominierenden Sowjet-Emigranten befanden. Eine Situation, die bis heute verheimlicht, ob sie uns als Bedrängte oder Angepasste im "Angesicht des Klassenfeindes" die Widersprüche ihrer Biografien vorenthielten. Noch immer muss Reblings Vita puzzleartig zusammengesetzt werden, wenn man nicht nur die beiden Fassungen der umfänglichen Selbstbiografie zu Rate ziehen will. In Berlin studierte er Klavier und Musikwissenschaft und konnte 1934 noch promovieren. Parallel lernte er den Kunsthistoriker Leo Balet kennen, mit ihm erweiterte er sein Thema zur Gemeinschaftsarbeit: "Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, Literatur und Musik im 18. Jahrhundert." Da diese Arbeit, heute ein Klassiker marxistischer Kunstsoziologie, sowohl in Leiden als auch in Straßburg 1935 erschien, Rebling aber noch in Berlin lebte, gab er sich das Pseudonym E. Gerhard. Bald ebenfalls ins holländische Exil gegangen, publizierte er dort unter "P. van Noorden". 1952 kehrte Rebling in die DDR zurück, inzwischen um seine Ehefrau Lin Jaldati und zwei Kinder bereichert. Seine Frau wurde als Sängerin jiddischen Liedgutes ein Begriff, die Herausgabe ihres Repertoires unter dem Titel "Es brennt, Brüder, es brennt" 1966 eine wichtige Publikation in der DDR, die sich diesem Thema nur sparsam widmete. Rebling war der bescheidene Klavierbegleiter ihrer Auftritte (dass sie als Widerstandskämpferin nach Auschwitz und Bergen-Belsen verschleppt worden war, daran soll an diesem Tage mit erinnert werden). Überhaupt trat Eberhard Rebling leise, feinfühlig und verhalten auf, was im eher groben Umgang der Funktionäre herausfiel.Von 1952 bis 1959 versah Rebling die Chefredaktion von "Musik und Gesellschaft". Es waren dies Jahre meiner Schulzeit, und diese einzige DDR-Musikmonatszeitschrift das Gespött meiner Umgebung in Jena und Weimar, weil sie eine verordnete Formalismusdebatte durchzog, fern vom komplizierten Nerv dessen, was Musik ausmachte. So konnten auch Reblings eigene Erkenntnisse nur sortiert Eingang in die Texte halten, seine Sprache wurde mit zur Funktionärssprache, die heute erst recht Kopfschütteln hervorruft. 1959 wurde Rebling Rektor der Deutschen Hochschule für Musik. Er löste Georg Knepler ab, der Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu lehren begann. Ich hatte beide zu ertragen, da ich an beiden Orten studierte. Während Rebling sanft und unspürbar leitete, herrschte Knepler als "Sieger der Geschichte". Dass an beiden Anstalten dürftigstes studentisches Leben herrschte, lag an jenem Gesellschaftstraum, der Individualität nicht zulassen wollte. Nur: es war Kalter Krieg und dieser hatte zwei Fronten, wovon auch heute nur eine aufgearbeitet wird.