MITTE. Der Mühlengraben am Spree-Kanal hatte das Zeug für Legenden: Zu DDR-Zeiten, so wurde gemunkelt, fuhren manchmal Boote in den Tunnel und legten wenig später direkt unter dem Staatsratsgebäude an. Alles erstunken und erlogen. Der Wassergraben, der kurz vor der Schlossbrücke von der Spree abzweigt, führte nicht zum Staatsratsgebäude. Er endet unter dem Schlossplatz an einer Mauer. Wenn auch Honecker & Co. nie durch den Mühlengraben ruderten - geschichtsträchtig ist das Fleckchen trotzdem. Davon konnten sich am Sonnabend die ersten Berliner überzeugen. In einer Premiere wurden einige der 42 unterirdischen Gewölbe rund um den Mühlengraben geöffnet. Seit mehr als 100 Jahren existieren diese gemauerten Bauwerke - doch nie zuvor durften sie besichtigt werden. Einer von denen, die das möglich gemacht haben, ist Rainer Blankenburg. Er ist Mitglied im Verein "Schlossfreiheit", der sich im Juni gegründet hat und das 4 000 Quadratmeter große Areal am westlichen Ende des Schlossplatzes wieder beleben will. Dort, direkt an der Spree, stand einst das riesige Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. Für dieses Bauwerk wurden Ende des 19. Jahrhundert die unterirdischen Gewölbe angelegt. "Das ganze Denkmal wog etwa 500 Tonnen", sagt Blankenburg. Weil dafür ein stabiles Fundament nötig war, sei der Mühlengraben überbaut worden. So entstanden die 42 unterirdischen Gewölbe - als technische Anlagen. Anfang der 90er-Jahre stieß der Verein "Unterwelten" auf dieses Stück Vergangenheit. "Der Verein wollte Besichtigungen dort unten organisieren und ein Café einrichten", sagt Blankenburg. "Das Nutzungskonzept wurde sogar dem damaligen Umweltminister Klaus Töpfer vorgestellt." Dann aber ging Töpfer zur Uno, und die Pläne verschwanden in den Schubladen. Als sich der Verein "Schlossfreiheit" gründete und der "Unterwelten"-Verein Mitglied wurde, wurden die Pläne aufgegriffen. Die Vereinsmitglieder baten bei den Ämtern um Genehmigung, die Anlagen betreten zu dürfen, sicherten den winzigen Eingang zu den Gewölben und räumten den Taubendreck weg. Dann bereiteten sie die erste Veranstaltung unter dem einstigen Denkmal vor: ein Konzert. Und so stiegen am Sonnabendnachmittag etwa 20 Berliner vier Meter in die Tiefe und begutachteten die Gewölbe. "Das sind ja richtige Tropfsteinhöhlen", flüsterte ein Besucher ehrfürchtig, während er den spärlich beleuchteten Weg durch den Untergrund ging. Bis zu 50 Zentimeter lang sind die Tropfsteine, die innerhalb der letzten 100 Jahre dort entstanden. Nach einem Glas Sekt und einem halbstündigen Konzert des Liedermachers Thomas Henschel war der Aufenthalt in der Tiefe beendet. "Die Resonanz der Berliner auf unser Angebot war umwerfend", sagt Konstanze Kleiner vom Verein "Schlossfreiheit". Die Konzerte, die ab nun jeden Sonnabend stattfinden, sind bereits bis zum 24. August ausgebucht. Zum Tag des offenen Denkmals im September sind ebenfalls Veranstaltungen geplant. Kontakt zum Verein: 0177/527 66 81 oder via E-Mail: gewoelbe-konzert@gmx.deKaiser - Denkmal // Der Ort: Die Schlossfreiheit befindet sich am süd-westlichen Ende des Schlossplatzes unmittelbar am Spreekanal.Der Name: Ihren Namen erhielt die Schlossfreiheit im 17. Jahrhundert. Weil das Gelände sehr sumpfig war, entschied der Kurfürst, die Hausbauer dort von der Grundstücks- und Gewerbesteuer zu befreien.Das Denkmal: Um 1880 mussten die Häuser einem Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. weichen. Um das Fundament zu stützen, wurden über dem Mühlengraben Gewölbe errichtet. Das etwa 15 Meter hohe Denkmal wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und danach abgerissen.Foto: BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Fast 120 Jahre lang waren die Gewölbe unter dem Schlossplatz ein vergessener Ort. Nun werden sie für Besucher geöffnet. Am Sonnabend lud der Verein Schlossfreiheit zum ersten Konzert in den Untergrund ein.