Ein unauffälliges Piktogramm entscheidet, ob Blinde und Sehbehinderte beim Fernsehabend mitreden können: Wenn im Programmheft ein durchgestrichenes Auge neben dem Titel steht, strahlt der Sender die Produktion als Hörfilm aus, also als Film, der die Bildwelt des Fernsehens blindengerecht aufbereitet. Etwa 1,2 Millionen Blinde und Sehbehinderte in Deutschland können so am Fernseherlebnis teilhaben.Die besten Filmproduktionen werden alljährlich mit dem Deutschen Hörfilmpreis ausgezeichnet. An diesem Dienstag verleiht der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband den Preis zum neunten Mal. Zehn Filme sind nominiert; verschiedene Genres vom Spielfilm über die Dokumentation bis zum Kinderfilm sind vertreten.In einem Hörfilm beschreibt ein Erzähler in den Dialogpausen knapp Handlung, Ausstattung, sowie Gestik und Mimik der Filmfiguren. "Ihhh!", tönt es beispielsweise im Kinderfilm "Lippels Traum", einem der Nominierten für den Deutschen Hörfilmpreis. Ohne Erklärung ist nur schwer zu verstehen, was zu sehen ist. In der Hörfilmfassung beschreibt der Erzähler das Geschehen: "In der Küche zieht Frau Jakob die Schublade mit der Vogelspinne auf und lässt ein Kehrblech fallen." Von der Qualität der Beschreibungen, dem Zusammenspiel zwischen Inhalt und Filmatmosphäre und der Frage, wie gelungen die Verknappung des Geschehens ist, hängt ab, ob ein Film eine Chance auf den Preis hat.Die Privaten machen gar nichts"Wir haben mittlerweile so viele Einsendungen, dass die Vorjury stark auswählen muss", sagt Andreas Bethke, Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, "aber der Hörfilm ist für deutsche Produzenten immer noch ein Randthema." Zwar gilt für Deutschland seit 2009 die UN-Behindertenkonvention. Sie verpflichtet die Unterzeichner, die Teilhabe behinderter Menschen an Rundfunk und Fernsehen zu verbessern. Doch das Angebot an Hörfilmen ist immer noch gering. Im deutschen Fernsehen wurden 2010 - einschließlich Wiederholungen - etwa 950 Hörfilme ausgestrahlt. Bei DVDs sieht es noch dünner aus: Etwa 100 DVDs gibt es in deutscher Hörfilmfassung, 2010 erschienen elf neue Filme auf DVD. "Das bewegt sich im Promillebereich", beklagt Bethke. Im europäischen Ausland ist man weiter: In Großbritannien ist per Quote ein Hörfilmanteil von zehn Prozent an den Fernsehausstrahlungen festgelegt.Für die Quote spricht sich auch Bethke aus. "Ich halte das mittlerweile für ein gutes Instrument", sagt Bethke, "ich habe lange geglaubt, dass wir über Aufklärung und Information etwas erreichen können, aber das funktioniert nicht." Die Kosten für eine Audiodeskription, also die Aufbereitung des Films für Blinde und Sehbehinderte, liegen mit etwa 5000 Euro für einen 90-Minüter im Vergleich zu den Gesamtkosten einer Filmproduktion niedrig. "Aber gerade im Fernsehbereich wird um jeden Euro gerungen", sagt Bethke. Im Zweifel entscheiden die Sender sich gegen den Hörfilm. Besonders im Privatfernsehen sucht man danach vergeblich. So strahlten die Sender der ProSiebenSat.1-Gruppe im Jahr 2010 keinen einzigen Hörfilm aus. Und daran wird sich auch in nächster Zeit leider nichts ändern.