BERLIN, 1. Oktober. Der Urlaub rollt. Am Bahnhof, auf Flughäfen, in Hotellobbys. Dort schleppt der Reisende schon lange nicht mehr. Wer sein Gepäck liebt, der zieht - egal, ob Reisetasche, Koffer oder Trolley. Das war nicht immer so. Erst recht nicht in Vorzeiten. "Als der erste Mensch mit dem Knüppel einen Hasen erschlug, sich das Fell um die Füße band und aus der restlichen Tierhaut sein Bündel schnürte, war das die Urform des Gepäcks", sagt Rosita Nenno. Die Kunsthistorikerin muss es wissen. Sie arbeitet beim Deutschen Ledermuseum Schuhmuseum in Offenbach am Main. Das Institut mit dem etwas sperrigen Namen ist auch für das Gepäck zuständig. Von Truhen und PostkutschenZwar erfanden die Menschen schon früh das Rad. Ihr Gepäck aber trugen sie noch jahrhundertelang lieber mit sich herum - oder vielmehr sie ließen tragen wie mittelalterliche Kaiser und Könige. Karl der Große etwa pflegte auf seinen Reisen von Kaiserpfalz zu Kaiserpfalz Urkunden und Hofutensilien in schweren Holztruhen mit sich zu führen. Später bekamen die Truhen schließlich einen rundlichen Deckel. Damit wenigstens das Regenwasser besser abfloss. Denn als der Reisende Jahrhunderte später längst seinen Platz in der überdachten Postkutsche gefunden hatte, mussten seine Gepäckstücke weiterhin draußen auf dem Wagen Wind und Wetter trotzen. Diese Reisetruhen waren aus Holz und Weidengeflecht gefertigt und wollten gut gepackt sein. Fürsten und Könige hielten sich deshalb am Hofe ganz spezielle Diener. Diese waren nicht nur für das Schleppen des Gepäcks zuständig, sondern auch für das Packen. Einer dieser Packer am Hofe des französischen Königs war der junge Louis Vuitton, ehe er sich im 19. Jahrhundert auf das Fertigen schöner Ledertaschen und -koffer verlegte.Vuitton ersann viele Kofferkreationen. Die spezielle Form bestimmte dabei nicht nur sein schöpferisches Genie. "Die Form des Gepäcks hat sich immer wieder mit der Mobilität verändert", erläutert Kunsthistorikerin Rosita Nenno. Das bedeutet: Mit Bahn, Auto und Flugzeug werden die Koffer immer kleiner. Als etwa im 19. Jahrhundert die Eisenbahn aufkam, mussten Hab und Gut der Reisenden einfach im Zug verstaut werden. Zunächst im so genannten Bahn-Koffer. Der war schwer und kantig, hatte an den Seiten zwei Griffe (weshalb er auch gleich zwei Träger erforderte) und konnte im Zug nur unter dem Sitz verstaut werden. Erst um 1880 schrumpfte das Gepäck, das lederne Coupé-Köfferchen wurde ersonnen. Das passte sogar ins Ablagefach. Zudem war es so leicht, dass der Koffer zum ersten Mal vom Reisenden selbst getragen werden konnte. An Rollen war damals aber auf den Bahnhöfen noch nicht zu denken. Schließlich gab es ja Gepäckträger. Mehr zu transportieren hatten die Schiffsreisenden. Sie waren auch bedeutend länger unterwegs. Auf ihren Reisen vertrauten sie dem Schrankkoffer, den ebenfalls Louis Vuitton ersann. Der Koffer ließ sich auf zwei Seiten aufklappen und wurde auf dem Schiff in einem speziellen Raum verstaut. Aufsuchen konnte man ihn nur einmal am Tag. Dann konnte man Hosen, Rock oder Bluse in den kleinen Kabinenkoffer packen. Mehr war nicht drin auf hoher See. Auch die ersten Autofahrer hatten es nicht einfach. Denn es gab noch gar keinen Kofferraum. In der Anfangszeit reiste das Gepäck draußen mit - entweder auf einer aufklappbaren Brücke am Heck, auf dem Trittbrett oder auf dem Dach. Der Verdeckkoffer wurde - je nach Größe - aus Pappelholz, Rohrplatten oder Pappe hergestellt. Schlecht war das, wenn es regnete. Erst um 1930 wurde das Gepäck nicht mehr nass. Der kleine Auto-Koffer durfte mit in den Wagen. Häufig aber auch nur, um die Hausapotheke oder das Picknick-Geschirr zu verstauen. Das Flugzeug ließ das Reisegepäck dann noch kleiner werden. Schließlich wollte der gestresste Vielflieger in den öden Abfertigungshallen der Airports nicht lange am Gepäckband auf seine Koffer warten. Das leichte Handgepäck musste her. Zum rollenden Trolley war es da nicht mehr weit. Leicht und stabil sollte der Koffer sein. Und so kam in den 70er-Jahren der Kunststoffkoffer auf. Der Kunststoff war es auch, der die ersten leichten Laufrollen ermöglichte. Mitunter waren die Rollen so unglücklich angebracht, dass der Mensch kurzfristig zum gebückten Gang zurückkehren musste. Heute rollt es allerorten. Schnell und einfach. Kein Wunder. Die Laufräder des Trolleys stammen von Inline-Skates. Seither rollt der Urlaub. Gestanden wird nur noch manchmal. Im Stau zum Beispiel. Auf der Autobahn.Louis Vuitton und die Kunst des Packens // Reisen heißt Packen. Und das ist schwierig. Kaiser und Könige hatten es da einfacher. Am Hof gab es spezielle Diener, die Koffer und Truhen eng bepackten.Louis Vuitton (1821 - 1892) war am französischen Hof einer dieser Pack-Diener. Im Jahr 1854 machte er sich in Paris selbstständig und ersann fortan edle Kofferkreationen.Seine Devise: Für jeden Reisenden das passende Gepäck. So ersann er den flachen Lederkoffer für den Bahnreisenden und den riesigen Schrankkoffer für den Schiffspassagier.Mehr zur Koffer-Geschichte: www. ledermuseum. de.SAMSONITE Das kann doch einen Koffer nicht erschüttern: ein praktischer Härtetest der Tragfähigkeit.