Es wird Ihnen nicht schwer fallen, beim nächsten Besuch in Paris die Fährte der fabulösen Heldin Amélie aufzunehmen. Am besten steigen Sie in der Metrostation "Abbesses" aus, überqueren dann den Platz, an dem übrigens Amélies Erfinder wohnt, und gehen nur ein paar Minuten in Richtung Westen - schon sind Sie beim "Café-Tabac des 2 Moulins" auf halber Höhe der Rue Lepic, in dem Amélie Poulain als Kellnerin arbeitet. Oder Sie gehen in die andere Richtung: im Laden in der Rue des Trois-Frères 24 kauft Amélie ihre Lebensmittel ein. Sie werden indes nicht allein sein auf Ihrer Pilgerreise: unzählige Touristen haben bereits in den abschüssigen Gassen der Butte Montmartre nach Amélies Spuren geforscht. Die Filmschauplätze werden Sie dennoch nicht finden, allenfalls die Drehorte. "Die fabelhafte Welt der Amélie" führt, mit seiner kauzigen Kartografie der Stadt, in ein in sich geschlossenes Universum: hier werden Gartenzwerge auf Weltreise geschickt, rauschen Lebensgeschichten im Zeitraffer vorbei, und das Alltägliche erscheint unter einem putzig-mikroskopischen Blick fremd und wunderlich. Wenn Jean-Pierre Jeunets neuer Film bei uns anläuft, gehört er längst zur französischen Folklore. Amélies Mädchengesicht mit den Kulleraugen, der Ponyfrisur und dem verschmitzten Lächeln auf dem Filmplakat hat in Frankreich fast acht Millionen Zuschauer angezogen. Sie ließen sich von der Romanze eines einsamen Kindes ergreifen, das sich als Erwachsene (Audrey Tautou) in eine Fee verwandelt, die listig das Geschick ihrer Nachbarn zum Tröstlichen wendet und nur das eigene Liebesglück mit dem gleichfalls versponnenen Nino Quincampoix (Mathieu Kassovitz) schüchtern hinauszögert. "Die Zeiten sind hart für Träumer", heißt es hier einmal, doch der Film unternimmt alles Erdenkliche, um den Zuschauer für zwei Stunden vom Gegenteil zu überzeugen.Seit dem französischen Filmstart Ende April schien ein fast verschwörererisches Einvernehmen zwischen Kritik und Publikum über diesen Film zu herrschen. Dass Thierry Frémaux, der neue künstlerische Leiter des Filmfestivals von Cannes, Jeunets Film widerstehlich fand, löste in Frankreich einen Sturm der Empörung aus und bescherte dem Festival gleich zu Beginn einen handfesten Skandal. Die Begeisterung für "Die fabelhafte Welt der Amélie" erreichte bald Regierungskreise. Der Erfolg des Films ließ sich als Plebiszit werten, das die politische Kaste womöglich zu fürchten hätte: Ausdruck einer Sehnsucht nach Menschlichkeit, die die Politik nicht erfüllt. Amélie war gewissermaßen zum populären Antlitz des Glücks geworden. Während der diskrete Lionel Jospin den Film in einer regulären Kinovorstellung sah, ließ Jacques Chirac mit unfehlbar opportunistischem Instinkt Ende Mai eine für beide Seiten publicityträchtige Vorführung im Elysée-Palast organisieren. Fast zeitgleich regte Serge Kaganski, Redakteur der Zeitschrift "Les Inrockuptibles" eine heftige Debatte an, als er aller Welt in die Suppe spuckte, indem er die vorgebliche Naivität und hohle Virtuosität des Regisseurs Jeunet zu entlarven versuchte. Kaganski glaubte, in "Amélie" einen Werbeclip für Le Pen zu entdecken und beklagte den im Film propagierten Humanismus als sentimental und reaktionär. Kaganskis Anwürfe verraten nicht nur eine selbstgenügsame, urfranzösische Lust an der Polemik, sie wirken in der Analyse des ideologischen Gehalts des Films auch nicht ganz abwegig. Eine derart federleichte Regieübung wie "Amélie" hat freilich an einer solchen Interpretation unverdient schwer zu tragen. Dementsprechend vorhersehbar sind die Argumente der Befürworter, die vor allem die beglückend-unterhaltsamen Aspekte des Films ins Feld führen. Da die Cinéphilie in Frankreich zusehends eine patriotische Angelegenheit geworden ist, rührt Kaganskis Polemik auch an nationalstolze Empfindlichkeiten. Denn unter den staunenswert zahlreichen hausgemachten Kassenerfolgen dieses Frühjahrs ist "Amélie" der französischste, mithin derjenige, der sich am wenigsten an amerikanischen Vorbildern orientiert.Der Film beschwört ein Paris, das zwischen den Zeiten liegt und dem kultiviert-volkstümlichen Vorkriegskino René Clairs und Jacques Préverts ebenso viel verdankt wie den Postkartenmotiven Robert Doisneaus und der munteren filmischen Inbesitznahme der Stadt durch die Nouvelle Vague. Ein entscheidender Einwand Kaganskis lautet, dass Jeunet das Paris der "kleinen" Leute (worin bereits Herablassung mitschwingt) seiner ethnischen Vielfalt beraubt habe. Die Filme von Jeunets Vorbildern waren bei aller Poesie nie ganz der sozialen Gegenwart entrückt; als Charaktere traten Repräsentanten eines Milieus auf, mit dem sich das Publikum identifizierte. Auch die Nebenfiguren durften für sich selbst stehen, die Autoren schrieben ihnen Eigentümlichkeiten zu, die sie absetzten von der Karikatur. Das System Jeunet basiert hingegen auf der Raffinesse, mit der er über seine Figuren verfügt - die Poesie geht oft genug auf deren Kosten. Die pittoreske Idylle von "Amélie" ist nur die heitere Kehrseite des klaustrophobischen Kinos, für das der Regisseur von "Delicatessen" und "Alien 4" bislang bekannt war. "Amélie" ist der Film eines Sammlers, ein witziges Inventar der Einfälle und Beobachtungen, der filmischen Verweise und Selbstzitate. Die Vorstellung, dass das Leben ein großes Fundstück sei, ist im Kino ja nicht die schlechteste Prämisse.Die fabelhafte Welt der Amélie // Frankreich 2001.120 Minuten, Farbe.Regie: Jean-Pierre Jeunet Drehbuch: Guillaume Laurant & Jean-Pierre Jeunet Kamera: Bruno Delbonnel Produktion: Claudie Ossard Darsteller: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Yolande Moreau, Artus de Penguern u. a.Weitere Filmrezensionen lesen Sie im Feuilleton und Kulturkalender der "Berliner Zeitung" von morgen.PROKINO Amélie (Audrey Tautou) liegt im Bett und träumt vom Glück - und siehe da: Dasselbe hüpft tatsächlich in ihr kleines Leben.