Jedes Jahr am 1. August scheint Warschau einen Augenblick still zu stehen: Vor den zahlreichen Gedenktafeln in den Straßen legen Menschen Blumen nieder, und auf dem Powazkifriedhof leuchtet am Abend ein Kerzenmeer wie an Allerheiligen. Die Stadt gedenkt an diesem Tag des Warschauer Aufstands, der heute vor 64 Jahren begann. Die nationalpolnische Heimatarmee wollte die Hauptstadt noch vor dem Einmarsch der Roten Armee von der deutschen Besatzung befreien. Die Zeit drängte: Nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte befand sich die Wehrmacht auf dem überstürzten Rückzug, und im ostpolnischen Lublin war auf Stalins Geheiß ein kommunistisches "Befreiungskomitee" gegründet worden.Der Versuch der Selbstbefreiung endete in einer Katastrophe. Da der erwartete Vorstoß der Roten Armee auf Warschau ausblieb, mussten die Aufständischen Anfang Oktober kapitulieren. Der 63-tägige Kampf kostete mehr als 150 000 Menschen das Leben. Die überlebenden Einwohner Warschaus wurden zur Zwangsarbeit deportiert und die Stadt auf Hitlers Befehl systematisch zerstört.Besonders in den ersten Tagen der Erhebung verübten Wehrmachts-, SS- und Polizeieinheiten zahlreiche Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Allein am 5. August ermordete die "Sturmbrigade Dirlewanger" und eine aus russischen Hilfswilligen gebildete Division der Waffen-SS in den Stadtteilen Ochota und Wola schätzungsweise 15 000 Zivilisten. Sogar die Kranken in den Spitälern wurden erschossen. Die Einheiten gehörten zur "Kampfgruppe Reinefarth". Kommandeur des eilig zusammengestellten Verbands war der Höhere SS- und Polizeiführer Heinz Reinefarth. Er wurde von Himmler aus Posen nach Warschau beordert, um den Aufstand niederzuschlagen. Wer war dieser "Mörder von Warschau"?Bis Kriegsbeginn arbeitete Reinefarth als Rechtsanwalt in Cottbus. Erfahrungen als Befehlshaber bewaffneter Verbände hatte er bis zu seinem Einsatz in Warschau nicht. Dafür besaß er als langjähriges NSDAP- und SS-Mitglied das Vertrauen Himmlers. Er förderte Reinefarths Karriere, nachdem dieser 1942 kriegsverwundet aus der Wehrmacht ausgeschieden war. Binnen kurzer Zeit stieg Reinefarth bis in die höchsten Ränge der SS auf. Unmittelbar vor dem Warschauer Aufstand ernannte Hitler ihn zum SS-Gruppenführer und Generalmajor der Polizei.Reinefarth war Himmlers williger Vollstrecker. Der Reichsführer-SS hatte befohlen, in Warschau Aufständische und Zivilisten unterschiedslos zu ermorden. Am 5. August unterrichtete Reinefarth Nikolaus von Vormann, Oberbefehlshaber der bei Warschau stationierten 9. Armee, dass seine Kampfgruppe mehr als 10 000 Menschen erschossen habe. Doch mit dem Morden gab es Probleme: "Was soll ich mit den Zivilisten machen? Ich habe weniger Munition als Gefangene", meldete Reinefarth dem Wehrmachtsgeneral. Als seine Vorgesetzten erkannten, dass die marodierende Truppe die Kampfmoral bedrohte und den Widerstand der Aufständischen verstärkte, wurden die Massaker von ihnen unterbunden.Für seinen Einsatz in Warschau erhielt Reinefarth das Eichenlaub zum Ritterkreuz, eine der höchsten militärischen Auszeichnungen des "Dritten Reichs". Derart bewährt, ernannte ihn Hitler im Januar 1945 zum Kommandanten der "Festung Küstrin". Reinefarth verweigerte jedoch den unsinnigen Befehl, die Stadt an der Oder gegen die Übermacht der Roten Armee zu verteidigen, und floh mit seinem Stab nach Westen. Das daraufhin eingeleitete Kriegsgerichtsverfahren blieb folgenlos; Reinefarth geriet Anfang Mai 1945 in britische Kriegsgefangenschaft.Die polnischen Behörden forderten von den Briten die Auslieferung des "Mörders von Warschau", doch der beginnende Kalte Krieg bewahrte Reinefarth vor einem Prozess in Polen. Im Gegensatz zu anderen hochrangigen SS-Führern suchte er in der Bundesrepublik seine zweite Chance nicht in der Wirtschaft, sondern in der Politik. Als Mitglied des "Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE) wurde er 1951 zum Bürgermeister von Westerland auf Sylt gewählt. Für die selbsternannte Interessenvertretung der Kriegsverlierer, die ab 1952 unter dem Namen "Gesamtdeutscher Block / Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (GB/BHE) firmierte, war er auch im Landesverband von Schleswig-Holstein aktiv. Im nördlichsten Bundesland, wo der Bevölkerungsanteil der Flüchtlinge und Vertriebenen besonders hoch war, hatte die Partei ihre Machtbasis. Bei den Landtagswahlen 1950 erhielt der BHE mehr Stimmen als die CDU. Konsequenter noch als andere Parteien forderte der BHE ein Ende der Entnazifizierung.Ende der 50-Jahre geriet Reinefarth ins Visier der antifaschistischen Kampagnen der SED. In der DEFA-Dokumentation "Urlaub auf Sylt" klagten ihn die Filmemacher Annelie und Andrew Thorndike 1957 als einen der "übelsten Nazi-Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik" an. Die Volksrepublik Polen forderte ebenso öffentlichkeitswirksam wie vergeblich die Auslieferung Reinefarths: Die Bundesrepublik übergab ihre Bürger nicht an Ostblockstaaten, zu denen sie keine politische Beziehungen unterhielt.Aufgrund des öffentlichen Drucks leitete die Staatsanwaltschaft Flensburg ein Ermittlungsverfahren gegen Reinefarth ein. Es wurde noch vor der Landtagswahl 1958 eingestellt. Als Abgeordneter des GB/BHE zog Reinefarth in den Kieler Landtag ein. Zeitweilig war er als Amtschef im Innenministerium im Gespräch.Reinefarth bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und schob die Schuld an den Verbrechen anderen zu. Volle Unterstützung erhielt er von Hans-Adolf Asbach, dem Landesvorsitzenden des GB/BHE und Arbeitsminister von Schleswig-Holstein. Asbach war während es Zweiten Weltkriegs Kreishauptmann im besetzten Polen gewesen.Doch auch im "braunen Naturschutzgebiet" (Die Zeit) Schleswig-Holstein war die Schonzeit für NS-Größen vorbei. Aufgrund neuer Erkenntnisse des Historikers Hanns von Krannhals, der anhand von Dokumenten die Verantwortung Reinefarths für die Massaker in Ochota und Wola nachweisen konnte, nahm die Staatsanwaltschaft abermals Ermittlungen auf. Die Verleumdungsklagen, die Reinefarth gegen Krannhals und andere anstrengte, verschafften seinem Fall nur noch mehr Aufmerksamkeit. Reinefarths Vergangenheit wurde für den Ministerpräsidenten Kai-Uwe von Hassel zu einer Belastung. Der GB/BHE gehörte mit der FDP zu den Koalitionspartnern der CDU.Der Landtag hob 1961 schließlich Reinefarths Immunität als Abgeordneter auf; zwei Jahre später trat er als Bürgermeister von Westerland zurück. Für die Verbrechen in Warschau musste er sich jedoch nicht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Flensburg stellte ihre jahrelangen Ermittlungen schließlich ein. Nach dem erzwungenen Rückzug aus der Politik arbeitete Reinefarth wieder als Rechtsanwalt. Der "Mörder von Warschau" starb am 7. Mai 1979 in Westerland auf Sylt - fast auf den Tag genau 34 Jahre nach dem Kriegsende.------------------------------1951 wurde der "Mörder von Warschau" zum Bürgermeister von Westerland auf Sylt. Für seine Verbrechen musste er sich niemals verantworten.------------------------------Foto: Der "Mörder von Warschau": SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth (M.).