Ich habe ein Gedicht geschrieben", mit dieser Mitteilung überraschte Hilde Domin eines Morgens ihren Mann, Erwin Walter Palm. Man schrieb das Jahr 1951, das Ehepaar wohnte in der Dominikanischen Republik; die 1909 geborene Domin war über vierzig Jahre alt. Dieses späte erste Gedicht war ein Anfang und eine Heimkehr zugleich, angestoßen durch die Trauer über den Tod der Mutter: "Wie ich, Hilde Domin, die Augen öffnete, die verweinten, in jenem Hause am Ende der Welt, wo der Pfeffer wächst und der Zucker und die Mangobäume, aber die Rose nur schwer, und Äpfel, Weizen, Birken gar nicht, ich verwaist und vertrieben, da stand ich auf und ging heim, in das Wort."1932 hatte die Tochter aus großbürgerlichem jüdischen Haus die Zeichen der Zeit richtig interpretiert und Deutschland verlassen. Vielleicht hatte ihr das Studium bei Karl Jaspers und Karl Mannheim so viel Klarsicht gegeben. Sie promovierte in Italien und rettete sich im Zweiten Weltkrieg über England nach Santo Domingo. In den Fünfzigerjahren holte sie sich ihre Muttersprache mit dem Schreiben zurück. 1959 erschien der erste Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze", eine tastende Auseinandersetzung mit Flucht, Heimatverlust und Trauer. "Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt. / Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein. / Meine Hand / greift nach einem Halt und findet / nur eine Rose als Stütze." Die Kritiker waren von den schwebend zarten Bildern beeindruckt und verglichen die noch unbekannte Autorin mit Nelly Sachs und Paul Celan. Wenig später galt sie als eine der wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen.1954 kehrte Domin das erste Mal nach Deutschland zurück, 1961 zog sie mit ihrem Mann dauerhaft nach Heidelberg. Sie widmete dieser schwierigen Rückkehr den Roman "Das zweite Paradies" und viele Gedichtzeilen, doch auch das Exil blieb ein wichtiges Thema. Sie hatte es mitgebracht: "Unverlierbares Exil / du trägst es bei dir / du schlüpfst hinein / gefaltetes Labyrinth / Wüste / einsteckbar." Domin fand eindringliche Bilder des Verlusts, aber auch der Hoffnung und Freude. Zwanzig Lebensjahre im iberoamerikanischen Raum hatten Farben, Metaphern und Töne hinterlassen, die man im Nachkriegsdeutschland so nicht kannte. Von Anfang an erregte die Klarheit ihrer Gedichte Aufmerksamkeit. Sie verrätselten wenig und blieben ihren Lesern bei allem Ernst, bei aller Trauer zugewandt. In einer Referenz an Pablo Neruda charakterisierte Domin die ihr eigene Direktheit: "Meine einfachen Worte", heißt es dort, "riechen nach Mensch". Mit dieser Haltung erreichte sie ein breites Publikum. Was sie schrieb, wurde gelesen, geliebt, verehrt und fand schnell in die Schulbücher.So intuitiv ihre Gedichte auch wirken mögen, Domin reflektierte genau, was sie tat. Auch darüber schrieb sie, ja entwickelte eine eigene Poetik, so in der Einleitung von "Doppelinterpretationen" (1966). Trotz ihrer oft zitierten Heimkehr "in das Wort" war ihr der moderne, nach Auschwitz radikalisierte Zweifel an der Sprache nicht fremd. Doch bewahrte sie sich den Glauben an die Möglichkeit des befreienden Wortes, wohl wissend, dass dies dem Glauben an ein Wunder nahe kam. Gedichte schreiben sei eine "Sache des 'Trotzdem'" heißt es in ihrer viel beachteten theoretischen Schrift "Wozu Lyrik heute".Obwohl die heimgekehrte Dichterin meinte, die Bundesrepublik sei "sicher der demokratischste Staat, der seit Hermann dem Cherusker je auf diesem Territorium ausprobiert wurde", beobachtete sie den wachsenden Rechtsextremismus mit Sorge. Ihre Gedichte wurden immer nachdrücklicher, direkter, manchmal klingen sie verzweifelt, wie im Gedichtband "Ich will dich" (1970): "Dies ist ein Land / in dem die Toten sich fürchten". Bis ins hohe Alter hörte sie nicht auf, gegen Gleichgültigkeit und Gewalt zu schreiben. Sie wusste genauer als die meisten ihrer Leser, was Verfolgung bedeutet und kämpfte um ihre Hoffnung, "Hand in Hand mit der Sprache / bis zuletzt." Am Mittwochabend ist Hilde Domin im Alter von 96 Jahren in Heidelberg gestorben.------------------------------Foto: Hilde Domin (27. Juli 1909 - 22. Februar 2006)

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