So klingen die Sterne, das All, der alles umschließende, unsichtbare Äther: wie dieses Sirren und Surren, dieses nahe und ferne, ungreifbare und doch hoch körperhafte Geräusch der indischen Tamboura; aufgeraut und in Bewegung versetzt von einem nervösen, strudelnd singenden Schlagzeug; überwölbt und durchdrungen von den immer dichter geflochtenen, immer heller funkelnden Klängen der Harfe.Alice Coltranes "Universal Consciousness", aufgenommen 1971, ist eine der schönsten und sonderbarsten Platten, die es in der Jazzgeschichte gibt: erhabene, transzendentale Musik, von großer Ruhe und festem Glauben, und doch immer wieder erschüttert vom Schmerz des Verlusts und der unerfüllten Hoffnungen: eine Musik der individuellen Erleuchtung und globalen Diaspora; ein Sound, der in seiner Verbindung von indischen und afroamerikanischen Traditionen den Zorn und den Schaffensdrang des Free Jazz aufbewahrt und überhöht.Eigentlich hatte Alice Coltrane ihre Karriere als klassische Bebop-Pianistin begonnen. Geboren 1937 in Detroit, hatte sie schon als Kind das Klavierspiel gelernt; nach einer kurzen Lehrzeit in Paris ging sie Anfang der Sechzigerjahre nach New York und musizierte in der Band des Vibrafonisten Terry Gibbs: in einem kraftvollen, hoch rhythmischen Stil, den man später noch (etwa auf ihrem letzten Album "Translinear Light") in ihren Improvisationen auf der Wurlitzer Orgel nachhallen hört. Alles änderte sich, als sie 1963 John Coltrane traf: "zwei scheue, schüchterne Menschen", wie Terry Gibbs sich später erinnert hat, "es war wunderbar anzusehen, wie sich ineinander verliebten". Coltrane, schon vom Leberkrebs todesgezeichnet, nahm Alice in seine Band; es geht wohl wesentlich auf ihren Einfluss zurück, wie der Ton seiner späten Werke sich wandelte. Auf das schmerzhaft-aggressiv gegen alle Schemata, alle Strukturen, alle musikalischen Gewissheiten anspielende "Ascension" (1965) folgten hymnisch um Frieden bittende Alben wie "Kule Se Mama" und "Om"; und das atem- und herzabschnürende "Olatunji Concert", das vor fünf Jahren erstmals auf CD erschien: mit einer unirdisch ins Saxofon geschrienen und geklagten Version von "My Favorite Things", von Alice auf ein zartes hartes Bett aus Blockakkorden gelegt.Im Sommer 1965 heirateten Alice und John Coltrane; im Juli 1967 ist John gestorben. Vierzig Jahre lang hat Alice seither das Erbe des Gatten gepflegt und behütet - und bis Ende der Siebzigerjahre auch in seinem Geist weitermusiziert. Nach dem Tod von Coltrane und der Ermordung Martin Luther Kings suchte der afroamerikanische Jazz Anfang der 70er-Jahre nach neuen, die enttäuschten Befreiungshoffnungen überwindenden Formen; für dieses "New Thing" wurde Alice - neben Archie Shepp und Rashied Ali, zwei anderen Wegbegleitern Johns - zur prägenden Figur. Auf den 11 Soloalben, die sie bis 1979 einspielte, erhob sie das aggressive Befreiungsstreben des Free Jazz ins Ozeanisch-Spirituelle. Anfangs improvisierte sie meist auf dem Klavier; schon ab "A Monastic Trio" (1968) spielte sie aber auch auf der Wurlitzer Orgel - und der Goldenen Harfe, die John ihr zum Hochzeitsgeschenk gemacht hatte: in einem perlenden, stets nach Verdichtung suchenden Stil. Wunderbar, wie auf "Universal consciousness" ihr Spiel mit dem nervösen, repetitiven, wie um ein Schwarzes Loch trudelnden Schlagzeug Jack DeJohnettes zugleich kontrastiert und sich verbindet.Nach einer ausgedehnten Reise durch Indien konvertierte sie zum Hinduismus und erweiterte den Klang ihrer Musik um langgehaltene ätherische drones von Sitar und Tamboura. Auf dem "World Galaxy"-Album aus dem Jahr 1971 interpretierte sie John Coltranes "A Love Supreme" als Friedensgebet neu: mit einem vielstimmig singenden Streichorchester und einem Mantra ihres Gurus Swami Satchidananda; in anderen Stücken wie "Peace on Earth" remixte sie Saxofonfiguren ihres Gatten, indem sie sie mit Streichern und indischen Instrumenten unterlegte. Später wurde sie dafür als erste Remixerin der Jazzgeschichte gefeiert; die John-Coltrane-Gemeinde der 70er-Jahre beschimpfte sie hingegen als grässliche Witwe - was nichts daran ändert, dass ihre Musik von großer, schwer greifbarer, die Kontinente und musikalischen Traditionen überwölbender Schönheit gewesen ist. Bei allem vordergründigen Harmoniestreben blieben ihre Alben durchweg von ganz undialektischer Unversöhntheit: Den Schmerz, durch den sie ihre Erleuchtung erfuhr, hat Alice Coltrane niemals vergessen.Ende der 70er-Jahre zog sie sich aus dem öffentlichen Leben zurück. In einem Ashram im kalifornischen Woodland Hills leitete sie unter ihrem neuen Namen Turiyasangitananda ein Zentrum zum Studium der östlichen Religionen. Nur ihren Söhnen Ravi und Oran zuliebe - die längst selber bedeutende Saxofonisten sind - kehrte sie vor zwei Jahren noch einmal mit der Platte "Translinear Light" zurück; mit Ravi und Oran hat sie im vergangenen Herbst noch einmal einige Konzerte gespielt. Auf die Frage, warum sie nicht öfter mehr musiziere, hat sie geantwortet: "Meine Zeit war gekommen und ist dann wieder gegangen." Am Freitag ist Alice Coltrane, diese wunderbare, weise, erleuchtete Frau, mit noch nicht einmal 70 Jahren in einem Krankenhaus in Los Angeles gestorben.------------------------------"Meine Zeit war gekommen und ist dann wieder gegangen." Alice Coltrane------------------------------Foto: Alice Coltrane, geboren am 27. August 1937 als Alice MacLeod, gestorben am 12. Januar 2007 als Turiyasangitananda.