Sie war uns ein Vorbild, sie wird es bleiben. Katharina Rutschky ist tot. Die 1941 geborene Publizistin starb am gestrigen Donnerstag in Berlin nach langer Krankheit.Es gibt wohl kaum eine Person der Berliner Intelligenzia, auf den der Begriff der "Streit-Kultur" besser passen könnte. Wenn man Katharina Rutschkys Bücher und Essays, ihre Streitschriften und scharfen Kommentare zu aktuellen Reizthemen erinnert, könnte man meinen, dass sie sich am liebsten Feinde gemacht hat. Aber es ging ihr weniger um den Streit, als um die Kultur, die Kultur eines freien, tabulosen Denkens und Diskurses. Als alle Welt über sexuellen Kindesmissbrauch sprach, warnte sie, die in einem ihrer ersten Bücher 1977 die "Schwarze Pädagogik" des 18. und 19. Jahrhunderts untersucht hatte, vor dem gesellschaftlichen Missbrauch des Missbrauchsvorwurfs. Unschuldig als "böse Männer" beschuldigte Väter dankten es ihr reihenweise - und belagerten den Flur des Kreuzberger Mietshauses, in dem Katharina mit ihrem Mann Michael lebte, um sich Beistand zu holen, den sie ihnen verweigern musste. Da war die ketzerische Rebellin gegen jedes Denkverbot schon als "Täterschützerin" gebrandmarkt."Feminismus und Spießigkeit", das gehörte für die Gegnerin jeglichen Fundamentalismus bald zusammen. Spießig war für sie "eine Haltung, die unfroh, eng und verbissen am Althergebrachten festhält". Mit ihren knallrot lackierten Fingernägeln spießte Katharina Rutschky gnadenlos die Lustfeindlichkeit der dogmatischen Emanzenbewegung auf. Dass es "dem Feminismus nicht gelungen ist, eine originelle Version von Weiblichkeit zu entwickeln und echte Lust an der neuen Freiheit auszuleben", war ihr Grund genug, um den Feminismus für gescheitert zu erklären.Dass Frauen heutzutage für Geld arbeiten dürften, wäre ja wohl eher der ökonomischen Notwendigkeit des Kapitalismus als der Frauenbewegung geschuldet, spottete die immer linksstehende Publizistin. Ihre eigene Unabhängigkeit als Intellektuelle war freilich ein schillernder Beweis für das Gegenteil ihrer provokanten Aussage: Sie war eine schöne, kluge, witzige, erfolgreiche und in jedem Sinne unabhängige Frau. Und je älter sie wurde, obwohl sie eigentlich überhaupt nicht zu altern schien, desto vornehmer und weiblicher wurde sie. Sexuelle Differenz, so schrieb sie, gehöre gepflegt, kultiviert, nicht zensiert oder nivelliert. Und zum Entsetzen vieler Freunde lobte sie die Männlichkeit von Gerhard Schröder. Ja, sie konnte auch sehr toll kochen und sie hatte Spaß daran, Freunde und Bekannte, gerne auch viel jüngere, in ihre Wohnung einzuladen, und geraucht werden durfte dann auch.Katharina Rutschky war eine ehemalige 68erin, die zu ihrem damaligen Engagement stand. Sie litt unter dem modischen Renegatentum der Exrevoluzzer. Die Bundesrepublik brauchte damals Luft unter den Flügeln, sagte sie. Sie war keine verstiegene Theoretikerin, sondern eine genaue Beobachterin der Realität - mit dem freudianischen Spaß am Peinlichen. Als Psychologin wusste sie, Genauigkeit schlägt Peinlichkeit. Mit Akkuratesse und Anstand lässt sich alles sagen. Tabus verlieren an Kraft, wenn man sie mit genügend Noblesse angeht. Auch deshalb war Katharina Rutschky bei allem rebellischen Freigeist immer höchst damenhaft. Sie war spitzzüngig, spöttisch, bissig, herausfordernd und wunderbar im Tadeln, aber sie war nie schonungslos. Sie hatte Manieren und mehr als das: Sie war freundlich aus einer permanenten sozialen Wachheit heraus. Umso mehr verachtete sie den Kult um die Neue Bürgerlichkeit, der die Manieren in den Vordergrund schob.Was für ein freier Geist Katharina Rutschky war, belegt ihre stadtbekannte Hundeliebe. Nicht nur, dass sie ihren Cocker Nickel und dessen Nachfolger Kupfer liebte und verehrte, sie münzte ihre tiefe Beziehungen zu den Hunden um in urbane Politik. Dass sie in Berlin eine Demonstration gegen die Kampfhundeverordnung mitorganisierte, trug ihr in der hundefeindlichen Intellektuellenszene Berlins einigen Spott ein. Ihr 2001 erschienenes Buch "Stadthund" ist auch eine Liebeserklärung an ihren Kreuzberger Kiez, den sie zusammen mit Kupfer täglich durchwanderte. Ein Hund gehöre in die Stadt, meinte sie, nur hier könnte dieses zwischen Natur und Kultur entstandene Zivilisationswesen seine Intelligenz voll entfalten. Die uralte Regel, niemals einem Hund etwas vom Tisch zu geben, hielt sie für barbarisch. Der Hund müsse einfach probieren, was der Rest der Familie isst - eine versierte Soziologin und 68erin blieb sie auch in der Hundeerziehung. Und siehe da: Nobel und manierlich war der so erzogene Hund.------------------------------"Erst die individualisierte Gesellschaft erlaubt es jedem, eine Geschichte zu haben, die jeder versteht, weil es seine eigene ist. " Katharina RutschkyFoto: Katharina Rutschky (25. Januar 1941 bis 14. Januar 2010)