Das Startgeld hatte er von seinem Zahnarzt bekommen: Dr. Sabit aus Brooklyn lieh dem jungen Ahmet zehntausend Dollar, damit er seine Leidenschaft zum Beruf machen konnte. Das war im Jahr 1947, und Ahmet Ertegün war gerade 24 Jahre alt und eigentlich Philosophie-Student in New York. Tausende von Schellackplatten mit Jazz und Blues hatte er mit seinem Bruder Nesuhi schon gesammelt, mit seinem Freund Herb Abramson wollte er nun eine eigene Firma gründen - um der afroamerikanischen Musik, die er so liebte, ein breites Publikum zu verschaffen, über alle Rassen-Grenzen hinweg. "In Washington waren wir zu den Konzerten von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald gegangen", hat Ertegün sich erinnert, "zwölftausend Menschen - und fast kein Weißer außer uns."Geboren wurde er 1923 in Istanbul. Sein Vater, der Diplomat Mehmet Ertegün, arbeitete für den gerade ins Amt gekommenen Präsidenten Atatürk als Justiziar und wurde dann türkischer Botschafter bei der UN, in Bern, Paris und schließlich Washington. In Paris hatten Ahmet und Nesuhi noch als Kinder den erblühenden afroamerikanischen Jazz kennen gelernt; in Washington liefen sie in ihrer Freizeit von Haustür zu Haustür und fragten nach gebrauchten Platten. Für seine Firma Atlantic Records suchte Ahmet nun nach Künstlern, die die Musikalität des Jazz mit der Dringlichkeit des Blues zu verbinden wussten: "Rhythm'n'Blues" hieß dieses Genre später, das er, wie er gestand, seinen Musikern anfangs geradezu aufzwingen musste.Der Durchbruch kam 1951 mit einem blinden Sänger namens Ray Charles, den Atlantic für 3 000 Dollar unter Vertrag genommen hatte, und der jungen Soul-Interpretin Aretha Franklin; es folgten Wilson Pickett und Otis Redding, aber auch John Coltrane, Charlie Mingus und Ornette Coleman. Nicht nur Dr. Sabit konnte bald wieder ausgezahlt werden - er erhielt drei Millionen Dollar -; Ende des Jahrzehnts erschien der Erfolg von Atlantic geradezu märchenhaft. Als erster Plattenboss ließ sich Ertegün, "der große Gatsby des Pop", stets im Rolls Royce zu seinen Konzerten und Partys chauffieren; mehrfach wurde er zum bestangezogenen Mann der USA gewählt.Seine tadellose Erscheinung bewahrte er auch in späteren Zeiten, als der gemeine Rockmusiker sich immer schluffiger zu kleiden pflegte - Bilder aus den 70er- und 80er-Jahren zeigen ihn im Maßanzug zwischen den Rolling Stones, Led Zeppelin und AC/DC. 1967 war Atlantic an den Warner Konzern verkauft worden; als Manager bestimmte Ertegün jedoch weiterhin das Programm. Von Crosby, Stills & Nash, die er mit Neil Young zusammenbrachte, über Abba bis zu Genesis und Phil Collins, dessen Solo-Karriere er Anfang der 80er-Jahre wesentlich anzuschieben half, wandte er sich nun jedoch verstärkt weißer Rock- und Popmusik zu - dass er die Rolling Stones 1971 zu Atlantic holte, gilt bis heute als sein größter Erfolg.Sein Verhandlungsgeschick war legendär; "er ist so charmant, dass es Leuten manchmal gar nicht auffällt, wie sie über den Tisch gezogen werden", hat Mick Jagger über ihn gesagt. Noch im hohen Alter trank Ertegün seine Künstler mühelos unter den Tisch; eine geheime chinesische Tinktur, die die Wirkung des Alkohols mildert, soll ihm dabei geholfen haben.Beim Besuch eines Rolling-Stones-Konzerts in Manhattan war er Ende Oktober gestürzt und ins Koma gefallen. Daraus ist er nun nicht mehr erwacht: Am Donnerstag ist Ahmet Ertegün in New York im Alter von 83 Jahren gestorben.------------------------------Foto: Ahmet Ertegün (M.) im Jahr 1973 mit seinem Schützling Mick Jagger und dessen Gattin Bianca