Zum Tod des Defa-Dokumentaristen Karl Gass: Ein Visionär des Realismus

Er war der Nestor des Defa-Dokumentarfilms: Karl Gass, Autor und Regisseur von mehr als hundert Kino- und Fernsehfilmen, ist gestern, fünf Tage vor seinem 92. Geburtstag, in Kleinmachnow gestorben. Wer ihm je begegnete, wird nie vergessen, wie er mit stets hellwachem Geist, glasklar formulierend, für seinen Lebenstraum stritt. Die Vision vom demokratischen Sozialismus wollte er bis zum Schluss nicht aufgeben. Er lehnte es ab, das freie Spiel der Kräfte im ungezügelten Kapitalismus als Nonplusultra der Geschichte zu akzeptieren. Dagegen polemisierte er auf Buchlesungen und in Filmdiskussionen, zeigte sich unerbittlich, auch starrköpfig. Er liebte einen Satz von Günter Grass: "Wir leben in einer demokratisch legitimierten Barbarei." Und er hasste Leute, die ihr Fähnchen nach dem jeweils aktuellen politischen Wind drehten.Geboren 1927 in Mannheim, hatte Gass mit Beginn des Zweiten Weltkrieges sein Studium der Betriebs- und Volkswirtschaft nicht zu Ende führen können. Nach fünf Jahren in Uniform plädierte er für einen radikalen Neubeginn. Als Rundfunkjournalist in Köln schrieb er gegen jene schwer belasteten Industriellen, Militärs und Politiker an, von denen einige plötzlich wieder hoffähig wurden.Als er Anfang 1948 spürte, wie unerwünscht diese Gedanken waren, siedelte er nach Ost-Berlin um. Hier empfing man ihn mit offenen Armen: Beim Berliner Rundfunk wurde er Leiter der Wirtschaftsredaktion. Mit der Defa kam er das erste Mal in Kontakt, als ihn Andrew Thorndike als Autor für seine Dokumentarfilme "Von Hamburg nach Stralsund" und "Der Weg nach oben" (beide 1950) engagierte. Beide Filme und ihre Kommentartexte gerieten hochgradig propagandistisch. So sollte es bis in die frühen 60er-Jahre bleiben, als Gass mit "Schaut auf diese Stadt!" den Mauerbau legitimieren half.Wenig später sahen seine Arbeiten dann schon anders aus: weniger pathetisch, dafür wahrhaftig im Detail und kritisch gegenüber Problemen des Alltags. Ein Film wie "Feierabend" (1964) über die Lebensbedingungen der Montagearbeiter im Barackenlager Schwedt wurde zum Vorbild für eine ganze Generation jüngerer, um Realismus bemühter Defa-Dokumentaristen. Zu seinen Schülern gehörten Winfried Junge, der ihm die Anregung zu den "Kindern von Golzow" verdankt. Konrad Weiß schrieb über seine Studienjahre bei ihm: "Wir waren skeptisch und aufmüpfig, unangepasst und chaotisch, eitel und selbstbewusst. Vielleicht hat Karl Gass gerade das gefallen; ohne seine schützende Hand hätte wohl keiner von uns das erste Semester überstanden."Auch in seinen Filmen öffnete sich Gass oft dem Neuen, Besonderen: Mit "Revolution am Telefon" (1964) skizzierte er erstmalig in der DDR die Umstände des Stauffenberg-Attentats auf Hitler. Nachdem er Ende der 70er-Jahre spürte, dass es ihm unmöglich war, DDR-Gegenwart offen zu erzählen, wandte er sich der Historie zu: "Zwei Tage im August" (1982) über die ersten Atombomben, "Das Jahr 45" (1984) über sechs Monate in Krieg und Frieden, "Jeder konnte es sehen" (1988) über den Beginn der Judenverfolgung in der NS-Zeit waren materialintensive, aufklärerische Geschichtsfilme. Mit "Nationalität: deutsch" (1990) über einen Lehrer, der drei Systemen treu diente, verabschiedete sich Gass von seinem Beruf.Karl Gass war Mitbegründer des Leipziger Dokumentarfilmfestivals, Quizmaster im DDR-Fernsehen und Verbandsfunktionär, der heftige Kämpfe "gegen Routine, Gleichgültigkeit und Formalismus führte", wie sein Autor und Freund Klaus Wischnewski schrieb. Zeit für Memoiren hat Karl Gass leider nie gefunden. Aber seine Filme, die heftig-agitatorischen ebenso wie die klug-dialektischen, summieren sich zu einem spannenden Jahrhundertwerk.------------------------------Foto: Karl Gass (2. 2. 1927 - 29. 1. 2009)KORREKTUR vom 31.01./1.02.2009In die Bildunterschrift zum gestrigen Nachruf auf Karl Gass hat sich bedauerlicherweise ein Fehler eingeschlichen: Gass ist bereits 1917 - und nicht erst 1927 - geboren worden.