Eine Traueranzeige in der Berliner Zeitung, vor dem Umblättern gerade noch wahrgenommen. Wolfram Witt ist gestorben. Der Drehbuchautor von "Coming Out": Ein homosexueller Lehrer in der DDR traut sich zu sagen, wen er wirklich liebt. Nicht seine starke Frau, sondern einen schmalen, verträumten Jungen. Heiner Carow hatte sieben Jahre um dieses Projekt gekämpft. Der Regisseur und sein Autor müssen sich gegen bizarre Argumente durchsetzen. Besonders der Generaldirektor der Defa will den Film nicht. Carow lässt Gutachten anfertigen, von einem Psychiater, einem Soziologen und einem Rechtswissenschaftler. Er setzt sein Renommee als Vizepräsident der Akademie der Künste ein. Endlich bekommt er die Drehgenehmigung. Am 9. November 1989 abends um halb acht geht das Filmteam zur Premiere ins Kino International. Der ausverkaufte Saal vibriert vor Erwartung, man kennt die Vorgeschichte. Der erste Schwulenfilm der Defa bedeutet für viele im Publikum öffentliche Akzeptanz und Lebenshilfe. Am Ende gibt es stürmischen Beifall und große Rührung. Das Team fährt zur Premierenfeier in die Kneipe Burgfrieden im Prenzlauer Berg, sie war ein Drehort des Films. Da gehen über die Agenturen schon die Meldungen, bald stürzen fremde Leute herein: "Die Mauer ist auf!" Die Gäste der Feier glauben das erst mal nicht. Dann beschließen sie trotzig, hier zu bleiben. Sie machen die Tür zu. Keine Eile. Das geht ihnen alles viel zu schnell. Nur Wolfram Witt spricht eine Hoffnung aus: "Vielleicht komme ich jetzt endlich an die Medikamente ran."SchlussvorstellungDamals ist er 36 Jahre alt. Er hat vorher an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg Filmwissenschaft studiert. Wolfram Witt läuft irgendwie sonderbar. Er sei krank, hört man. Etwas mit den Knochen. Mit "Coming Out" erlebt er seinen großen Erfolg als Autor, auch wenn der Film in dieser atemlosen Zeit nicht die Aufregungen auslöst, die ihm in der alten DDR gewiss gewesen wären. Den Film sehen noch über eine Million Zuschauer, und das International ist drei Monate lang ausverkauft, aber über allem liegt der Klang einer Schlussvorstellung. Die Leute sind jetzt mit neuen Aufregungen beschäftigt. Und die Defa in Babelsberg entlässt ihre Künstler. Wolfram Witt hat Projekte, aber der Einstieg in das gesamtdeutsche Filmgeschäft ist schwer. Er kann nur noch ein paar Drehbücher für Fernsehserien verkaufen. Manchmal sieht man ihn im Theater oder im Kino, meistens im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Nun geht er langsam an Krücken. Freunde begleiten ihn. Er wirkt abweisend, sieht in sich hinein. Er trägt immer ein weiches, langes Halstuch. Lila. Nur seine Freunde werden wissen, wie ihm das Überleben zuletzt gelungen ist. Wolfram Witt wurde nur fünfzig Jahre alt.