Wilhelm Emrich ist im Alter von neunzig Jahren gestorben. Emrich war einer der großen Ordinarien der Freien Universität Berlin, der er seit 1959 angehörte. Er faszinierte auch nach seiner Emeritierung viele Studenten derart, daß seine Vorlesungen bisweilen ins Auditorium Maximum verlegt werden mußten. Emrich war als kantiges Individuum eine Ausnahmeerscheinung am ansonsten eher theoriegesteuerten Germanistischen Seminar. Versteckten dort die Professoren vor allem in den Jahren nach 1968 ihre Liebe zur Literatur hinter müden soziologischen Fragestellungen allgemeinster Art, so ging Emrich die Literatur als Begeisterter an. Er leierte keine Aufsätze herunter, sondern sprach frei heraus, erzählte, beschwor, rezitierte, überflog die Kulturgeschichte fast skrupellos. Bisweilen sang er sogar ein von Schubert vertontes Verslein.Seine intime Kenntnis der Literaturgeschichte verführte ihn bisweilen zu einem, wenn auch mitreißenden, Schwadronieren über die Geschichte als Prozeß zunehmender Verlorenheit des Individuums. Beim behenden Entwerfen seiner kulturgeschichtlichen Gesamtpanoramen kam ihm die Eigenart vieler Germanisten ihre Stärke und Schwäche zugleich zu Hilfe, aus den einzelnen Disziplinen der Humanwissenschaften die faßlichsten Grundlagen herauszufiltern, sich dadurch aber um die tieferen Problemstellungen zu betrügen. Diesem kontinuierlichen Denken in großen Würfen entsprachen heftige Widersprüche in Emrichs politischer Biographie. Aus dem linken Studenten, der sich sehr früh mit Walter Benjamin beschäftigte, entwickelte sich im Nationalsozialismus ein völkisch formulierender Germanist, dessen gehässiger Antisemitismus zumindest in einer Schrift weit über das übliche Mitläufer-Maß hinaus ging. In der Bundesrepublik widmete er sich dann vor allem Franz Kafka, in dem er eine Art umgekehrten Goethe sah, den Zusammenbruch der klassischen Ideale mit sich alleine austragend. Ein Großteil seiner Studenten liebte ihn gerade auch deshalb, weil er sie herausforderte und in einem recht kollektivistisch denkenden Institut an ihre Originalität und Empfindungskraft appellierte.