Brecht fragte den 25-jährigen Besson 1947 in Zürich, ob er nicht Lust hätte mit nach Ost-Berlin zu kommen, er würde da ein eigenes Theater gründen. Für den in der französischen Schweiz aufgewachsenen Jungregisseur war das die folgenschwerste Entscheidung seines Lebens.Denn anschließend hat Benno Besson 30 Jahre lang Berliner Theatergeschichte mitgeschrieben. Zuerst als Assistent, Schauspieler und Regisseur am Berliner Ensemble, wo er sicher der begabteste der Schüler war, die Brecht um sich versammelte. Zugleich konnte er seine romanische Prägung in das deutsche Theater einbringen, eine Helligkeit und Heiterkeit, die dem hiesigen Theater oft fehlte. Anschaulich wurde das in seiner Inszenierung von Moliéres "Don Juan" 1952 in Rostock, der er 1956 "Der gute Mensch von Sezuan" mit Käthe Reichel folgen ließ. Am Berliner Ensemble wurde der "Don Juan" in einer neuen Bearbeitung 1954 von Brecht und Besson zusammen inszeniert, womit die außerordentlich kollegiale Beziehung der beiden sich schließlich auch in einer außerordentlichen Theaterleistung niederschlug.Diese bevorzugte Stellung zu Brecht sollte Besson nach dessen Tod auf andere Art zu spüren bekommen, als die einzelnen Schüler sich zu positionieren wussten, sich teilweise mit- und gegeneinander verbündeten. Das war dem Schweizer Bauernsohn fremd, und er litt auch unter dem sich wandelnden Klima, in dem er zu schriftlichen Stellungnahmen genötigt werden sollte, die seine Unterordnung einforderten. Dass er am wichtigsten Theater jener Zeit teilgenommen hatte, das war ihm sehr bewusst. Später nannte er die Situation des frühen BE eine "Igelstellung" - isoliert mit aufgestellten Stacheln der Abwehr.Besson wechselte nach einer Pause 1962 ans Deutsche Theater. Er war nun vierzig Jahre alt und bereit für ganz große Sachen. Mit Aristophanes' "Der Frieden" in der Bearbeitung von Peter Hacks gelang eine der wichtigsten Inszenierungen der sechziger Jahre, die außerdem die Wiederentdeckung der Antike für das Theater in der DDR einleitete. Die Antike-Stücke seines Freundes Heiner Müller kommen auch von dieser Inszenierung. Der zweite Paukenschlag war dann "Der Drache" von Jewgenij Schwarz, eine opulente Diktaturparabel in der wunderbaren Ausstattung von Horst Sagert. Diese Inszenierung lief bis weit in die siebziger Jahre hinein und brachte es auf über 500 Vorstellungen. Auch von hier gingen Impulse für weitere Theaterarbeit aus: 1969 inszenierte Ruth Berghaus die Oper "Lanzelot" an der Staatsoper, für die Heiner Müller das Drachenoper-Libretto geschrieben hat.So war Besson mehrfach an entscheidenden Stellen der Theaterentwicklung beteiligt. Auch was die politischen Kontroversen betraf: Die Uraufführung von Hacks' "Moritz Tassow", 1965 an der Volksbühne, wurde nach wenigen Vorstellungen verboten. Und hausintern gab es Leute, die Besson den Erfolg am Deutschen Theater missgönnten, Einladungen zu Gastspielen behinderten und dergleichen. Besson sieht sich schon wieder in einer "Igelstellung" und wechselt ein weiteres Mal das Theater - 1969 geht er an die Volksbühne, deren Intendant er 1974 wird.Die Volksbühne wird praktisch sein Gesamtkunstwerk, obwohl er den Oskar-Kaufmann-Bau zunächst überhaupt nicht mag. Aber er fordert heraus, und das ist bis heute die entscheidende Anregung Bessons geblieben: Man muss Theater dort anders machen, durch alle seine Wände brechen und ständig frische Luft von draußen reinlassen.Besson erfand die Spektakel, große Theaterfeste, bei denen nicht mehr nur auf der Bühne gespielt wurde, sondern auch im Foyer und im Hof. Die frische Luft kam vor allem in Gestalt von Autoren herein - Heiner Müller, der lange im Abseits stehen musste, fand hier ab Mitte der siebziger Jahre zum ersten Mal ein Haustheater, das ihn und seine Stücke offensiv vertrat. Aber auch der junge Christoph Hein wird von Besson nach Kräften gefördert, Regisseure wie Manfred Karge und Matthias Langhoff und Assistenten wie Dimiter Gottscheff konnten bei Besson reifen. Die Theaterkantine der Volksbühne war nach den Worten Henry Hübchens ein europäischer Begegnungsort und von der Weltläufigkeit ihres Schweizer Intendanten geprägt.Aber auch dieses dritte Berliner Kapitel fand ein Ende und Besson verließ die DDR 1979. Über die Gründe ist viel gemutmaßt worden. Funktionäre hätten ihm seine Tätigkeit als Intendant zunehmend schwerer gemacht, und in den Jahren nach der Biermann-Ausbürgerung wurde Besson sicher auch bewusst, dass die Gründe, weshalb er als junger Trotzkist Brecht nach Berlin gefolgt war, längst nicht mehr stimmten. Später erzählte er, es wäre hauptsächlich wegen der Sprache gewesen, als ihn bei einer Regie in Avignon die Angstvorstellung ergriff, er könnte Französisch als seine Hauptsprache einbüßen. Besson sprach ein etwas kurioses und dabei sehr charmantes Deutsch, immer sehr bildhaft, um die etwas wackelige Grammatik zu überspielen.In den achtziger und neunziger Jahren hat Besson vor allem in der Schweiz, in Frankreich und in Italien gearbeitet, immer wieder Brecht inszeniert. Einmal kehrte er ans Schiller-Theater zurück, kurz vor dessen Schließung. Und 2002 gastierte er mit seinem "Kaukasischen Kreidekreis" aus Lausanne - im Berliner Ensemble. Dieser Bogenschlag über fünfzig Jahre gehörte an diesem Ort zu den großen Momenten der Berliner Theatergeschichte, für die Besson so viel beigetragen hat, dass man ihn eigentlich nicht vergleichen kann.Benno Besson war Vater der Schauspieler Katharina Thalbach und Pierre Besson. Am Donnerstag ist er im Alter von 83 Jahren nach längerer schwerer Krankheit in einem Berliner Krankenhaus gestorben.------------------------------Foto: Benno Besson bei einer Probe am Schauspielhaus Zürich 1998