Als Claus Hinrich Casdorff den modernen Polittalk erfand, war Michel Friedman neun Jahre alt. Sabine Christiansen ging noch in die Grundschule und Maybritt Illner konnte noch nicht laufen. Im Mai 1965 gründete der WDR-Journalist Claus H. Casdorff, der am vergangenen Freitag im Alter von 78 Jahren gestorben ist, das Politmagazin "Monitor". Die Sendung wollte nicht nur über Politik berichten, sondern auch Politiker zu Wort kommen lassen. Als feste Rubrik entwickelte Casdorff deshalb gemeinsam mit Rudolf Rohlinger das "Kreuzverhör": Politiker wie Helmut Schmidt oder Kurt Kiesinger stellten sich den Fragen der Journalisten, aber auch außerparlamentarische Stars der 68er wie der Aufklärungspapst Oswalt Kolle fanden sich im Kreuzverhör wieder. Als legendär gilt das Gespräch mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Strauß, den Casdorff und Rohlinger 1972 mit ihren bohrenden Fragen schwer unter Druck setzten. Nach der Sendung, so berichten Zeitzeugen, habe sich Strauß über die unverschämten "Überfallfragen" beschwert. Wutschnaubend verließ der Politiker das Studio und brauste mit seinem BMW die Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung davon. Casdorffs "Kreuzfeuer" stand bald selbst in der Kritik. Als "unfair" bezeichneten Konservative die Gesprächskonstellation, in der ein Einzelner gleich zwei Interviewern Rede und Antwort stehen musste. Beim Publikum kam das "Kreuzfeuer" dagegen gut an. Dabei machten Casdorff und Rohlinger keinesfalls gefälliges Fernsehen. Die beiden bereiteten sich pefekt vor und traten mit geschliffen vorformulierten Fragen und einer präzise abgestimmten Dramaturgie vor die Kameras. Wichtiger war aber die Tatsache, dass Casdorff und Rohlinger über das persönliche Format verfügten, sich auch von den Mächtigsten des Staates nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Später perfektionierte Casdorff seine Fragetechnik als Solist in der WDR-Regionalsendung "Ich stelle mich". Mit nuschelnder Stimme und großer Schlagfertigkeit glänzte er auch in dieser Sendestunde. Wenn Casdorff gefragt wurde, wieso er sich von den "hohen Tieren" der Republik nie hatte einschüchtern lassen, begründete er seine Selbstsicherheit stets mit seiner Biografie. Die Nazis verhafteten den Jugendlichen 1942 wegen angeblicher staatsfeindlicher Äußerungen und steckten ihn in ein Gestapogefängnis. "Wenn man als 17-Jähriger für seine liberale Haltung eingesperrt und geprügelt wird", erklärte Casdorff, "dann prägt das einen Menschen für immer." Ohne Pardon hielt er bis zu seiner Pensionierung am kritischen Journalismus fest; viele namhafte Fernsehjournalisten, allen voran Tagesthemen-Star Ulrich Wickert, haben ihr Handwerk bei Casdorff gelernt.Foto: Claus Hinrich Casdorff gründete das Politikmagazin "Monitor".