Noch vor vier Wochen hat es eine Uraufführung von Alfred Schnittke gegeben. In Moskau wurde seine neunte Sinfonie gespielt, doch an der Aufführung und der anschließenden Ehrung nahm der Komponist, schwer krank und gezeichnet von einer Reihe von Herzinfarkten, schon nicht mehr Teil. Schnittke schrieb die neunte Sinfonie im vergangenen Jahr zu Hause in Hamburg, da hatte er seine Sprachfähigkeit bereits verloren, er war vollständig gelähmt. Nur mit der linken Hand vermochte er noch Noten zu schreiben, die weithin unleserliche Partitur hat der Dirigent Gennadij Roshdestwenskij in eine spielbare Musiziervorlage umzuschreiben versucht.Alfred Schnittke hat nie über sich gesprochen wie ein Mensch, dem das Leben leicht und angenehm war. "Ich gehöre zu niemandem", sagte er, "ich habe kein Land, ich habe keinen Platz. Das hat mich jahrelang gequält. Dann habe ich verstanden und endlich Ruhe gefunden: Es wird keine reale Lösung geben." Zurück nach MoskauSchnittke wurde am 24. November 1934 in Engels an der Wolga geboren. Sein Vater, der Journalist und Übersetzer Harry Schnittke, entstammte einer lettisch-jüdischen Familie aus Frankfurt am Main. Seine Mutter, Maria Vogel, eine katholische Deutsche, war Deutschlehrerin und Mitarbeiterin der Zeitung in Engels, der Hauptstadt der Wolgadeutschen Autonomen Sowjetrepublik. 1946 kam Schnittke nach Wien, erhielt Klavierunterricht, spielte Akkordeon und lernte das große Musikleben kennen. Seine eigentliche musikalische Ausbildung erhielt er jedoch in Moskau, wohin er im Jahr 1948 zurückgegehrt war; Schnittke studierte Chorleitung, Klavier und Komposition. Seit Ende der 70er Jahre trat Schnittke auch im Westen auf. 1989 übernahm er eine Kompositionsklasse an der Musikhochschule in Hamburg, 1990 erhielt er die deutsche Staatsangehörigkeit, bereits 1982 hatte er in Wien den katholischen Glauben angenommen. Was Schnittke mit einer "realen Lösung" seiner Verhältnisse gemeint haben könnte, läßt sich unschwer aus den Grunddaten seines Lebens erschließen: Die Möglichkeit eines eigenen Ortes, einer eigenen Sprache, einer eigenen Identität. "Ich bin nicht Russe, auch wenn Russisch meine Muttersprache ist", sagte er von sich: "Aber die eigentliche Muttersprache war wiederum das halbvergessene und halbfalsche Deutsch der Wolgadeutschen. Dann hatte ich das Problem, daß ich zur Hälfte Jude bin, obwohl ich Jiddisch überhaupt nicht beherrsche."Es liegt nahe, Schnittkes Leben, seine Herkunft, seine Ortswechsel und die Biografie seiner Sprache zum Modell seines Komponierens zu erklären. Und in der Tat steht Alfred Schnittke wie kaum ein anderer Komponist aus der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts für die widersprüchliche Vielfalt von musikalischen Sprachen, Stilen, Idiomen, Dialekten in einem einzigen Werk. Seine Sinfonien, Concerti Grossi und Kammermusiken, seine Kantate "Historia von Dr. Johann Fausten" aus dem Jahr 1983, in einem weiteren Sinne auch die Oper "Life with an Idiot", (1992), machten ihn für ein breiteres Publikum zu einem beispielhaften, ja schulbildenden Vertreter zeitgenössischen Komponierens in den späten 70er, vor allem aber den 80er Jahren. Im Gegensatz zu Komponisten wie Boulez, Stockhausen, Nono, Lachenmann, aber auch dem frühen Ligeti stand Schnittke für eine selbstverständlich sich mitteilende, welthaltige, gar nicht hermetische Moderne. Aber Schnittke, der in Westeuropa bald in die Mühlen der Diskussion um die Postmoderne geriet, hatte nie daran gedacht, eine wie auch immer polemische Gegenposition zur Avantgarde des Westens einzunehmen. In den frühen 60er Jahren wurde er durch die Besuche Nonos mit dem seriellen Komponieren bekannt, auch im Studio für elektronische Musik in Moskau arbeitete er zeitweise mit. An eine stetig fortschreitende Moderne wollte Schnittke bald nicht mehr glauben, "in der jetzigen Situation der Musik ist alles alt", erklärte er, "es gibt ja nichts mehr Neues. Daher könnte nur die persönliche Einstellung zu dieser Situation neu sein. Also nicht was gemacht wird, sondern wie es gemacht wird." Schnittke interessierte sich mehr und mehr für die Korrespondenzen von Stilen verschiedener Zeiten. Das "Wichtigste" in der Kunst wurde ihm "nicht das Auffinden eines eigenartigen Stils und das Abkapseln von der übrigen, anders gearteten Musikwelt, sondern das ständige Weiterleben in dieser Musikwelt, in der alles gleichzeitig da ist."Die ersten Werke dieser später im Westen so beliebten "Polystilistik" waren von durchaus schokkierender Wirkung. In seiner ersten Sinfonie aus dem Jahr 1972, neben dem ersten Concerto Grosso für Streichorchester, zwei Violinen, Cembalo und präpariertes Klavier ein Hauptwerk der 70er Jahre, fügt Schnittke mit beispielloser Freiheit heterogenstes Material zusammen. Klassische Zitate von Beethoven bis Tschaikowskij werden mit Barock-, Tanz- und Jahrmarktsmusik, dem Dies Irae, aber auch mit Tonfällen der Avantgardemusik collagiert. Dem ersten Blick bietet die Symphonie ein Bild des universalen Chaos, die musikalische Welt scheint restlos desintegriert, mancher wollte in der Sinfonie auch den "babylonischen Turm" der Neuen Musik erblickt haben. Allerdings entdeckt, wer hinhört, unter der chaotischen Oberfläche eine weitere, für das künstlerische Gelingen wohl entscheidende Schicht. In ihr kämpft das Spirituelle gegen das Geistlose, das Kunstvolle gegen das Vulgäre, das Hohe gegen das Niedere. Eine Lektüre, die östlichen Erfahrungsweisen, auch einem "russischen Ton" Verständnis entgegenbringen wollte, entdeckte in dem prallen Werk wohl auch die tiefere Frage nach geistigen Werten in einer Welt vielsprachiger, marktschreierischer, vordergründiger Information. Scheinbar naivIn einer musikgeschichtlichen Situation, in der, trotz der zunehmend unübersehbaren Aporien, Adornos "geschichtlicher Stand des Materials" noch immer als Maßstab der Kritik diente, hatte es das geschichtsphilosophisch scheinbar naive Komponieren Schnittkes nicht leicht. Schnittke konnte mit einer konstruktiv geschlossenen musikalischen Sprache nicht aufwarten. Trotz der bestürzend modernen Gegensätze in seinen Sinfonien wurde er als Vertreter einer emphatischen Moderne nie anerkannt. Sein Komponieren wurde im Zusammenhang mit der sowjetischen Musik der 70er Jahre verstanden, ähnlich wie die 15. Sinfonie und die Sonate für Viola und Klavier von Dimitri Schostakowitsch, das Violinkonzert von Gija Kantscheli und einige Werke Valentin Silvestrows wurde Schnittkes polystilistisches Verfahren im Westen niemals als "neu" und häufig als eklektizistisch empfunden, im Wertesystem der Neuen Musik rückte es in die Nähe des Populären hinab.Vieles, gewiß die gern gespielte historisierende Kammermusik