Zum Tod des Komponisten Tilo Medek: Musik aus der Kraft der verdichteten Sprache

Der Tod ist ein Irrtum", schrieb Heiner Müller angesichts seines nahenden Todes. Dieser Tod ist ein Irrtum, müssen auch wir sagen: Am letzten Freitag ist Tilo Medek an einem zu spät erkannten Krebsleiden gestorben.Die räumliche Trennung zwischen uns seit 1977, dem Jahr seiner "Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR" und seiner Ansiedlung am Rhein, hat verhindert, dass wir uns so oft treffen konnten, wie es unserer Verbundenheit entsprach. Von unserer ersten Begegnung an in den Studienjahren an der Humboldt-Uni empfanden wir eine Zugehörigkeit, die über eine normale Kommilitonenschaft deutlich hinausging, und schon nach kurzer Zeit war eine geistige Verschwisterung entstanden, die lebenslang gelten sollte. Es waren Thilos wache, spielerisch leichte und dabei analytisch-kritische Geistigkeit, sein empfindungstiefer Intellekt und seine teilnehmende Geselligkeit, die seine Gegenwart so anziehend, sein Gespräch so unterhaltend und bereichernd machten. Der Thüringer Tilo Medek, 1940 als Sohn eines Kammermusikers und Komponisten in Jena geboren und aufgewachsen, vereinte exemplarisch prägende Eigenschaften dieses mitteldeutschen Menschenschlages: Natur- und Menschenliebe, bodenständige und geschichtsbewusste Bindung an Herkunft und neugierige, teilnehmende Offenheit zur Welt.Tilo Medek war der nicht eben häufige Typ eines Komponisten mit umfassender Literaturliebe und -kenntnis. Davon künden seine Lieder und Liederzyklen nach Texten von Wolkenstein über Goethe und Brecht bis hin zu den Zeitgenossen Celan, Kunert, Mickel oder Kirsch. Der Dichtung verpflichtet waren auch die Opern "Einzug" (1969, nach Isaak Babel) und "Katharina Blum" (1984/86, nach Heinrich Böll). Die Beispiele deuten an, wie weitgreifend Medeks Faszination durch die Kraft der verdichteten und überhöhten Sprache zum Quell seiner Tonschöpfungen wurde.Medek verband seine tonsetzerische Originalität, gegründet auf ein umfassendes, tiefes Verständnis der Musikgeschichte, mit dem Willen und der Fähigkeit, den Hörer emotional zu berühren und ihn auch in seiner Befindlichkeit aufzustören - wenn er etwa Lenins "Dekret über den Frieden" von 1917 (ein mehr denn je aufrüttelnder Text) für Sprecher und Schlagzeug vertonte. Die bei der Uraufführung in der Komischen Oper 1967 vom Publikum spontan erklatschte Wiederholung führte denn auch folgerichtig zum mehrjährigen Aufführungsverbot.Bei unserem letzten, stundenlangen Telefonat sprach Tilo davon, dass er endlich seinen Briefwechsel mit dem schon vor Jahren verstorbenen Freund Alfred Schnittke herausgeben müsse, von weiterer Arbeit am Nachlass seines Lehrers Rudolf Wagner-Régeny und vor allem an einem zehnteiligen Orgelzyklus für das Leipziger Gewandhaus. Im fünften Stück unterbrach der Tod den rastlos Arbeitenden. Ich verabschiede mich von einem treuen, unvergesslichen Freund, einem mit 66 Jahren Unvollendetem, dessen reiches Werk "Vollendung träumend" in die Zukunft leben wird.Hans Pölkow war von 1963 bis 1969 Kunstkritiker dieser Zeitung.------------------------------Foto: Der Komponist Tilo Medek in einer Aufnahme von 1972